Der nationale Zeitvertreib

In ihren Herzen brennt ein Feuer, und das wollen, nein, das können sie nicht für sich behalten. Sie wollen es weitergeben, andere daran teilhaben lassen. Und so springt der Funke immer wieder über. Es geht natürlich wieder um abgebrannte Unterkünfte für Asylbewerber. Jetzt ist ein Haus in Boizenburg in nationalgefühligen Flammen aufgegangen.

Das Gemäuer konnte sich offenbar nicht damit abfinden, dass vielleicht Ausländer, Islamis oder Asylschmarotzer gar, darin leben würden, und hat als echt deutsches Haus (mit der exklusiven Treue zum Deutschen Volk™!) den Ehrentod gewählt, vermutlich mit einem winzigen bisschen Nachhilfe. Lieber tot als, naja, man weiß schon was die in den Unterkünften so treiben.

Jetzt hat es also ein Haus in Boizenburg im Landkreis Ludwigslust erwischt. Die Gegend soll eine Hochburg des Rechtsextremismus sein, beste Voraussetzungen also. Eigentlich hätte ich gern einen anderen Tagesablauf als aktuell 1. Zeitung lesen, 2. bösen Text über ausländerfeindliche Brandstifter schreiben, 3. Liste der Orte mit abgefackelten Unterkünften für Asylbewerber aktualisieren.

Ich hätte gern mal einen Tag, eine Woche, einen Monat ohne Nachricht von einem gelegten Brand in einer Asylbewerberunterkunft. Ich würde gern in einem Land leben, wo diese Art Brandstiftung höchstens alle Jubeljahre mal vorkommt, und das auch nur, weil es immer Spinner gibt und man solche Taten nie ganz ausschließen kann. In einem Land, wo das Entgleisungen einzelner weltanschaulich Gestörter sind, nicht der Zeitvertreib einer verblendeten Randgruppe, die erschreckenderweise Sympathisanten bis weit in die vielbeschworene Mitte der Gesellschaft hat. In einem Land, wo solche Aktionen durchweg geächtet sind und wo nicht unzählige vermeintlich Wohlanständige in dasselbe Horn stoßen wie diese Feuerleger, und wo nicht Politiker vorgeblich christlich geprägter Parteien in Worten munter mitzündeln.

Selbst wenn in nicht in jedem Fall Brandstiftung nachgewiesen werden kann – auch gepante Flüchtlingsunterkünfte können durch technische Pannen, Nachlässigkeit und sonstwie in Brand geraten oder auch durch Zündeleien von nicht politisch motivierten Kindern – und selbst wenn nicht in jedem Fall von erwiesener Brandstiftung Ausländerhass, pauschale Ablehnung von (muslimischen) Flüchtlingen oder übersteigerter Nationalchauvinismus als Motiv belegt werden kann, dürfte es schon rein statistisch bemerkenswert sein, dass von allen leerstehenden bewohnbaren Gebäuden vor allem Unterkünfte für Asylbewerber abbrennen. Das kann kaum Zufall sein. Ich habe keine Zahlen, aber ich bin sicher, dass es da eine statistisch signifikante Abweichung gibt, wenn man (geplante) Asylbewerberunterkünfte mit vergleichbaren Gebäuden vergleicht.

Da kann es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit sein, bis es sich einbürgert, Gebäude „warm abzureißen“, indem man es einfach als Flüchtlingsunterkunft zur Verfügung stellt oder jedenfalls öffentlich behauptet, das vorzuhaben. Man muss ja mittlerweile geradezu damit rechnen, dass kurz darauf jemand sich berufen fühlt, den Roten Hahn dort tanzen zu lassen, und dann spart man sich das jahrelange Verfallenlassen bis zur Baufälligkeit, den möglichen Ärger mit Hausbesetzern usw. und kann dann recht schnell neu bauen. Offensichtlich brauchen wir nicht einmal Immobilienhaie und Gentrifizierer, um bezahlbaren Wohnraum zu zerstören, das machen wir ganz billig selbst. Ein Feuerzeug und eine Flasche Brennsprit aus der Drogerie reichen aus. Zwei, drei Euro und ein nächtlicher Spaziergang, und die Zeitungen haben wieder was zu schreiben.

Wenn das so weiter geht, gibt es in Deutschland irgendwann gar keinen Wohnraum mehr und wir wohnen alle in einem großen nationalen Zeltlager, weil’s so schön ist.

** * **

Es ist ein Jammer, dass so viele Mitbürger sich bewusst gegen Jahrzehnte des Aufbaus wenden, sich gegen die Gesellschaft stellen. Dass sie die deutsche Kultur und deutsche Gepflogenheiten so geringschätzen und es so eklatant an Gesetzestreue mangeln lassen (die man von Ausländern natürlich immer wieder gern und lautstark einfordert), dass sie lieber Wohnraum zerstören und dabei Personenschäden teils in Kauf nehmen teils gezielt anstreben anstatt die anstehenden Probleme konstruktiv anzupacken oder sich wenigstens rauszuhalten und diejenigen nicht zu stören, die anpacken. Wenn sie schon nicht Teil der Lösung sein wollen, sollen sie doch wenigstens nicht zusätzliche Probleme verursachen.

