Einmal Großdeutschland mit allem

Unterwegs gesehen:

grossdeutschland

Da meine ich den Umriss von allem zu erkennen, was in den letzten drei- oder vierhundert Jahren mal zu Deutschland gehört hat oder hätte gehören können; von fast allem, wo deutsch gesprochen wird oder wurde.

Machen wir mal einen Rundgang, um uns das näher anzuschauen: Gehen wir oben in Schleswig-Holstein los, genauer gesagt wohl in Nordschleswig (die Form der Nordgrenze und die Inseln scheinen mir darauf hinzudeuten). Gehen wir dann die Ostseeküste entlang an Rügen/Hiddensee vorbei, kommen ins ehemalige Ostpreußen – das Samland ragt schön sichtbar in die Ostsee, die Nehrungen hat man nicht abgebildet. Ostpreußen läuft nach Norden ins Memelland aus. Weiter geht es an der Ostgrenze entlang nach Süden, vorbei an Westpreußen, Posen, Schlesien, wohl mit Oberschlesien, weiter mit dem Sudetenland, Österreich, wohl mit Südtirol, weiter am Bodensee entlang (wo ist hier eigentlich die Deutschschweiz, will die keiner?), dann passieren wir das Elsass, Lothringen, Ostbelgien (Eupen-Malmedy) und gehen nordwärts nach Ostfriesland, die Nordseeküste entlang an den nordfriesischen Inseln vorbei bis an die Nordspitze von Schleswig.

Ich habe das zur Orientierung mal ganz grob beschriftet:

grossdeutschland_beschriftet

Österreich, die nach dem 1. Weltkrieg an Polen gegangenen Provinzen Westpreußen und Posen und die nach dem 2. Weltkrieg verlorenen sogenannten Ostgebiete Ostpreußen und Schlesien habe ich nicht extra gekennzeichnet. Dass die dabei sind ist offensichtlich und dass die nicht Deutschland sind, dürfte auch klar sein.

Ganz sicher bin ich mir nicht was die Einzelheiten angeht, vor allem beim Elsass und Lothringen. Das Sudetenland dagegen ist ganz bestimmt drauf – die Flecken für die früheren deutschen Sprachinseln um Iglau und Budweis passen zu gut um Zufall zu sein. Auch beim Memelland und Südtirol habe ich wenig Zweifel. Der Umriss scheint etwas verzerrt und unscharf, und wer weiß was da für eine Vorlage verwendet wurde, aber unterm Strich sieht es mir ganz nach einem revisionistischen Rundumschlag aus, bei dem eigentlich nur Siebenbürgen und die untere Wolga fehlen.

Ob dieser Aufkleber Ausdruck einer wie immer ausgeprägten rechtsextremen Gesinnung ist, weiß ich natürlich nicht, aber angesichts der – wie es aussieht – ziemlich umfassend großdeutschen Darstellung ist die Vermutung sicher nicht völlig abwegig. Da schwingen vielleicht nostalgische Anwandlungen eingedenk verflossener Glorie mit. Oder die Sehnsucht nach einem imaginären goldenen Zeitalter, in dem ein (natürlich nur vermeintlich) homogenes, „reinrassiges“ deutsches Volk wie ein Monolith an seinem Platz in der Welt steht. Ein Herz und eine Seele, unsere Ehre heißt Treue, heißes deutsches Blut auf heiligem deutschem Boden, angestammter Lebensraum seit Anbeginn der Zeiten, sturmfest und erdverwachsen, Herzog Widukinds Stamm, so Sachen eben, was weiß ich. Hat eigentlich wer in letzter Zeit die Nibelungen gesehen, und was trägt man heuer zur Sonnenwende?

So ein schlichter Umriss ist natürlich viel eleganter als Runen, Hakenkreuze oder in Fraktur gesetzte Parolen, außerdem strafrechtlich sicher unbedenklich. Auch dürfte so ein dezent gestalteter Aufkleber kaum jemandem auffallen und könnte damit fast als eine Art halbgeheimes Erkennungszeichen für Gleichgesinnte dienen. Oder es ist ganz etwas anderes – etwa der Rhein-Neckar-Kreis (da ist das Auto angemeldet) ohne den nördlichen Teil um Weinheim und Ladenburg – und ich sehe Gespenster.

Egal, wer sich selbst ein Bild machen will, hier sind die Karten, die ich benutzt habe, alle aus Wikipedia:

Deutsches Reich (1871-1918)

Deutsches Reich, Weimarer Republik-Drittes Reich 1919–1937

Reichsgaue (Stand 1941)

Jütland

Memelland

Schlesien 1825 bis 1950

Oberschlesien 1921

Sudetenland

Deutschösterreich

Tirol im heutigen Österreich und Italien

Elsass

Lothringen

Ostbelgien (Eupen-Malmedy)

 

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11 Kommentare on “Einmal Großdeutschland mit allem”

