ß

Neulich hatte ich ja eine Umfrage gemacht, um welches Symbol die schwarzrotgoldene Deutschlandfahne zu ergänzen sei. Ziel war die Rettung des Vater- und des Abendlandes durch Hochhalten und Zementieren Deutscher Werte. (Ich hatte stringent dargelegt, dass diese Rettung von der reichlichen Verwendung des ß in allen Schriftlichkeiten abhängt oder von dieser wenigstens maßgeblich getragen wird.)

Die erbetene reichliche Teilnahme schlug sich in 13 abgegebenen Stimmen nieder. Davon entfallen drei auf Loriot mit Nudel im Gesicht, je zwei auf den Dampfstrahlreiniger, die Currywurst und das ß. Das Vollkornbrötchen hat eine Stimme erhalten. Je eine Stimme geht auch an die drei unter Others (da ist das UI nicht vollständig übersetzt, habe das auf die Schnelle auch nicht flicken können) eingereichten Vorschläge: Autobahn-Verkehrssymbol, grüner Kreis … äh, Punkt und Stahlhelm.

Kollege Nömix hat in einem Kommentar noch Dosenpfand, Gartenzwerg und Eintrittsgebühr am Tankstellen-WC vorgeschlagen. Ob er für einen der Vorschläge in der Umfrage abgestimmt hat, weiß ich nicht, er hat jedenfalls keinen seiner eigenen Vorschläge entsprechend herausgehoben. Ist aber nicht so wichtig, und so oder so sind die sechs zusätzlichen Vorschläge sehr interessant, wenn auch teils grafisch kaum umsetzbar.

Das Autobahnsymbol ist ein Beispiel dafür, wie Deutschland oft auf etwas vergleichsweise Unwichtiges reduziert wird (das passiert anderen Ländern übrigens auch – England ist Tee oder Melone und Regenschirm oder Krawallpresse, Frankreich ist Baguette, Rotwein und Käse, Italien ist Pizza und Mona Lisa, Brasilien ist Fußball und Karneval, Russland ist Wodka und Iwan Rebroff – ja, ich weiß, dass der Mann kein Russe ist – usw.). Jeder glaubt, bescheidzuwissen über diese Länder.

Der Grüne Punkt funktioniert nach demselben Prinzip, das Dosenpfand ebenso. Ob die Benutzung von Autobahntoiletten nur in Deutschland was kostet, weiß ich nicht. Immerhin gibt es hier Toiletten an der Autobahn. Wer mal im Baltikum oder in Russland unterwegs war, kennt die (manchmal sogar überdachten!) Löcher im Boden…

Der Stahlhelm ist eine schmerzhafte Anspielung auf bestimmte Ereignisse der deutschen Geschichte und auf einen damit zusammenhängenden, als typisch deutsch oder wenigstens typisch preußisch gesehenen Charakterzug – die Autoritätshörigkeit, die Untertanenmentalität, nach der jeder gute Deutsche sein eigener Unteroffizier sei, der sich selbst auf Vordermann bringt, die Engstirnigkeit.

Der Gartenzwerg spielt auf einen anderen deutschen Charakterzug an – die biedermeiernde Neigung, sich auf den eigenen Vorgarten zu konzentrieren und den möglichst statisch in Schuss zu halten.

Das ß, um auf meinen ursprünglichen Vorschlag zurückzukommen, wäre ein Symbol für die Neigung, sich unnötigerweise auf irgendwelche deutschen Sonderwege zu versteifen, die niemandem nützen, aber so ein heimeliges Wir-bei-uns-zuhause-Gefühl erzeugen (können).

Da die Leserschaft ganz klar für Loriot mit Nudel im Gesicht gestimmt hat, muss das ß leider zurückstecken. Dabei ist Loriot mit Nudel im Gesicht durchaus ein würdiges Symbol für vieles, was ich an Deutschland und der deutschen Kultur schätze. Loriot hat, zusammen mit italienischen Eiscafés, griechischen Restaurants und türkischen Gemüsehändlern, dazu beigetragen, Deutschland aus einem miefig-staubigen Spießerparadies in ein bewohnbares Land umzuformen. Dass Loriot vor allem zu einer Zeit aktiv war, in der das ß viel häufiger vorkam, ist da sicher nur Zufall. Vielleicht ist in der Folge von Loriots segensreichem Wirken das ß als Wahrzeichen deutscher Leitkultur doch nicht mehr so wichtig und kann sich auf seine schriftbildliche Rolle als typographische Eigenheit konzentrieren.

Nationalchauvinistisches Kaspertheater haben wir jedenfalls nicht nötig. Nicht auf dem Papier, möglichst nicht in den Köpfen und ganz sicher nicht auf der Straße.


7 Kommentare on “ß”

  1. cimddwc sagt:

    Wäre es zu ketzerisch, zu verfälschend, wenn man Loriots Nudel zu einem ß verformt?

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  2. gnaddrig sagt:

    Elegant, so könnte ich meine ursprüngliche Idee am anderslautenden Votum der Massen vorbei doch noch umsetzen. Vielen Dank! Vielleicht wäre das auch in Loriots Sinn…

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  3. gnaddrig sagt:

    Und wenn’s ganz schlimm kommt, könnte man mit den Nudeln geheime Botschaften buchstabieren, die man dann aus Standbildern des (neu zu verfilmenden) Sketches herauslesen könnte, etwa Holt mich hier raus!, Verzeihung, natürlich rauß!

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  4. cimddwc sagt:

    Neu verfilmen? Nein, besser nur die Nudel(n) digital nachbearbeiten, würde ich sagen.

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  5. gnaddrig sagt:

    Stimmt schon, die beiden sind unvergleichlich, da ist Nachbearbeiten wohl wirklich besser.

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  6. Achim sagt:

    Ich find das ß ja schon sehr praktisch. Ich finde aber an der Stelle die NRS eine echte Verbesserung, weil die Regel schlüssiger formuliert wurde, auch wenn ich persönlich beleidigt war: Hatte ich doch zum Zeitpunkt ihrer Abschaffung die alte Regel nach ca. 25-jährigen Bemühungen endlich verinnerlicht 😉

    Ich war als Austauschschüler in England bei meinen Gasteltern zusammen mit einem Freund, der ein ß im Nachnamen hat. Es war nicht so einfach, die Schreibweise zu erklären. Auf der anderen Seite sind wir nicht so allein mit dem Sonderweg: Die Nordgermanen (außer Island) setzen ein o aufs a, die Franzosen ein Komma unters c und die Polen eine Tilde übers l. Dann doch lieber richtig und einen eigenen Buchstaben erfinden!

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  7. gnaddrig sagt:

    Ja, die neue Regel für ß vs. ss ist wirklich sinnvoll (und simpel, auch wenn erstaunlich viele Leute die offenbar nicht beherrschen). Und stimmt, wenn schon Sonderlocke, dann richtig. Auf Runen umzusteigen wäre wahrscheinlich übertrieben, ganz zu verzichten wie die Schweiz irendwie schade.

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