Zirkelbezug

Pharmama berichtet von einem reichlich schrägen Kundengespräch über Zahnfleischprobleme und deren mögliche Ursachen. (Herrschaftszeiten, Leute gibt’s!) Gegen Ende des Artikels fällt der Begriff Dental Dam. Die nachgeschobene Erklärung („diese Latextüchlein auch Lecktüchlein genannt“) erklärt zwar das Prinzip, aber ich wollte wissen, wie sowas aussieht. Also habe ich Dental Dam gegooglet und bin zunächst bei der englischen Wikipedia gelandet. Dort steht:

A dental dam or rubber dam (sometimes termed „Kofferdam“—from German), is […]

Witzig, ein Fachbegriff, der aus dem Deutschen stammt. Vor 100 Jahren mag das häufiger vorgekommen sein, aber heutzutage werden wissenschaftliche Texte ja auch in Deutschland überwiegend auf Englisch veröffentlicht, und Erfindungen werden eigentlich durchweg international vermarktet, weshalb man zu Produktbezeichnungen neigt, die tendenziell eher Englisch klingen (oder für Englischsprecher aussprechbar sind). Da fällt ein aus dem Deutschen stammender Fachbegriff umso mehr auf.

Ich wechsele also in die deutschsprachige Wikipedia und gelange dort zum Stichwort Kofferdam. Der Artikel beginnt folgendermaßen:

In der Zahnmedizin dient ein Kofferdam (korrekt Cofferdam von englisch to coffer ‚einschließen‘ und dam ‚Damm‘, auch Rubberdam von rubber ,Gummi‘, Synonyma: Kofferdamtuch, Spanngummi),[1] zur[…]

Kommt also doch aus dem Englischen, wurde nur orthographisch teileingedeutscht. Außerdem erfahre ich, dass der Kofferdam 1864 von dem New Yorker Zahnarzt Sanford Christie Barnum in die Zahnheilkunde eingeführt wurde. (Ob Barnum das Ding auch erfunden hat, steht da nicht, aber zumindest die Verwendung in der Zahnmedizin geht auf ihn zurück, das reicht in diesem Zusammenhang wohl.)

Wieso in der englischen Wikipedia dann überhaupt auf die deutsche Schreibweise verwiesen wird, ist mir rätselhaft. Und wieso das auf Deutsch zwar vorn mit K aber hinten mit nur einem m geschrieben wird, leuchtet mir auch nicht ein. Es ist aber kein Tippfehler, wie man hier sehen kann – Kofferdamm mit zwei m ist ein Fachbegriff aus dem Schiffs- und Wasserbau.

Jedenfalls verweisen die beiden Wikipedia-Artikel indirekt aufeinander – der deutschsprachige Artikel weist das Wort Kofferdam als eigentlich englischen Ausdruck aus, der englische Artikel weist es als deutsches Wort aus. Sie sind wie zwei kleine Katzen, die im Kreis rennen und die Schwanzspitze der jeweils anderen jagen, der mit zwei Verweisen kleinstmögliche Zirkelbezug und letztlich eine Spielart dieser Spielerei

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4 Kommentare on “Zirkelbezug”

  1. marana41 sagt:

    Ts, ts, was du immer so findest.

    Wer liest schon bei einer Pharmamama. Aber nicht schlecht, Herr Specht.
    Ich kenne Ähnliches nur als Beatmungstuch aus der ersten Hilfe.

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  2. christahartwig sagt:

    Die Pharmamama hätte ihrem Kunden ja erklären können, dass abgesehen vom Darm die größte Vielfalt an Bakterien im Mund zu finden ist – 7947 Arten auf der Zunge, 4154 im Rachen, rund 7000 im Speichel, und in den Zahnfleischtaschen über 14.000 Arten. Ob die von ihm visitierten Gefilde da mithalten können?

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  3. gnaddrig sagt:

    Du meinst im Sinne von wer da wen mit unliebsamen Mikroorganismen infiziert? Fragt sich, ob man als Apothekerin so ein Gespräch unnötig verlängern will, wenn der Kunde anscheinend eher ein Publikum für Selbstbeweihräucherung sucht als pharmakologischen Rat.

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  4. gnaddrig sagt:

    @ marana41: Tja, Augen auf, es gibt immer irgendwo irgendwas zu entdecken 😉

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In den Wald hineinrufen

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