„Musik“

Das Radio läuft. Ich wohne in einem Haushalt mit Leuten, die das Ding gern laufen haben. Ist auch ok. Meistens. Wir haben Internetradio, da ist man nicht an die paar lokal empfangbaren Sender gebunden, und wenn der gerade laufende Sender mal ins Unangenehme abdriftet, können wir fast immer was Konsensfähiges finden. Also was, mit dem wir alle in dem Moment einigermaßen leben können.

Diesen Text habe ich schon seit einiger Zeit herumliegen, murkse immer mal dran rum, bin nicht zufrieden und lege ihn wieder weg. Jetzt hat Kollege Lars Dithmarschen was über „Witzige“ Werbetexter im röhrenden Radio geschrieben, und da dachte ich dass das jetzt vielleicht eine gute Gelegenheit ist, das Machwerk hier mal rauszuhauen.

Das Radio läuft also, und ich habe das Gefühl, seit einer Viertelstunde dieselbe 2-Takt-Schleife zu hören. Irgendein Hirni wiederholt mit gequetschter Stimme dieselbe kurze Phrase eins ums andere Mal, bis es mir eine Spur ins Hirn fräst. Ändern tut sich nur die Klangfarbe des automatischen Keyboardarpeggios, mit dem das Rezitativ unterlegt ist. Da habe ich fast schon Bedenken, das überhaupt als Musik aufzufassen. Das ist eigentlich eine Autorenlesung mit Klangteppich löcheriger, lustlos zusammengenagelter Geräuschtapete als Hintergrund. Brauche ich nicht. Also Senderwechsel.

Dort zappelt ein einheimischer Talentgigant einen holperigen Reim-Dich-oder-ich-fress-Dich-Textersatz zu einem bezuglos nebenher rappelnden Plastikschlagzeug ins Mikrofon. Zum Refrain singt er sogar und es gibt was vom Keyboard dazu. Er sollte nicht singen und eigentlich auch sonst die Klappe halten, weder Inhalt noch Darbietungsmodus überzeugen mich auch nur ansatzweise. Also Senderwechsel.

Nickelback. Also Senderwechsel. Coldplay. Also Senderwechsel. Dort gnärzt eine Frau eine Jammerstory ins Mikrofon, bei der es nur für eine einsame, mäßig originelle Melodiezeile gereicht hat, die sie aber eiskalt gefühlte zwölf Strophen lang in immerhin zwei verschiedenen Harmonisierungen runternudelt. Außerdem hat sie Schlagzeug, Gitarre, Klavier und Bass dabei, wenigstens. Aber sie kann nicht so gut singen. Und selbst wenn sie könnte, hätte sie nicht genug Melodie im Lied, und das selbstmitleidige Gejammer mag ich sowieso nicht hören (ich jammere lieber selbst). Also Senderwechsel.

Dort liefert jemand zu sehr verhaltener Klavierbegleitung in gleichmäßigem, leicht angenervtem Tonfall ohne Atempause und praktisch ohne Sprachmelodie eine völlig unstrukturierte Silbenkaskade ab, so beschwingt wie jemand, der beim Vorlesen des Telefonbuchs von München auf Seite 983 angelangt ist und noch 685 Seiten vor sich hat und weiß, dass er ohne Klopausen übermorgen abend durch ist. Ist der überhaupt wach? In Trance? Selbsthypnose?

Also Senderwechsel. Ich zappe an irgendeinem Grunzmetal vorbei, an einem Enkel von Roland Kaiser, einem Kollektiv, wo mein innerer Barbie-Alarm die Musik übertönt, an einem, der anscheinend nicht so genau weiß, ob er Punk oder Rap machen will.

** * **

An manchen Tagen ist echt der Wurm drin. Wieso, frage ich mich, kommen ungefähr 78% der Musik von Leuten, die offensichtlich glauben, dass man nur wissen muss, an welchem Ende man ins Mikrofon tönen muss und wie die Playbackmaschine angeschaltet wird?

Von Leuten, die glauben, mit einem Keyboard und ein paar Sample-Sounds und einer dreiviertel Idee pro Track öffentlich Musik machen zu können? Die glauben, wenn man dieselben Textbruchstücke nur oft genug wiederholt, werden sie weniger platt? Die denken, wenn man dieselben öden paar Töne nur oft genug hintereinanderkopiert, ist das Musik? (Das haben übrigens die glattgelutschten Plastikpopleute nicht gepachtet, das geht seit Jahrzehnten durch alle möglichen Genres, man denke nur an Roxanne von The Police – Roxä-hännnnnnn, Roxä-hännnnnnn, Roxä-hännnnnnn, Roxä-hännnnnnn, Roxä-hännnnnnn, Roxä-hännnnnnn, Roxä-hännnnnnn, Roxä-hännnnnnn, Roxä-hännnnnnn, Roxä-hännnnnnn, Roxä-hännnnnnn, Roxä-hännnnnnn, etc.a d nauseam)

Man muss ja nicht gleich wie Wagner komponieren und singen wie Philippe Jaroussky oder Freddy Mercury, man muss weder Pionier sein wie Jimi Hendrix noch Virtuose wie, ach, sucht euch einen aus, gibt ja genug, oder Rennpferd wie Yngwie Malmsteen. Es geht durchaus ein paar Nummern kleiner. (Jede mittlere Kleinstadt hat mindestens eine lokalmatadorende Band, die handwerklich oft nicht wahnsinnig versiert sind, aber zuverlässig solide Musik in handwerklich ordentlicher Qualität abliefern und oft – unabhängig vom spieltechnischen Niveau – sehr, sehr gut sind und eben die lokale Szene dominieren.)

