Heimat

Heimat ist so ein komisches Wort im Deutschen. Komisch aus mehreren Gründen. Erst einmal ist es vage – es kann das Land selbst meinen (oder eine Region davon oder einen bestimmten Ort), es kann ein, sagen wir, nur bedingt ortsgebundenes gesellschaftliches Umfeld meinen. Die Freiwillige Feuerwehr etwa, der Sportverein, die Stammkneipe oder der Stammtisch, die Werkbank, der – egal welcher – Weinberg, der eigene Bücherschrank – alle können Heimatfunktionen wahrnehmen.

Dann ist der Begriff im Deutschen seltsam überladen. Da ist der edelweißblühende Köhlerlieselkitsch vor Edelrahmkühen auf alpenglühenden Almen. Die gartenzwergidyllische Spießigkeit aus Hoffmann von Fallerslebens Deutschlandlied (dessen dritte Strophe ich als Nationalhymne allerdings gar nicht so übel finde). Ähnlich kitschig ist Auferstanden aus Ruinen, die Hymne der verblichenen DDR. Fand ich auch ganz ok und hätte ich kein Problem mit.

Nach politischen und militärischen Gewitterstürmen (30-jähriger Krieg und Westfälischer Frieden; Napoleon und Wiener Kongress) hatte der deutsche Michel sich weitgehend in Schrebergärten und Elfenbeintürme zurückgezogen und dort Gemütlichkeit, Gelehrsamkeit und Heimatgefühl zur Kunstform erhoben. Als dann die völkische Brühe hochkochte, wurde das Thema Heimat natürlich mehr und mehr „national“ besetzt und am Ende in den Dienst der nationalsozialistischen Bewegung gestellt.

Nachdem das Experiment bekanntlich allergründlichst in die Hose gegangen war, gingen Volkslied und Ringelreihen um den Maibaum nicht mehr so gut, zumal mehrere Millionen Deutsche ihre Heimat ganz real und unwiederbringlich verloren hatten.

Das hat den Begriff zusätzlich mit einer Sehnsucht aufgeladen, die von vornherein nicht erfüllt werden kann – Ostpreußen, Pommern, Schlesien sind nicht mehr deutsch, und sogar wenn man jetzt wieder ungehindert dorthin reisen kann und sich dort niederlassen, wenn man denn will, ist es nicht dasselbe. Das, was die Heimat der Vertriebenen ausgemacht hat, ist weg – die eingesessene Bevölkerung, die Mundarten, die örtliche Kultur, die gewachsenen Strukturen.

Um es kurz zu machen, Heimat ist in Deutschland ein schwieriges, zwiespältiges Ding. Ich selbst tue mich schwer, eine Heimat zu nennen. Mein Geburtsort, den ich im Kleinkindalter verlassen habe, weil meine Eltern umzogen? Sicher nicht. Das Dorf, in dem ich einen Teil meiner Kindheit verbrachte, bis wir wieder umzogen? Am Ehesten, aber eigentlich nicht wirklich – mein Bild von dem Ort ist das eines Grundschulkindes, ist auf dem Stand von damals stehengeblieben, statisch, unvollständig und lange veraltet. Sicher ähnlich unwirklich wie das ostpreußische Dorf, das meine Großeltern per Flucht verlassen mussten oder die ausgebombte Nachbarschaft der anderen Großeltern.

Die Stadt, in der ich den Rest meiner Kindheit und Jugend bis zum Abitur verbrachte ist auch irgendwie Heimat, aber auch wieder nicht richtig. Gefragt, wo ich herkomme, nenne ich eher das Dorf als die Stadt.

Die Stadt, in der ich zu lange studierte, war von vornherein nie als Heimat in Frage gekommen, war nur als Durchgangsstation geplant. Und seitdem bin ich egal wo in der Fremde. Heimat habe ich eigentlich keine, nur eine Meldeadresse und ein paar überall im Land verstreute Freunde.