  1. Yadgar sagt:

    Und mittendurch und kreuz und quer dann die 4000-mm-Brrrrrrrrreitspurrrrrrrbahn, so hätten sie es gerne, die Braunwürste! Aber über 4000 mm Spurweite kann ich nur lachen – wenn ich demnächst Weltdiktator bin, dann gibt es unter meiner glorreichen Herrschaft ein internationales Zehnmeterspurnetz! 200 m lange, 40 m hohe Monsterloks mit eingebauten Kernfusionsreaktoren, die mühelos 20 km lange Züge ziehen, rollende Städte aus sechsstöckigen Luxuswaggons, mit Einkaufszentren, Sportplätzen, Konzertsälen, Kinos, Indoor-Surfseen und -Skihallen, und Güterzüge mit Millionen Tonnen Fassungsvermögen – dagegen wirkt Hitlers Breitspurbähnchen wie ein Spielzeug! Dass dann beim Bau der Trassen auch schon mal das eine oder andere Mittelgebirge weggesprengt und die Bevölkerung der einen oder anderen Millionenstadt vorübergehend (bis sie in einem der Züge wohnen kann) nach Burkina Faso deportiert werden muss, das bin ich meinem Größenwahn einfach schuldig! Le monde – c’est moi!

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  2. Yadgar sagt:

    „und was trägt man heuer zur Sonnenwende?“

    Hmm… Thorshammer, Ganzkörper-Tattoos mit Motiven aus der Edda, Zopfbart, gürtellange Metal-Mähne und jede Menge Leder! Wobei man fairerweise sagen muss, dass solche neuheidnischen Freaks nicht zwangsläufig rechtsradikal sind…

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  3. gnaddrig sagt:

    Klasse Idee, das mit der Zehnmeterspur 🙂 Da passt dann richtig was drauf, da lässt sich doch endlich mal was mit anfangen.

    Man könnte eine Art Ringlinie bauen um das ganze Land und ein paar Großstädte auf Schienen immer im Kreis fahren lassen wie eine Art ewige Kreuzfahrt. Nur Loks gäbe es da keine, jede Achse hätte ihren eigenen Antrieb, vorne gäbe es nur ein Steuerhaus.

    Was das Neuheidnische angeht, hast recht, das ist nicht unbedingt rechts. Rechte habens mit Brauchtum meistens nicht so, oder nur insofern es sich publikumswirksam inszenieren und zur Abgrenzung nutzen lässt. Im Moment ist ja eher abendländisch-christlich angesagt, gegen die bösen Muslime, die ja jetzt die Festung Europa fluten sollen. Da muss dann schon Weihnachts- statt Zipfelmann her und Kirchgang oder wenigstens Schwein und Bier.

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  4. nömix sagt:

    S’Arenal und Platja de Palma fehlen auf dem Aufkleber.

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  5. gnaddrig sagt:

    Könnte an der für Revisionisten generell unterstellbaren selektiven Geschichtsversessenheit liegen, da ist die Gegenwart nur insofern interessant, als sie von dem erträumten Ideal abweicht. Neuerwerbungen wird man sicher nicht abgeneigt sein, sobald man alle Gebiete intus hat, von denen man glaubt, sie gehörten unbedingt dazu. Oder so ähnlich. Aber dann kommt „unser Platz an der Sonne“ sicher als nächstes auf der Liste.

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  6. […] tattoos – warum sucht man danach und was hofft man zu finden? Geliefert wurde vermutlich Einmal Großdeutschland mit allem. Nicht fehlen konnte in dem Zusammenhang natürlich auch was in der Art von einmal muss schluss […]

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  7. […] eine Art Landkarte auf der Schnittfläche, erinnert mich vage an den mutmaßlich großdeutschen Aufkleber vom letzten Jahr, dabei ist es nur ein ganz gewöhnlicher abgesägter und vergammelnder […]

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  8. Snorke sagt:

    Wo ist denn die Schweiz? Das sind doch auch Deutsche, aber von der Schweiz will kein Rechtextremer was wissen. Von Liechtenstein ganz zu schweigen. Selbst die Nazis haben nur Österreich angeschlossen. Das zeigt eindeutig, dass Rechtsextreme ihrer eigenen Ideologie nicht trauen, wenn sie Deutschschweizer ausschließen.

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  9. gnaddrig sagt:

    Deutsche? Da dürften die allermeisten Schweizer deutlich anderer Meinung sein.

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  10. Snorke sagt:

    Österreicher fühlen sich auch nicht als Deutsche, das hält Rechtsextreme nicht davon ab, sie für Deutsche zu halten. Wenn man Deutsche durch ihre Sprache definiert, dann sind auch Deutschschweizer Deutsche.

    Aber Deutschland ist noch nicht mal selber einig, da werden immer noch abwertende Sprüche über Sachsen, Bayern, Franken, Schwaben, Württemberger, Hessen, ja sogar Preußen noch gemacht, die danach klingen, als ob das das Ausland wäre. Dass seit 1871 Deutschland ein Land ist, scheint genug Leute nicht zu interessieren.

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  11. gnaddrig sagt:

    Stimmt natürlich. Vermutlich war der NS-Führung die Schweiz als neutraler Finanzplatz unverzichtbar, während sie als ein beliebiges weiteres Stück Großdeutschland wenig gebracht hätte. Da ließ man dann die Ideologie schonmal beiseite und dachte (natürlich unter weiterhin überlautem Gepoltere) lieber an den eigenen Kontostand.

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