Zahnbehandlung

Die Fotos des am 2. September 2015 ertrunkenen Ailan Kurdi am Strand von Bodrum in der Türkei haben weltweit Aufsehen erregt. Twitter hat tagelang hochemotional gewogt, der Hashtag #KiyiyaVuranInsanlik soll eine Weile lang der aktivste Hashtag auf Twitter überhaupt gewesen sein. Es sind unzählige Fernsehreportagen, Zeitungs- und Blogartikel darüber erschienen.

Es wurde wieder darüber diskutiert, ob man solche Bilder überhaupt zeigen soll. (Ich finde, hier war es angebracht. Weshalb ich das denke, kann man hier nachlesen, oder kürzer gefasst hier). Jedenfalls zeigen die Bilder die Folgen unserer verfehlten Asyl-, Außen- und Entwicklungspolitik, holen das Drama aus dem Reich der anonymen Zahlen ins Anschauliche, Begreifbare. Hier geht es um konkrete Menschen in Not. Um konkrete Menschen, die auf der Strecke bleiben. Die sind nicht irgendwer, die sind nicht egal, jeder von ihnen hat einen Namen.

Wir (Deutsche, Europäer, „der Westen“) zwingen die Leute zwar nicht direkt selbst zur Flucht, das tun andere (oft genug allerdings mithilfe deutschen oder jedenfalls europäischen Geräts), aber unsere Regierungen sorgen mit ihrer Politik dafür, dass sie keinen anderen Weg in eine sichere Umgebung sehen als in überfüllten Seelenverkäufern über das Mittelmeer oder in zweckentfremdeten Lkw über Land. Dass wir damit indirekt die wachsende Schlepperindustrie alimentieren, ist für das rechtsstaatliche Selbstverständnis Europas und v.a. Deutschlands umso beschämender.

Die Bilder von Ailan Kurdi zeigen die Folgen von alledem, ganz schlicht und ergreifend.

* ****

Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die „Asylkritiker“ sich der Angelegenheit annehmen würden, und tatsächlich tauchte im Laufe des 4. September die Nachricht auf, die Familie – bereits seit 2012 in der (sicheren! wirtschaftlich boomenden!! kulturell den Syrern viel näher stehenden!!!) Türkei ansässig und mit Unterkunft und komfortablem Auskommen gesegnet – sei nur deshalb ins Boot gestiegen, weil der Vater jetzt endlich eine bestimmte Zahnbehandlung wollte, die das türkische Gesundheitssystem ihm verweigert habe.

Überhaupt, habe ich in dem Zusammenhang gelesen, müsse aus Syrien und erst recht aus der Türkei sowieso niemand fliehen. Wer da Probleme hatte und wegmusste, sei längst in Jordanien, im Libanon oder in Ägypten untergekommen oder eben auch in der Türkei. Alle, die jetzt kommen, seien entweder getarnte IS-Kämpfer (es ist immerhin denkbar, dass IS-Maulwürfe dabei sind – der IS hat ja halb Syrien besetzt einschließlich der Behörden, die dort die Melderegister führen und Pässe ausstellen) oder Quasi-Urlauber (genauso wie praktisch alle Afrikaner sowieso).

Dass in Syrien immer noch ein klitzekleines bisschen Krieg tobt muss in dem Zusammenhang nicht interessieren. Was der IS in seinem Machtbereich in Syrien und im Irak so treibt ist allgemein bekannt. Dass Assad auch kein freundlicher Onkel ist, sondern eine ausgesprochen aktive und extrem abgebrühte Geheimpolizei betreibt, ist auch kein Geheimwissen. Dass andere Staaten der Region in Chaos und Gewalt versinken, man denke an Libyen, Somalia, Jemen oder den Irak, sollte man auch nicht vergessen. Was das für normale Menschen in der Region bedeutet, sollte man sich auch mit eingeschränkter Fantasie und Empathiefähigkeit ausmalen können.