Das Gefühl, kaum Wurzeln zu haben, werde ich von meinen Eltern geerbt haben. Bei denen geht das sicher großenteils auf die Familiengeschichte mit Vertreibung und Flucht ihrer Eltern zurück, auf die Bombennächte und den Verlust der Wohnung und der ganzen Stadt durch einen Bombenangriff.

In den Nachkriegsjahren sind die auch mehrmals umgezogen, und schon so etwas eigentlich Harmloses kann für Kinder schlimm sein. Mir hat der Wegzug aus dem Dorf jedenfalls nicht gefallen, ich wollte dort nicht weg und bin wohl nicht zuletzt deshalb am neuen Wohnort nicht recht heimisch geworden.

Heimat und der Verlust derselben ist jedenfalls ein Thema, das mich seit längerem immer wieder beschäftigt. Und wenn ich mich umschaue, scheint das vielen so zu gehen.

Nachtrag (19. Oktober 2015): Patrick Gensing hat auf Publikative einen interessanten Artikel zum Thema Heimat veröffentlicht. Ganz anderer Blickwinkel, jedenfalls sehr lesenswert.


10 Kommentare on “Heimat”

  1. Herr Ösi sagt:

    „Heimat“ ist so ein komisches Wort im Deutschen.

    Aber „komisch“, schon komisch, ist auch ein komisches Wort. Und erst recht das Wort „Wort“. Im Grunde, könnte man sagen, sind im Deutschen, so wie zwangsläufig wohl auch in anderen Sprachen, irgendwie alle Wörter irgendwie komisch.

    Komisch …

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  2. berlienchen sagt:

    Faszinierend dein Beitrag. Ich hab mich da total wieder gefunden. Meine kurze Zusammenfassung: bis neun Jahre in einem Dorf, Umzug mit den Eltern auf ein weiteres allerdings viel weiter weg (an der Ostsee), weiterer Umzug, da Wohnraum zu klein, weiterer Umzug, da (nach inzw. drei Kindern) noch ein Kind folgte und Wohnraum zu klein. Endlich angekommen in einem mickrigen Dorf, das mit den Jahren aber ganz schön wurde… Mitten im Abitur ist meinen Eltern eingefallen, dass sie in einen größeren Ort ziehen wollen. Yeah! Im selen Jahr in ich auf Grund meiner Lehre wieder umgezogen, dann nach der Lehre in eine Kleinstadt am Haff und dort der Liebe wegen zwei Jahre später wieder aufgebrochen, um hier in Berlin einen Neuanfang zu finden.
    Heimat. Ich hab auch öfter darüber nachgedacht, was das für mich bedeutet. Bisher war es einfach da wo meine Familie wohnt. Wenn ich nach Mecklenburg-Vorpommern fahre, die Landschaft, die Leute, die Ostsee. Nun ziehen meine Eltern auch nach Berlin, zwei meiner Geschwister leben bereits hier. Ich habe meine Familie hier… Dennoch ist Berlin noch nicht meine Heimat.

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  3. gnaddrig sagt:

    Ist halt nicht immer so einfach zu wissen, wo man zuhause ist oder was das überhaupt bedeutet.

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  4. Achim sagt:

    Nach meinem 12. Umzug seit dem Kleinkindalter – die Gattin nennt ähnliche Werte – wurden die Helden unsere Helden: „Gekommen um zu bleiben.“ Hat natürlich nicht geholfen, wir sind im Frühjahr umgezogen. Allerdings innerhalb der gleichen Großstadt.

    Aber fast jedesmal, wenn der Zug in Richtung Norden aus Hamburg rausfährt und der Himmel weit wird, weiß ich wieder, wo mein Herz schlägt. Ob das auch so wäre, wenn ich dort wieder Wohnsitz nehme, weiß ich natürlich nicht.

