Hörensagen

hoerensagen_elefant_rechts_portrait

Ganz offensichtlich war der Steinmetz, der die Fauna am Chor des Basler Münsters gestaltet hat, nie im Leben selbst in Afrika oder Indien und hat nie einen Elefanten gesehen. Das Gastspiel von Hannibal mit seinen Kriegselefanten hatte sich lange vor seiner Zeit (und außerdem viel weiter südlich) zugetragen. Fundierte naturkundliche Literatur oder gar brauchbares Bildmaterial über afrikanische Wildtiere wird es damals nicht gegeben haben, ebensowenig zeitgenössische Berichte von Reisenden, die selbst solche Tiere gesehen hatten. Niemand in Europa wird damals eine Ahnung gehabt haben, wie diese Tiere in Wirklichkeit aussahen. Für Löwen gilt das wahrscheinlich genauso, die sind am Münster auch vertreten.

(Noch vor zweihundert Jahren zogen Schausteller mit Panoramakästen über die Jahrmärkte und zeigten gegen Bezahlung Bilder von fremden Orten. Da die überwiegende Mehrheit der einfachen Leute kaum je über einen Umkreis von ein paar Dutzend Kilometern um ihre meist verschnarchten und sterbenslangweiligen Heimatorte hinauskamen, wussten sie fast nichts von der weiten Welt, und deshalb waren solche Bilder von woanders eine sehr beliebte Unterhaltung. Eine einfache Postkarte vom Hof des Zaren oder aus Venedig muss damals für viele ungefähr so aufregend gewesen sein wie die Mondlandung Ende der 60er Jahre. Vor dem Hintergrund der heute allgegenwärtigen Bilderflut kann man sich kaum vorstellen, welche Wirkung solche einfachen Bilder gehabt haben müssen.)

Eigentlich frage ich mich, wie sie überhaupt auf Elefanten kamen. Woher wussten die Leute, dass es die gibt? Die Bibel – bei Kirchenbauten natürlich eine naheliegende Quelle von Information und Inspiration – liefert hier wenig Erhellendes. Löwen werden zwar erwähnt, aber außer dass sie mächtig sind, andere Tiere reißen und viel brüllen erfährt man dort nichts. Der Elefant kommt im Buch der Bücher gar nicht erst vor.

Vermutlich gibt es Erwähnungen und Beschreibungen in der antiken griechischen und römischen Literatur, und die könnten während der Bauzeit des Münsters wenigstens teilweise bekannt gewesen sein – bei Fertigstellung um 1500 war die Renaissance schon ein paar Jahrzehnte unterwegs. Inwieweit sich ein gelehrter Herr aber herabgelassen hat, einem einfachen Handwerker relevante Passagen antiker Texte zu übersetzen, steht dahin. Selbst wenn, wird sich der Aufwand in Grenzen gehalten haben.

Die Quellenlage wird daher extrem dürftig gewesen sein, da ist eigentlich sogar der Begriff Hörensagen sehr optimistisch gewählt, und dementsprechend sehen die Skulpturen auch aus:

hoerensagen_elefant_rechts

Ein Elefant

hoerensagen_elefant_links

Ein weiterer Elefant

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Ein Löwe mit sehr schön modellierter Mähne

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Ein H(öllenh)und, vielleicht auch eine Löwin

Die Löwen sehen eher aus wie verunglückte Hunde, das ist nicht so spektakulär, aber die Elefanten sind richtig malerisch missglückt. Die finde ich einfach klasse.

Andererseits, wenn man sich überlegt, wie man jemandem solche Tiere in Worten beschreiben könnte und was der sich dann vorstellen würde, wie die Tiere aussehen, erscheinen diese Ergebnisse gar nicht mehr so abwegig. Mit der Beschreibung Riesig, vier sehr kräftige Beine, große Schlappohren, Rüssel [so eine Art lange Nase, ein bisschen wie beim Wildschwein aber viel länger], kaum Schwanz könnte jemand tatsächlich solche Elefanten kreieren. Woher sollte man’s auch besser wissen ohne Wikipedia, Brehms Tierleben oder Zoos in der Nachbarstadt.