Die Flüchtlingswelle geht nicht davon weg, dass man die für Flüchtlinge vorgesehenen Unterkünfte abfackelt. Einheimische Obdachlose und sonstige Abgehängte und Bedürftige, die gerade von konservativen bis rechtspopulistischen Stimmen in dem Zusammenhang immer gern mit großer Besorgnis als Strohmänner angeführt werden, haben nichts davon, dass hier Wohnraum kaputtgemacht wird, im Gegenteil. Es hat niemand was davon. Es schadet allen im Land. Die schießen sich selbst und uns allen jedesmal wieder ins Knie.

Ich kann nur wiederholen: Hass macht offensichtlich dumm und kurzsichtig. Wenn das so weitergeht, wird sich sich der Deutsche evolutiv an diese Umstände anpassen müssen. Da die besorgten Vaterlandsbewahrer und die Haudraufs an ihrer rechten Flanke uns allen ständig ins Knie schießen mit ihren, ähm, flammenden Appellen, werden wir mit zwei Knien auf Dauer nicht überlebensfähig sein – die sind dann ja recht schnell aufgebraucht.

Wir brauchen also mehr Knie, und entweder wird die Herrenrasse demnächst Beine mit mehr als einem Knie pro Stück entwickeln oder es wird eine neue Sorte Mensch mit mehr Beinen pro Kopf entstehen. Dann könnten die Bratzen sich und uns allen weiter nach Belieben in die Knie schießen und trotzdem dem zweiten neuen nationalen Zeitvertreib frönen – dem besorgten Spazierengehen.

Nachtrag (13. Oktober 2015): Erzählmirnix kommt, scheint’s, zu einer ähnlichen Einschätzung des nationalen Feuerzaubers – alles eifrige Eigentorschießer. Sie bringt es allerdings sehr viel kürzer auf den Punkt.

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2 Kommentare on “Der nationale Zeitvertreib”

  1. aargks sagt:

    Oh gnaddrig, einen solch bitteren Text habe ich noch nicht von Dir gelesen. Ich weiß gar nicht, welches Zitat davon ich hervorheben soll, denn der gesamte Text spricht – bei aller Bitterkeit – mir aus der Seele. Das vielleicht:

    Ich hätte gern mal einen Tag, eine Woche, einen Monat ohne Nachricht von einem gelegten Brand in einer Asylbewerberunterkunft. Ich würde gern in einem Land leben, wo diese Art Brandstiftung höchstens alle Jubeljahre mal vorkommt, und das auch nur, weil es immer Spinner gibt und man solche Taten nie ganz ausschließen kann

    Das hätte ich auch gerne. In so einem Land würde ich auch gerne leben (und Utopia: wo’s nicht mal mehr alle Jubeljahre vorkommt). Leider wird das nicht passieren, es ist zum Heulen.

    Ich bin ein Misantrop, aber wenn ich Texte wie Deinen hier lese, dann sehe ich noch diesen einen winzigen Funken Humanismus, dass es noch Menschen wie Dich gibt, die gegen diese fürchterliche aktuelle Entwickung anrennen, die gegen die alltäglich gewordene Hetze immer wieder antexten. Das tut gut, danke für Deinen Beitrag. Hoffentlich lesen ihn ganz ganz viele Menschen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke, aargks. Ich hätte den Text nicht als bitter bezeichnet, eher als wütend. Aber wahrscheinlich hast Du recht. Es frisst mich tatsächlich sehr an das ganze. Wenn Leute krank sind und deshalb komische Dinge tun, kann ich das verstehen und akzeptieren, sogar wenn es schlimme Dinge sind. Aber bei dieser Kombination aus Dummheit und Bösartigkeit komme ich nicht mit. Das ist so unnötig und bescheuert, das macht mich wirklich fassungslos.

    Das Problem mit solchen Texten hier ist, dass man die, die es betrifft ja sowieso nicht erreicht. Selbst wenn von denen jemand das hier liest, wird es nicht durchdringen. Ich predige hier (wie die meisten, die ähnliche Texte produzieren) wohl hauptsächlich den Bekehrten. Das finde ich immer noch wichtig. Unsere Meinung muss öffentlich präsent sein, erstens damit wir selbst sehen, dass es eben Leute gibt, die so denken und zweitens dass die Flüchtlinge als Zielgruppe des Hasses sehen, dass nicht alle hier ihnen das Dach über dem Kopf anzünden wollen.

    Gerade das Letztere finde ich sehr wichtig, sogar wenn die allermeisten Flüchtlinge das hier nie lesen werden und zumindest anfangs auch gar nicht genug Deutsch dafür können. Wir sind wie einzelne Blumen in wenigen Gewehrläufen eines angetretenen Infanteriebataillons – ein paar Farbkleckse in einer grauen, feindlichen Mauer. Wer schonmal Opfer von Mobbing war oder sonst in einer feindseligen Umgebung auf sich gestellt war wird wissen, was ich meine.

    Nichts sagen geht nicht, auch wenn so ein Text schnell geschrieben ist und es viel, viel schwerer ist, tatsächlich was zu tun und zu bewirken. Aber ich denke, immerhin…

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