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  5. gnaddrig sagt:

    Das macht es auch nicht einfacher – man weiß nicht, wie es wäre, wenn man wieder dauerhaft dort wäre. Vieles am Alltag wäre dort sicher nicht weniger anstrengend, nervtötend oder doof.

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  6. Onkel Michael sagt:

    Sehr interessanter Artikel, der zum Nachdenken anregt. Meine komplette Familie waren Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn meine Oma von „daheim“ sprach, war das ihr Dorf in Schlesien, mein Opa erzählte von seiner Heimatstadt in Böhmen und von seinem Studium in Prag, seine Frau (und ebenfalls meine Oma, mein anderer Opa ist im Krieg geblieben) erzählt von Ostpreußen und dem Gut ihrer Eltern.
    Für mich ist Heimat die kleine fränkische Stadt, in der sich alle getroffen haben. Jedesmal, wenn ich vom Studium mit dem Zug nach Hause gefahren bin und die Burg über der kleinen Stadt schon von Weitem gesehen habe, überkam mich dieses Heimatgefühl und es ging mir gut.
    Heute arbeite ich in einer anderen Stadt und kann mich immer noch nicht dazu durchringen, dorthin umzuziehen, lieber pendle ich jeden Tag. Und wenn ich dann auf meinem Balkon sitze und mein Bierchen trinke, dann überkommt mich ein einzigartiges Gefühl der Zufriedenheit.
    Vielleicht bin ich einfach ein Landei, aber ich bin es gerne.

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  7. gnaddrig sagt:

    Danke, und herzlich willkommen. Das Gefühl, eine Heimat zu haben, sei Dir von Herzen gegönnt, das ist was sehr Kostbares, erst recht bei der Vorgeschichte.

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  8. Stefan sagt:

    Wenn ich eine „Heimat“ im landsmannschaftlichen Sinne benennen sollte — also den Kulturkreis, in dem ich aufgewachsen bin und dem ich mich verbunden fühle — dann fiele mir als antiquierter Begriff zunächst „Preußen“ ein. Alle meine Vorfahren entstammen der brandenburgischen Kurmark bzw dem mecklenburgischen und pommerschen Raum, der aber mangels Konkurrenz als preußisch gelten muß.

    (Es gibt ja Leute, die Norddeutschland als dänische und Pommern als russische Interessensphäre betrachten. Aber das sind Leute, die diese Gegend nicht kennen und die sich nicht vorstellen können, daß so ein technisch, geistig und moralisch zurückgebliebener Landstrich wie der nördlich von Brandenburg überhaupt existiert, und noch dazu mitten in Europa. Kennten sie ihn, dann wüßten sie, daß niemand — weder Däne noch Russe — dort irgendwelche Absichten hat. Der Däne dagegen wußte ganz genau, warum er sich bei seiner Expansion auf Schleswig-Holstein beschränkt hat und auch dem Russen fiel es sicher leicht, sich beim Feilschen mit Ribbentrop mit Ostpolen und den Balten zu begnügen.)

    Nicht, daß ich da jetzt irgendwie stolz drauf wäre oder mir gar schwarzweiße und frakturbeschriftete Preußen-Aufkleber ans Auto pappte — aber ich fühle mich zumindest etwas auch den Werten verbunden, die klischeehaft mit dem mageren Protestantismus und der vielbesungenen „preußischen Arbeitsethik“ assoziiert sind: Unprätentiöses Auftreten, Verzicht auf goldene Tressen zugunsten der jeweils betriebenen Sache und ein Hauptaugenmerk auf Effizienz statt Eyecandy. Nicht reden, sondern machen.

    Kein verschwurbelter Katholizismus, der alletage ein falsches Gepränge aus vergoldetem Gips aufträgt, vor dem sich die Leute jedes Jahr kollektiv in einen einwöchigen Dauerrausch flüchten müssen: Sondern die unaufgeregte Religionsausübung in schmucklosen und windschiefen Dorfkirchen, die oftmals kein bißchen mehr scheinen, als sie sind.

