Der richtige Ort

Neulich in der Bahn. Genauer gesagt, in der Toilette eines handelsüblichen IC. An der Wand ein Spiegel, darunter Seifenspender, Handtuchspender, Knopf zum Starten des Wassers, Wasserrohr. Darunter das Waschbecken. In der Nähe der Bedienelemente jeweils ein Aufkleber mit einem erklärenden Piktogramm. Soweit so gut, alles wie gewohnt. Tausendmal gesehen:

zugtoilette

Wenn man aber nicht mit den Augen sehen kann? Für diesen Fall hat die Bahn die Piktogramme sinnvollerweise um Braillebeschriftungen ergänzt:

piktogramm_kein_trinkwasser piktogramm_handtuecher

Da steht dann wie zu erwarten Seife, Kein Trinkwasser und Handtücher drauf, sodass auch Blinde wissen, was es da gibt. Der Knopf zum Einschalten des Wassers trägt zwar ein Piktogramm, aber kurioserweise keine Braille-Beschriftung. Dass man dort das Wasser einschaltet, muss man raten, wenn man nicht visuell sieht. Aber gut, was soll es da schon geben als einen Wassereinschaltknopf?

Was mich an den Beschriftungen stutzig macht ist die Platzierung. Die Piktogramme sind natürlich so angebracht, dass man sie gut sieht, wenn man vor der Waschbeckenwand steht. Aber diese Platzierung ist für Leute ohne Augenlicht wahrscheinlich nicht sinnvoll – deren Blick bleibt nicht beim Überfliegen einer Fläche an den Piktogrammen hängen. Sie müssen stattdessen die ganze Fläche abtasten, um die Braille-Beschriftungen zu finden.

Und dann wissen sie immer noch nicht, wo die beschrifteten Bedienelemente sich befinden. Der Handtuch- und der Seifenspender sind deutlich oberhalb des Schildes, das Wasserrohr ist unter dem Schild. Der Knopf für das Wasser ist gar nicht beschriftet, aber durch den Sockel wohl einigermaßen auffindbar.

Die Braille-Beschriftungen sind einfach auf die Piktogramme geklebt, befinden sich also an Stellen, die für visuell Sehende ausgesucht wurden, nicht für Blinde. Sie helfen den Letzteren deshalb weniger beim Finden der betreffenden Dinge, sie informieren nur, dass es die hier irgendwo gibt. Für visuell Sehende reicht das, Blinden erleichtert es das Leben daggen nicht ganz so. Sehr zielgruppenorientiert sieht diese Gestaltung jedenfalls nicht aus.

Ich habe keine Ahnung, wie man das besser machen könnte. Vielleicht sollte man die Brailleschilder anders platzieren, etwa am Rand der Fläche. Sie müssen ja nicht an den gleichen Stellen kleben wie die Piktogramme – visuell Sehenden können die Braille-Zeichen so egal sein wie die Piktogramme für Blinde egal sind.

Vielleicht sollten tastbare Streifen vom Schild zum betreffenden Bedienelemente führen, ähnlich wie die tastbaren Bodenleitsysteme auf Bahnhöfen und in vielen Innenstädten? Die Wikipedia-Artikel Blindenleitsystem und Universal Design geben dazu nichts her, die beschäftigen sich tatsächlich v.a. mit der Gestaltung von Gehwegen und öffentlichen Gebäuden. Zur sinnvollen Gestaltung von Benutzungsoberflächen steht dort wenig. Auch sonst habe ich dazu auf die Schnelle nichts gefunden.

Gibt es dazu irgendwelche durchdachten und schlüssigen Design-Konzepte, oder wurschtelt da jeder so vor sich hin?


6 Kommentare on “Der richtige Ort”

  1. Nazienkel sagt:

    Interessante Betrachtung, fällt Sehenden wohl meist nicht auf. Mir bisher nicht. Schon traurig, Beschrifungen für Blinde sollten Pflicht sein, aber die Umsetzung ist mies. Gibt es denn eine Braille-Beschriftung an der Tür?

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  2. gnaddrig sagt:

    Hm, da habe ich nicht nachgeschaut. Bei der nächsten Fahrt hole ich das nach.

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  3. Neulich in der Damentoilette der BMW-Welt, München:
    Da gibt es Wasserhähne mit Sensoren. Da erkennt aber nicht einmal der Großteil der Sehenden, dass man da die Hand vorhalten muss, damit das Wasser kommt.
    Ob das Abischt ist, damit Wildfremde aus aller Welt ins Gespräch kommen?

    Zumindest am Service-Point konnte man mir diese Frage nicht beantworten.

    Und Sehbehinderte? Die brauchen sicherlich total lange um die Sensoren in der Wand zu ertasten. Aber Hauptsache Design-Klo!

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  4. gnaddrig sagt:

    Das mit den Sensoren ist mir auch schonmal aufgefallen – man sieht sie nicht, oft hat es nicht einmal ein Piktogramm, das darauf hinweist, und wenn man blind ist und das Ding abtastet, riskiert man wahrscheinlich, dass man sich das Wasser auf die Ärmel schießt, wenn es unvermittelt anfängt zu fließen, weil man die Finger vor dem Sensor hat. Nicht schön.

    Mein Eindruck ist, dass Design ganz oft viel zu kurz greift und nicht einmal auf die klassische primäre Zielgruppe – gesunde, sehende, kognitiv durchschnittlich ausgestattete Leute – angemessen eingeht, von Barrierefreiheit ganz zu schweigen.

    Dass schicke Kurven, gewagte Farben und ungewöhnliches Layout noch lange kein gutes Design ausmachen und dass auch Design-Gegenstände ihre Funktion nach Möglichkeit erfüllen können sollten, hat sich anscheinend noch nicht zu allen Produktdesignern herumgesprochen.

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  5. Pfeffermatz sagt:

    Man könnte für Sehbhinderte ja noch Audio-Hinweise geben; so könnte das Handtuchschild zum Beispiel in einem fort „Handtuch, Handtuch“ sagen. Zusammen ergäbe das einen schönes „Seife, kein Trinkwasser, Handtuch“-Rap.

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  6. gnaddrig sagt:

    Oder natürlich ne App, die „heiß“ und „kalt“ sagt, je nachdem, wie nahe man dem Ziel ist…

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