Durchblicker

Die Welt ist bekanntlich voll mit Leuten, die als einzige die Welt verstehen. Allein in Deutschland gibt es um die 80 Millionen davon. Leute nämlich, die als einzige wissen, was falsch läuft, wie es nicht gehört und wie es stattdessen gemacht werden sollte. Aber niemand hört auf sie, weshalb die Welt auch in dem traurigen Zustand ist, in dem sie sich eben befindet.

Nichts gegen Einsichten von Hinz und Kunz. Viele Leute machen sich über alles mögliche Gedanken, viele Leute haben Geistesblitze, manchem fällt es gelegentlich wie Schuppen von den Augen, und oft genug wird wirklich etwas Wichtiges, Richtiges, Sinnvolles, Bedenkenswertes dabei sein. Was in der Regel fehlen dürfte, ist der Blick für das große Ganze. Wir sind, glaube ich, alle in unserem begrenzten Blickfeld gefangen, und selbst wenn man weiß, dass man vieles nicht weiß und auch kaum je wissen wird oder auch nur wissen könnte, glaubt man doch oft irrtümlich, den Durchblick zu haben. Und dann meint mancher, den anderen die Welt erklären zu müssen. Das passiert wahrscheinlich jedem bei Gelegenheit. Manchen öfter als anderen.

Es kann ziemlich unterhaltsam sein, solchen Leuten zuzuhören. Je nach Thema, Temperament und Situation kann man sich prächtig amüsieren, gelegentlich ergeben sich auch interessante Diskussionen. Genauso oft ist es aber auch nervig, sofern man nicht selbst die Bühne hat. (Weil: Man selbst weiß ja in der Regel wirklich bescheid. Geht mir jedenfalls meistens so.)

Ich habe beispielsweise zwei gewohnheitsmäßige Durchblicker mit hohem Frustrationsniveau in Hörweite sitzen, einen im Büro schräg gegenüber, einen ein paar Türen weiter. Beide haben die Angewohnheit, sich lang und breit über bestimmte Feinheiten ihrer Tätigkeit auszulassen. Genauer: Warum es so, wie es gemacht wird (und nach Maßgabe von oben gemacht werden muss) falsch ist, nicht funktioniert, Kunden vergraulen und damit der Firma um die Ohren fliegen und letztlich die Firma an die Wand fahren wird.

Diese Tiraden werden immer in eher angespanntem Tonfall vorgetragen, immer mit einem Grundlevel an Empörung und „Wenn ihr auf mich hören würdet“ und „Ihr werdet ja sehen“. Stundenlang. Erst der eine, dann der andere. Hier mal eine Viertelstunde am Telefon, dann steht der andere bei ihm in der Tür und zieht vom Leder, dann sitzen sie im anderen Büro zu fünft und erzählen sich gegenseitig, wie falsch doch alles läuft. Es gibt kein Entkommen. Und die Welt wird trotz dieser Bemühungen kein bisschen besser…

 

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3 Kommentare on “Durchblicker”

  1. marana41 sagt:

    “ (Weil: Man selbst weiß ja in der Regel wirklich bescheid. Geht mir jedenfalls meistens so.)“
    Ach ist das weihnachtlich wunderbar, dass Männer so klug sind, „mein Ingolein“ ist das auch und meint dann, dass auch anderen eindringlich mitteilen zu müssen. 😉
    Aber glaub‘ doch nicht, dass nur Männer so unglaublich klug sind, auch Frauen können sich wunderbar aufblasen. Evtl ist die Thematik eine andere, aber das „Klug- Sein“ und somit den einzigen, wahren Durchblick zu haben ist ja so ungemein gesprächsbelebend in froher Runde.
    Welch wunderbare Weihnacht.

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  2. gnaddrig sagt:

    Klar, Frauen können das auch. Männer werden aber traditionell viel mehr dazu ermuntert, die Welt an ihrem Durchblick teilhaben zu lassen, ihre Ellenbogen zu benutzen und überhaupt sich für den Nabel der Welt zu halten. Entsprechend kriegt man solche Vorstellungen häufiger von Kerlen. Hast recht, diese Art Klugheit, wenn man sie, ähm, feinfühlig einbringt, kann ansonsten langweilige Gesprächssituationen ungemein aufmöbeln. Und stimmt, es ist doch toll, dass wir so klug sind, wo wäre die Welt ohne das 😉

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  3. marana41 sagt:

    PS „das“ muss so eindringlich ausgeführt werden, dass „das“ dann mit Doppeles, früher Eszet, geschrieben wird, … oder so ähnlich oder auch nicht.

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In den Wald hineinrufen

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