Salami, die nächste Scheibe

Neulich hat ein Spinner/Verbrecher/Drecksack/Verwirrter/Terrorist [nichtzutreffendes streichen] in einem Zug von Amsterdam nach Paris versucht, mit einem Sturmgewehr um sich zu schießen. Seine Flinte klemmte aber glücklicherweise, und durch das beherzte Eingreifen dreier Mitreisender konnte er davon abgehalten werden, jemanden umzubringen.

Schlimm, dass Menschen überhaupt in einen Geisteszustand geraten, wo sie sowas tun, egal ob es sich um Amokläufe handelt oder um bewusst geplante und kaltblütig ausgeführte Anschläge. Schlimm, dass der überhaupt soweit gekommen ist. Gut, dass er nicht weiter gekommen ist.

Was aber machen wir jetzt damit? Schwarzweiß gefragt: Warten wir auf den nächsten Amokläufer/Attentäter und hoffen, dass es uns und unsere Lieben nicht trifft? Oder sperren wir vorsorglich gleich alle ein und schmeißen die  Zellenschlüssel weg, damit niemand mehr überhaupt die Möglichkeit hat, sowas anzustellen?

Wie befürchtet neigt „die Politik“ zu der letzteren Herangehensweise. Das Echo der Schüsse ist noch kaum verhallt, da will man schon die Sicherheitsmaßnahmen im internationalen Zugverkehr verschärfen, allen voran Frankreich und Deutschland. Im Gespräch sind „Namensfahrscheine“ auf ausgewählten grenzüberschreitenden Strecken, stärkere Polizeikontrollen auf großen Bahnhöfen und in Zügen. Man will die Waffengesetze verschärfen und die grenzübergreifende Kooperation verbessern. Man möchte weiterhin die Kameraüberwachung auf deutschen Bahnhöfen ausbauen und – ganz dringlich – die Fluggastdatenspeicherung in Europa vorantreiben, weil der Attentäter vorher wohl auch mit dem Flugzeug unterwegs gewesen ist.

Ist er eigentlich auch Autobahn gefahren? Dann könnte man auch endlich, endlich auch die Mautbrückendaten zur Fahndung und Strafverfolgung nutzen!

Ich weiß, ganz alte Leier, schon tausendmal gehört. Aber die Sheriffs spielen diese Karte ja auch immer wieder mal gern. Steter Tropfen höhlt den Stein und irgendwann wachen wir unversehens in einem Polizeistaat auf. Nicht, dass ich irgendeinem der aktuellen Akteure in der Regierung solche Ambitionen unterstelle, aber es wird eben Stück für Stück die Infrastruktur geschaffen, die jemand böser Gesinntes dann ganz einfach nutzen könnte, ohne dabei gegen allzuviele Gesetze verstoßen zu müssen. Jedenfalls gefällt mir diese ganze Denkrichtung nicht.

Wie man von „war wohl vorher mit dem Flugzeug unterwegs“ auf „mit ausgiebigerer Fluggastdatenspeicherung hätten wir ihn vorher greifen können“ kriegt, bleibt mir dabei rätselhaft. Wer weiß, dass die Polizei ihn auf dem Radar hat, fliegt nicht oder unter falschem Namen oder stellt – wie gerade bei vermutetem IS-Hintergrund naheliegt – gleich auf Selbstmordattentat um.

P.S.: Hatte der Mann im Zug eigentlich Telefon oder Internet? Ein Handy vielleicht? Dann wäre damit doch schlüssig bewiesen, dass die umfassende und unbegrenzte Vorratsdatenspeicherung unverzichtbar („alternativlos“), wichtig und eine ganz tolle Sache ist, die unbedingt sofort flächendeckend eingeführt werden muss.

P.P.S.: Es ist unfassbar, da werden jetzt die ganz großen Räder in Sachen Sicherheit und Terrorabwehr gedreht, und ich rege mich auf, weil ich nach 22 Uhr kein Bier mehr kriege…

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8 Kommentare on “Salami, die nächste Scheibe”

  1. christahartwig sagt:

    Na, an dem Bierhahn könnte man ja vielleicht drehen, während gegen Amokläufer im Grunde kein Kraut gewachsen ist. Man kann ja nicht überall Sicherheitsvorkehrungen treffen, wo rein theoretisch jemand durchdrehen könnte. Das wäre nämlich jeder U-Bahn, jeder Busbahnhof, jeder Markt, jedes Freibad, … Soll ich fortfahren? Der Sicherheitsaktionismus unserer Politiker verfolgt oft auch den Zweck, von anderen Missständen, gegen die sehr wohl etwas unternommen werden könnte (siehe Zapfenstreich), abzulenken. So beunruhigend die Nachrichten zurzeit auch sind, es fallen mir verdächtig viele Themen unter den Tisch.

