Werbepause

Dass ich Werbung doof finde, ist hier schon mehrfach angeklungen. Ich finde Werbung doof. Also fast immer. Es gibt natürlich welche, die witzig, originell oder sonst irgendwie gut ist. Aber das ist die Ausnahme, gerade in Deutschland, wo Werbung für meine Begriffe überwiegend dämlich ist, alle nur vorstellbaren Klischees bedient, je abgelutschter desto penetranter, und in aller Regel eher einen Brechreiz als einen Haben-wollen-Reflex auslöst. Generell fühle ich mich durch Werbung belästigt.

Natürlich ist es legitim, auf Produkte aufmerksam zu machen, die Vorzüge des Produktes oder die Neuerungen öffentlichkeitswirksam darzustellen und die potenzielle Kundschaft zu umwerben. Es ist sogar legitim, Leute ungefragt anzusprechen, auch wenn ich das unangenehm finde. (Wer mich in der Fußgängerzone oder im Bahnhof anspricht, blitzt bei mir grundsätzlich ab, ganz unabhängig vom Anliegen. Ich kaufe nicht auf der Straße, was man mir hinhält. Ich suche mir lieber selbst aus, wann, wo, wie und was ich kaufe.) Ein gewisses Maß an Ungefragtheit lässt sich bei Werbung nicht vermeiden, da ja sogar die Frage, ob man sich vielleicht ein bisschen Werbung ansehen (oder an einer „Umfrage“ teilnehmen) mag, schon eine kleine Verletzung der Privatsphäre darstellt.

So weit so nervig. Was mich an Werbung aber grundsätzlich stört, ist ein systembedingter und meiner Meinung nach kaum heilbarer Mangel: Werbung bedient sich der Gefühle, Erinnerungen, positiven Assoziationen der Zielgruppe, um Produkte oder Dienstleistungen in gutem Licht dastehen zu lassen, Wünsche und Begehrlichkeiten zu wecken und die Zielgruppe zum Konsumieren anzuregen.

Dabei zwängt sich der Werbetreibende in vielen Fällen ohne Rücksicht in die Privatsphäre seiner Zielgruppe, missbraucht unter Umständen private/intime Informationen, die er aus meist zweifelhaften Quellen bezieht. Werbung interessiert sich einen Scheißdreck dafür, ob sie jemandem auf die Zehen tritt, empfindliche Stellen trifft, jemanden verletzt oder ausnutzt, ob sie Ängste, Wünsche, Sehnsüchte von Leuten hemmungslos missbraucht und durch den Dreck zieht. Der aktuelle Weihnachtsspot eines deutschen Einzelhändlers zeigt das eindrücklich. (Wie zu erwarten lobt man in Werberkreisen die technisch hervorragende Ausführung, ohne sich mit ethischen Fragen aufzuhalten. Die werden dafür in dieser sachlichen und fachkundigen Kritik zu dem Spot beleuchtet.)

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Aufmerksamkeit und Reichweite sind alles, egal wie. Insofern sind Werber ein wenig wie die Witwenschüttler der Boulevardpresse – allein die Auflage zählt, jede Art Aufmerksamkeit ist zweckdienlich, und dass das Einzelnen nicht gefällt, kann wegen übergeordneten Interesses nicht berücksichtigt werden. Man braucht Aufmerksamkeit um jeden Preis, und der resultierende Umsatz wiegt ein paar Heulsusen, die damit nicht umgehen können, und ihre (natürlich sowieso nur eingebildeten!) seelischen Blessuren locker auf. Es ist ein ganz oft sehr zynisches Geschäft, und ich finde das in hohem Maß abstoßend.

So abwegig ist das Konzept auch nicht, es scheint hinreichend gut zu funktionieren. Stimmt ja auch – sogar der oben erwähnte Brechreiz sorgt dafür, dass ich das Produkt oder die Marke im Kopf habe, und anscheinend steigt damit die Wahrscheinlichkeit, dass ich bei Gelegenheit eher zu dieser Marke greife als zu einer anderen, mir nicht aus der Werbung bekannten. Die Korrelation will man jedenfalls festgestellt haben und es gibt wohl auch psychologische Erklärungsansätze dafür.

Dass das so ist, ärgert mich ein wenig. Es ärgert mich auch, dass Leute sowas gewerbsmäßig betreiben. Und es ärgert mich, dass sie entweder nicht sehen oder absichtlich ignorieren, wenn sie sexistische oder rassistische Klischees ausnutzen, um ihren Umsatz zu steigern. Wenn man sich wegen sexistischer oder rassistischer Werbung beschwert, kommen fast immer gewundene Nichtentschuldigungen vom Stil „Wir hatten gar nicht gemerkt, dass man das auch sexistisch/rassistisch/homophob/was-auch-immer aufefassen kann. Das war natürlich nicht beabsichtigt und wir bedauern es, wenn sich dadurch jemand herabgewürdigt sehen sollte.“

Da weiß man immer noch nicht, ob die naiv oder zynisch sind, und es ist auch egal – die Werbung läuft ja weiter. Sie wird nur ganz selten zurückgezogen oder relevant verändert. Und selbst wenn der eine oder andere Hersteller (oder seine Werbeleute) auf ein ethisch akzeptableres Vorgehen umschwenken, geht das Gros der Werbung genauso weiter wie immer – der Hund bellt, die Karawane zieht weiter.

