Essen, Bier, Musik, Puff…

Bahnhofsvorplatz, ein milder Nachmittag im Spätherbst. Unter dem Vordach sitzt eine Gruppe Punks auf einer Decke – eine handvoll Leute und zwei Hunde. Ein paar Rucksäcke, eine Musikkiste, viel Bier, ungenierte Unterhaltungen und Verrichtungen. Vor der Decke eine Reihe von Betteldosen, jede einzeln beschriftet: Essen, Bier, Musik, Puff, die anderen kann ich im Vorbeigehen nicht lesen.

Zweckgebundenes Schnorren also, fein ausdifferenzierte Prioritäten, alles sauber kontiert. Ich muss grinsen, und im Weggehen höre ich, wie einer sich laut mokiert: Ja, lach nur, sind ja so niedlich mit unseren Dosen, so süß sind wir. Usw. usf.

Klar, als Punk, der auf sich hält, also als (unterstelle ich pauschal) Verächter der Spießergesellschaft, als Rebell und Aussteiger will man natürlich nicht niedlich gefunden werden. Nett oder witzig wohl auch nicht. Andererseits, wenn man schon öffentlich Witze macht, kann man sich eigentlich schlecht aufregen, wenn jemand den Witz zur Kenntnis nimmt. (Dass die Dosen tatsächlich als Töpfe für die jeweiligen Verwendungen dienen, mag ich nicht recht glauben; möglicherweise bin ich da allerdings bloß wieder in meinem intellektuellen Spießerhamsterrad am Strampeln und liege ganz falsch.)

Immerhin habe ich kein Foto gemacht oder groß und lautstark drauf aufmerksam gemacht – Oh, kuck mal, Jaqueline, die Schilder auf den Dosen, ist das nicht süüüüß!einself! Schlimmer wäre wahrscheinlich nur, wenn ein Geschniegelter nach dem Namen der Band in der Musikkiste fragen würde, weil er die Musik so toll findet.

Dagegen ist das bisschen Gemotze harmlos und eben doch fast niedlich…


4 Kommentare on “Essen, Bier, Musik, Puff…”

  1. Der Duderich sagt:

    Punks? Gibt’s die noch?
    Waren das nicht die, die sich außerhalb der Gesellschaft stellen wollten, aber nie über die Kritik des Spießertums hinauskamen? Ansonsten total unpolitisch, aber Hauptsache hochgestylten Iro, neonfarben gefärbt. Geschnorrtes Bier saufen. Total antikapitalistisch.
    OK, Klischee, aber Punks konnte ich noch nie ernstnehmen. Scheißen auf die Gesellschaft aber schnorren sie an.
    Ich mag teilweise die Musikrichtung des Punk, Sex Pistols,oder P.I.L. z.B.. Die hatten dann auch mal Gesellschaftskritik drauf, nicht wie der Punk um die Ecke, der über „Alles Scheiße!“ und „No Future“ nie hinauskam.
    Die sind nicht so cool, wie sie tun. Und das wissen sie.
    Deshalb neigen sie auch öfter mal zu Humorlosigkeit.

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, gibt’s wohl noch. Ich sehe immer mal wieder welche in der Stadt lagern.

    Der Widerspruch zwischen „Ich verachte euch Spießer für euren braven Lebensstil“ und „Haste mal na Mark fürn Bier/Hundefutter/wasauchimmer“ hat mich auch immer ein bisschen geärgert. Als Gegenentwurf zur Normalverbrauchergesellschaft zieht das nicht so richtig, und damit wird es ziemlich witzlos.

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  3. Ich habe so etwas ähnliches neulich in Hamburg erlebt. Ich lief mit einem Obstkorb, den ich mir gerade gekauft hatte an einer Gruppe Punks vorbei, die auch gleich meinten einem kleinen Menschen mit komischen Haaren hinterher zu rufen: „Das, was du da isst, sche*ßen wir!“

    Da fand ich den älteren Herren mit Hut und Weihnachtsmannbart und Rose im Knopfloch heute an der Ampel wesentlich origineller. Leider hatte ich keine Zeit sein Schild durchzulesen. Die Ampel wurde grün.

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  4. gnaddrig sagt:

    In den Momentaufnahmen von Zeit Online ist gerade ein Foto von Marijan Murat zu sehen, das eine ähnliche Bettelbecherparade zeigt: Straßenszene in Stuttgart.

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In den Wald hineinrufen

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