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  2. Herr Ösi sagt:

    Sobald der implantierbare RFID CHip samt Gedankenleser und der Möglichkeit, unerwünschte Personen ferngesteuert zu töten, flächendeckend bereit steht, dürfte der Drops gelutscht sein. Ich denke, im 2. Halbjahr 2016 sind wir so weit sein …

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  3. gnaddrig sagt:

    @ christahartwig: Man müsste einfach nur jedem einen Chip einpflanzen, um lückenlos verfolgen zu können, wer sich wo aufhält, wie bewegt, mit wem interagiert usw. Was dann an Prävention möglich wäre, traumhaft! Dass sie oft von Dingen abzulenken, die eigentlich dran sind, an denen man was machen könnte und müsste, glaube ich auch. Ist ja auch einfacher so.

    Was mich an dieser ganzen Sicherheitsgeschichte stört ist, dass immer, wenn irgendwo irgendwas Schlimmes passiert, gleich erstmal reflexartig eine Verschärfung von Gesetzen und Vorschriften verlangt wird. Egal was passiert, die Antwort ist praktisch immer eine weitere kleine Einschränkung von Grundrechten und Freiheitsrechten, oder jedenfalls der entsprechende Vorschlag.

    Dass diese Verschärfungen in aller Regel an den Ursachen für die Ereignisse nichts ändern und darum letztlich auch nicht helfen werden, wird ignoriert. Hauptsache man steht als Macher da.

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  4. gnaddrig sagt:

    Naja, Herr Ösi, ganz so weit sind wir wohl doch noch nicht. Technisch mag das in Sichtweite sein, aber es wäre nicht durchsetzbar. Ich sehe auch niemanden, der das ernsthaft betreiben würde, jedenfalls nicht in Mitteleuropa. (Von ein paar durchgeknallten Randfiguren mal abgesehen, deren Wählerschaft aber sicher kaum dreistellige Höhe erreicht).

    Mir machen, zumindest für Deutschland, weniger aktiv und bewusst totalitäre Bestrebungen Sorgen, sondern dass das – wie ich immer noch glaube – einigermaßen ehrliche Bestreben, möglichst viel Sicherheit zu erreichen, unbeabsichtigt die Freiheitsrechte aushöhlt und eben die Strukturen zumindest vorbereitet, die ein Polizeistaat hinterher braucht. Diesen Polizeistaat, wenn er denn kommen sollte, werden andere errichten.

    Derzeit muss man vor allem aufpassen, dass man nicht zu viel Freiheit abbaut, zu viele Sicherungen rausdreht und die freiheitlich-demokratische Grundordnung am Ende so ausgehöhlt ist, dass sie keinen Stress mehr verträgt.

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  5. Django sagt:

    Das ist der Geist der „Vollkasko-Politik“. Wenn irgendwo etwas passiert, fragt der Michel (und seine internationalen Kollegen auch): „Wie konnte das passieren?“ Und die Politik suggeriert, dass sie etwas dagegen tun könnte, wenn man sie ließe. Und indem man eine schöne Grenze zieht zwischen den „braven Bürgern“ und den „Radikalen“, und das elende Gerede von „wer nichts zu verbergen hat….“ auftischt, lassen sich auf diese Weise sogar Wählerstimmen erzeugen.
    Da geht dann unter, dass die Charlie-Hebdo-Attentäter polizeibekannt waren. Aber von der Erkenntnis ist der Schritt nicht groß zum Minority Report.

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  6. gnaddrig sagt:

    Stimmt, so sieht das aus.

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  7. Pfeffermatz sagt:

    Ich hoffe, der Kerl hatte keinen Blog. Dann sind wir nämlich auch dran…

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  8. gnaddrig sagt:

    Autsch, hast recht, daran hatte ich nocht gar nicht gedacht. Wir als Agitprop-Leute sind natürlich oberverdächtig. Gleich erstmal hochnehmen und durchleuchten.

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