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Fast sympathisch weil am Ehrlichsten und Unverblümtesten fand ich die noch unbeholfene Werbung in Russland in den ersten Jahren nach dem Ende der UdSSR, wo Werbung im Wesentlichen aus zwei Wörtern bestand: Kauft und [Produktbezeichnung], oder auch Hier gibt es und [Produktbezeichnung]ergänzt um Richtungs- oder Ortsangabe. Da musste niemand zum Kaufen überredet werden, man musste den Leuten nur sagen, wo sie was kriegen konnten, dann war das ein Selbstläufer damals in dem von jahrzehntelanger Defizitwirtschaft ausgedörrten Land…

Früher tauchten auf den Anzeigenseiten von Zeitungen gelegentlich Ermahnungen an die Leserschaft auf wie Werbung ist Beratung für den Einkauf, verbunden mit der Bitte, die Anzeigen doch bitte wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen und beim Einkauf gefällig zu berücksichtigen. Das war schon immer Unsinn – der Informationsgehalt von Werbung war schon immer nebensächlich, bzw. die wesentliche Information von Werbung ist: Was gibt es, warum will man das haben und wo kriegt man es. Wenn man dazu das Blaue vom Himmel herunterlügen muss, stört das keinen Werber. Wenn man dazu gelegentlich doch ein bisschen echte Information liefern muss – bitteschön, man ist zu allem bereit.

Dabei wehre ich mich ganz ausdrücklich nicht gegen das Bestreben, mit der Herstellung und dem Verkauf von Sachen oder Dienstleistungen Geld zu verdienen, nicht dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Davon lebt die Wirtschaft, und ein Mindestmaß an Werbung dürfte dabei kaum vermeidbar sein. Mich stört nur die Art, wie das meistens gemacht wird.

Aber manchmal, ganz manchmal, gibt es Werbung, die Spaß macht, die witzig oder originell ist. Genial finde ich etwa die Bierwerbung von Carlton Draught aus Australien. Die Verfolgungsjagd ist fast schon legendä, andere Spots aus dem Haus sind deutlich skurriler. Sehenswert ist auch der werbetechnische Schlagabtausch zwischen Mercedes Benz und Jaguar in den USA – das hat Witz. Und die (nicht ganz jugendfreien) Trojan Games. So geht es jedenfalls auch…

 

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8 Kommentare on “Werbepause”

  1. christahartwig sagt:

    Grundsätzlich gebe ich dir recht, aber ich erinnere mich aus der Zeit, als ich noch ein Fernsehgerät besaß, dass an manchen Abenden die Werbung das Anspruchsvollste war, was ein Sender zu bieten hatte, und auch das Cannes Lions International Festival of Creativity (die Cannes-Rolle) hat nicht nur seine Berechtigung, sondern auch manches zu bieten, was zu Recht in Erinnerung bleibt.

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  2. gnaddrig sagt:

    Wenn das Fernsehprogramm so platt ist, spricht das trotzdem nicht für die überwiegend unterirdeische Werbung, oder? Hanuta, mit dem grünen Band der Sympáthie, Sie baden gerade Ihre Hände darin jiippijajajippijippijäj…

    Was da in Cannes vorgeführt wird, ist oft tatsächlich klasse. Für so Zeug lohnt sich YouTube 😉

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  3. schnecke sagt:

    Ich habe auch kein Fernsehgerät und bin auch im Netz immer sehr fix mit dem Wegklickfinger, wenn Werbung mich zu belästigen versucht. Und dann kommst Du daher und kriegst mich zum Werbespot-Kucken, also echt jetzt!

    Diese EDEKA-Werbung ist sowas von ekelhaft, dass mir echt was hochkommt! Dem alten Sack würde ich auf sein EDEKA-Lebensmittel-Weihnachtsessen kotzen, wenn er das mit mir machen würde. Für mich ist dieser Laden für vorweihnachtliche Einkäufe gestrichen.

    „Manipulativ, übergriffig und zynisch“ (wie in der von Dir verlinkten Kritik ausgedrückt) trifft es genau.

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  4. gnaddrig sagt:

    Das tut mir natürlich fast irgendwie leid. Man kommt aber nicht immer drumherum, sich mit den unschönen Seiten der Gegenwart zu beschäftigen. Hoffentlich haben die am Ende verlinkten Spots Dich ein wenig entschädigt!

    Ich hatte diesen Text schon länger in der Mache, habe immer mal dran rumgeschraubt, bin aber nie so recht zufrieden gewesen. Der Weihnachts-Clip war dann der Anlass, den Sack mal zuzubinden. Mal abgesehen von dem Zynismus, mit dem da „Der Zweck heiligt die Mittel“ als süßliche Weihnachtsgeschichte mit Friede-Freude-Eierkuchen im Kreise der Lieben unterm Tannenbaum verkauft wird, macht es mich fassungslos, wieviele Leute das tatsächlich gut finden. Auf Twitter kommt man bei #heimkommen mit dem Lesen nicht nach, und fast alle zerfließen in Tränen der Rührung. Die durchschauen es nicht oder wollen es nicht durchschauen. Unfassbar…

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  5. marana41 sagt:

    Da hast du ganz hübsch an deinen Text gewebt um schließlich und endlich ganz unbefangen den“ doppelten Rittberger“ zeigen zu können.

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  6. gnaddrig sagt:

    Man will ja auch mal ein bisschen Spaß haben 😉

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  7. gnaddrig sagt:

    Wie es hinter den Kulissen der Werbeindustrie zugeht, zeigt Jonathan Kydd hier sehr hübsch.

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  8. gnaddrig sagt:

    Eine Fingerübung zum Thema Werbung anhand eines Beispiels aus der echten Welt führt der Kiezneurotiker vor: Lieber Coffee-to-go als Stop-and-go

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