Aber zum Musikmachen, gerade auf der ganz großen Bühne, sollte doch wenigstens ein Mindestmaß an Musik im Blut gehören? Stimme halten? Beim Versuch rhythmisierter Sprache so etwas wie Versmaß wenigstens dem Prinzip nach zu kennen und beim Reimen tatsächlich zu reimen? Die müssen ja keine Jamben produzieren, aber das, was da oft aus den Lautsprechern sickert, hört sich für mich oft genug an, als hätte man einen besoffenen Monolog oder den Mitschnitt eines Streits vor der Kneipe mit Instrumentalem unterlegt und als Musik verkauft. Hämhadda hähdadda dähhämda Dämmdahädadda Hähdaddämda ddaha.

Und viele versteigen sich auf unnötige Kapriolen, mit denen sie ihr Œuvre dann endgültig disqualifizieren. Die quieken beispielsweise völlig unmotiviert in ihren Liedern herum. Das Hauchwunder mit der ständig kippenden Stimme Leona Lewis etwa in Keep Bleeding Love. Da geht es ständig I [quiek quiek] blee-heeding love. Ein wohl seelenverwandter Kerl treibt auch sein Unwesen in den modulierten Wellen. Mir fällt gerade der Name nicht ein, und wie das Stück heißt, weiß ich auch nicht mehr (würde ich auch nur wissen wollen, um einen großen Bogen drum machen zu können), aber der hat ein Lied, wo sehr oft das Wort ich drin vorkommt, also I, und das setzt er immer um eine Oktave nach oben. Das wirkt, als ob er ein Lied singt und zwischendrin völlig unvermittelt immer wieder einen Kiekser absetzt. Affektiert, lächerlich, unstimmig, bescheuert.

Da sind mir die in letzter Zeit häufig erwähnten Kassierer noch lieber. Oder die schrägen Vögel von Extremoduro, die einiges ausgesprochen schräge Zeug in die Welt gesetzt haben, das gleichzeitig aber auch durchaus hörenswert ist (das hier ist beispielsweise ziemlich merkwürdig mit netten Stellen, hier gibt es dagegen gut Hörbares mit schrägen Stellen). Aber sowas kriegt man nie im Radio. Und wenn es doch mal jemand spielt, kommt es zur falschen Zeit und ich bin nicht dabei oder ich bin in der falschen Stimmung. MP3-Player, große Festplatten und die Möglichkeit, alle nur denkbare Musik digital zu kaufen sind ein Segen für Leute wie micht – Radio ist die Hölle, selbstgemachtes Programm der Rettungsring. Da kriege ich Musik und muss mich nicht mit „Musik“ herumquälen.

Meine Frau meint, sie würde manchmal gern Radio hören, ohne dass ich ein Gesicht mache wie die Queen mit Zahnweh und ihr die Musik abschieße. (Coldplay mag sie auch nicht, und dass ich meine Gefühle ausdrücke, findet sie ausdrücklich gut.)


5 Kommentare on “„Musik“”

  1. Achim sagt:

    Der Taxifahrer gestern früh auf dem Weg zum Bahnhof hatte aus Youtube runterkopierte amerikanische Straßenmusiker laufen (Playing for change), das war mal was anderes als R.SH, Radio Nora und was ich bei Heimatbesuchen so zu hören bekommen 🙂

    Wenn ich zu Hause Radio höre (Bügeln, kochen, autofahren), dann Deutschlandradio, DLF, BBC oder Funkhaus Europa.

    Gefällt mir

  2. gnaddrig sagt:

    Straßenmusiker, das hat Charme 🙂

    Gefällt mir

  3. Yadgar sagt:

    „Musik“:

    Ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ooooo-hooooo, I wanna feel your body
    ooooo-hooooo, I wanna feel your body
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!! (BMW-Spochtauspuff)
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ooooo-hooooo, I wanna feel your body
    ooooo-hooooo, I wanna feel your body
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    touch me, touch me, touch me, touch me,
    toooooouuuuuuuuuch meeeeeeeeeee…
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    KLÄFF! (Pitbull)
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    *ratsch* *ratsch* *klick* (Pumpgun wird entsichert)
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    *reifenquietsch*
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    *schniiiiiiiiieeeeeeeeeeeef* (boah, was ist der Stoff heute wieder gut!)
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz
    ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz-ummmz

    usw. usf.

    Gefällt mir

  4. gnaddrig sagt:

    Yadgar, Deinen Kommentar habe ich eben erst im Spamordner entdeckt. Keine Ahnung, wie der da reingeraten ist…

    Gefällt mir

  5. gnaddrig sagt:

    Schön aufs Korn genommen wird das Ummz-ummz-ummz-Genre hier.

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s