    Dazu noch den Alten Fritz als Lichtgestalt, der — anders als seine Zeitgenossen und Nachfolger — überlegt, sparsam und entsprechend erfolgreich Krieg geführt hat, der mit dem Oderbruch eine ganze Provinz ohne einen einzigen Schuß gewonnen hat und selbst geflohenen Franzosen auf seinem Land eine Heimat gab, voll kluger Freude über den Fleiß und das Geschick seiner neuen Bürger.

    Zitat von einem der wenigen sympathischen Könige:
    ——————————-
    Raisonniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!
    ——————————-

    (Mehr kann man als König nicht verlangen, aber darunter sollte man es auch nicht machen. Sehr feines Gespür für die Trennlinie zwischen notwendiger Staatsraison einerseits und der Meinungsfreiheit andrerseits, deren zu starke Einschränkung bisher noch keiner Herrschaft gutgetan hat. Außerdem hat der Mann großen Wert auf die Trennung von Staat und Kirche gelegt, hinter welche Standards die oft katholisch dominierte BRD-Regierung stellenweise weit zurückgefallen ist.)

    Wie gesagt … das hat mit „Stolz“ wenig zu tun, denn wie kann ich stolz sein auf die Taten anderer Leute? — Aber immerhin ist die ganze Kultur und Geschichte der Gegend auch nichts, wovon ich mich distanzieren müßte; und da sähe es bei der süd-, west- oder großdeutschen Kultur und Geschichte schon völlig anders aus.

    Außerdem ist das Land einfach schön. Sowohl dort, wo die ursprüngliche Natur in dichtem Mischwald vor der Kultivierung bewahrt wurde als auch da, wo der Mensch sie nachhaltig verändert hat: Denn die „Brandenburger Streusandbüchse“ hat nie die reichen Erträge abgeworfen, die zu hohem Wohlstand und hohen Gebäuden führen. Die Landstraßen und Alleen sind zum Teil seit Jahrhunderten nicht verbreitert worden, was ihnen neben schmalen Fahrspuren aber auch das sonst unerreichte Blätterdach verleiht.

    Diese berühmte Seenplatte ist zwar völlig mückenverseucht, dient aber als nützlicher Touristenmagnet und hält die fremden Völkerscharen von den sanft geschwungenen Feldern, Wiesen und Wäldern der Mark fern, die sich dadurch dem Kenner als nahezu menschenleeres Erholungsgebiet hingeben.

    (Das ist das, was mir zu „Heimat“ einfällt. — Und der orangerote Schein am Nachthimmel, wenn die Bahn mich von einem Außeneinsatz im sächsischen oder rheinischen Ausland wieder nach Hause trägt.)

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  9. Achim sagt:

    @ Stefan: Gerade wenn du dich als „Preuße“ fühlst und die preußischen Werte hochhältst, solltest du dich über die Herkunft der seltsamen Gebräuche der Eingeborenen im Rheinland besser informieren. Der Karneval in seiner heutigen Form (im Gegensatz zur südwestdeutschen Fasnacht) hat seinen Ursprung – genau: in der Zeit, als die Gegend zur preußischen Rheinprovinz wurde. Mit den Klamotten und dem pseudomilitärischen Gepränge flüchten sich die Leute nicht vor dem Katholizismus, sondern sie veralbern die protestantische Besatzungsmacht. Das viele Eyecandy ist Gegenentwurf zur preußischen Effizienz.

    Und hey, Mecklenburg so einfach als Preußen zu vereinnahmen geht auch nicht. Lies mal ein bisschen die mecklenburgische Geschichte nach

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  10. […] Krieg zwingt Leute auf die Flucht aus der Heimat, oft Hals über Kopf, bei Nacht und Nebel, egal wie und egal wohin. Die finden sich dann irgendwo […]

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