** ***

Aber völlig egal das alles. Die Zähne wollte er sich machen lassen, heißt es unter Berufung auf ein Fragment eines Video-Interviews einer Verwandten in Kanada. „Fahr erstmal irgendwie nach Deutschland, dann kommste weiter nach Kanada, dann machen wir Dir die Zähne“ – so wird das von interesierter Seite dargestellt.

Was für eine Zahnbehandlung hat der Mann denn wollen? Wenn er, wie ich wo gelesen habe, im jetzt gescheiterten dritten Anlauf etwa 2.000 Euro pro Kopf für die Überfahrt gezahlt hat, also um die 8.000 für die ganze Familie, davon hätte man doch schon eine Menge Zahnarzt in der vergleichsweise preiswerten Türkei bezahlen können, oder? (Dann wollte – nimmt der Chor der Herrenrassisten das Stichwort dankbar auf – der Asylschmarotzer nicht nur einfach eine medizinisch notwendige Zahnbehandlung, sondern eine oberteure, sicher unnötige Superluxuszahnsanierung. Von unserem guten, hart erarbeiteten doitschen Gellet! Das ist ja total dreist ist das ja!)

Und die Mutter war auch dabei. Würde eine Frau ihre zwei kleinen Kinder einem windigen Schlepper mit einem Boot zweifelhafter Seetüchtigkeit anvertrauen, bloß weil ihr Mann zum Zahnarzt will und dafür mehr Geld braucht als die halsbrecherische Überfahrt kostet? Wir haben es bei Abdulla Kurdi immerhin nicht mit einem korantrunkenen Halbgöttle-Imitator in Kaftan, Bart und Turban zu tun, der seine persönliche Sklavin fest im Griff hat, sondern mit einem allem Anschein nach eher nicht so wahnsinnig fundamentalistischen syrischen Kurden.

Und wie teuer soll so eine Zahnbehandlung denn sein, dass es sich lohnt, mehrere Tausend Euro für eine hochriskante Überfahrt ins völlig Ungewisse zu zahlen und dabei sämtlichen restlichen Besitz, Unterkunft und Arbeitsstelle aufzugeben? Irgendwie kommt mir das nicht ganz koscher vor.

*** **

Bei mimikama hat sich das jemand genauer angeschaut, und offenbar ist das mit der Zahnbehandlung als Fluchtgrund tatsächlich zumindestens grob verzerrt. Das zum Beweis der Zahnarztvorwürfe verwendete Video wurde geschickt geschnitten. Der Zusammenhang fehlt, tatsächlich genannte Gründe für die Entscheidung zur Flucht über das Mittelmeer werden unterschlagen, aber das braucht natürlich keinen „Asylkritiker“ zu stören, wo sich’s doch grad so schön hetzt.

Und selbst wenn es stimmen sollte. Selbst wenn Ailan, sein Bruder und ihre Mutter tatsächlich für die Eitelkeit des Vaters gestorben sein sollten – es steht außer Frage, dass viele Tausend Flüchtlinge aus einer Reihe afrikanischer und nahöstlicher Länder übers Mittelmeer fahren. Dass unzählige Flüchtlinge dabei ums Leben kommen. Dass die Küstenwache oder das Rote Kreuz oder wer auch immer zuständig ist Tag für Tag Ertrunkene von Nordafrikas Stränden einsammeln, darunter auch Frauen und Kinder.

Will heißen, selbst wenn Ailan Kurdi ein Opfer nicht nur der Geldgier der verantwortlichen Schlepper, sondern auch der Eitelkeit seines Vaters sein sollte (was ich immer noch nicht recht glaube), würden die Fotos trotzdem zur Illustration der Flüchtlingstragödien taugen, die sich jeden Tag im Mittelmeer ereignen. Überladene Boote kentern, Passagiere ersticken in überfüllten Laderäumen oder ertrinken. Männer, Frauen und Kinder werden Tag für Tag angespült, an den Stränden Libyens oder Marokkos. Und diese Tragödien sind echt, die gehören gestoppt und verhindert. Wenn diese Bilder die Welt wachrütteln können, ist das mehr als recht.

Ich bin da eher pessimistisch, aber wer weiß…

Advertisements


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s