Das macht mich ein wenig nachdenklich was die Brauchbarkeit von Zeugenaussagen angeht – die Zeugen können das Gesehene oder Erlebte meist nicht angemessen in Worte fassen und die Empfänger verstehen das, was gesagt wird, dann auch noch falsch und hören alle möglichen Abwegigkeiten heraus. Im Ergebnis weiß man von den tatsächlichen Ergebnissen hinterher so viel wie der Betrachter des Münsters von Elefanten – es ist vieles richtig, wenig ganz falsch, aber der Eindruck ist trotzdem völlig unzutreffend und womöglich irreführend.

Um diese Ungenauigkeit zu korrigieren könnte man vielleicht eine Art Standardfehler für Zeugenaussagen oder mündliche Beschreibungen ermitteln und aus den Aussagen bzw. deren Interpretation wieder herausrechnen. Fotos kann man ja teilweise auch nachträglich „scharfrechnen“, Film- und Tonaufnahmen „entrauschen“. Man lässt einen Zeugen ein bekanntes Ereignis (oder eine Filmsequenz, die man ihm vorführt) beschreiben und schließt von der Genauigkeit seiner Beschreibung darauf, wie genau seine Zeugenaussagen sein werden und mit welcher Art von Abweichungen und Ungenauigkeiten zu rechnen ist. Irgendwie so…


9 Kommentare on “Hörensagen”

  1. Schöner Artikel mit noch schöneren Elefanten. *törööö*

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  2. marana41 sagt:

    Schon häufig habe ich für mich beschlossen, dass ich keinen guten Zeugen abgeben würde, weil ich eigentlich nie richtig hingucke, weil mich vieles nicht wirklich interessiert und das dann fast bewusst ausklammere und weil ich viel zu emotional sehe und handle. Wenn ich in den ach so beliebten Krimis Zeugenbefragungen lese oder sehe, denke ich häufig: Himmel sacra, das dürfte man mich nicht fragen, vor allem, wann ich was gemacht habe. Dübel auch, aber ausdenken kann ich mir auch gern etwas, aber dann weiß ich auch, dass ich mir das ausgedacht habe. Ein Fazit: Traumhaft schöne Viecher hast du da gesammelt.
    🙂

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  3. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂 Die Elefanten waren einfach zu schön!

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  4. Achim sagt:

    Befragungen bei Polizei und Gericht (und vor Untersuchungsausschüssen…) finde ich auch immer monströs. Vor allem Untersuchungsausschüsse, da geht es teilweise um mehrere Jahre zurückliegende Ereignisse. Im Spiegel war kürzlich ein Artikel über Gedächtnisforschung und die Implikationen für solche Aussagen. Gibt sehr zu denken…

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  5. gnaddrig sagt:

    Stimmt, solche Befragungen sind schon problematisch, das Gedächtnis ist stellenweise recht unzuverlässig. Andererseits, was will man machen? Es einfach sein lassen ist – je nach Anlass und Thema – auch keine gute Idee. Manchmal kann man nur im Trüben herumstochern und muss sich damit zufriedengeben, der Wahrheit nicht wirklich auf den Grund gehen zu können.

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  6. Pfeffermatz sagt:

    Bei den Effelanten geht es aber nicht nur um das Erinnerungsvermögen, sondern auch darum, wie gut eine mündliche Beschreibung überhaupt ausreichend ist. Es kann vorkommen, dass mir jemand eine uns beiden vom Aussehen her bekannte Person beschreibt, und ich keine Vorstellung habe, wer gemeint ist. So wie: der normalgroße Schauspieler im mittleren Alter mit dunkelblonden Haaren und grünbraunen Augen…

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  7. gnaddrig sagt:

    Hast recht, Pfeffermatz, da gehen zwei verschiedene Sachen ein bisschen durcheinander – erinnern und beschreiben. Mir geht es hier vor allem um die Grenzen des Beschreibens. Die Ungenauigkeiten des Erinnerns muss man da ggf. noch hinzuaddieren.

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  8. Yadgar sagt:

    „Eine einfache Postkarte vom Hof des Zaren oder aus Venedig muss damals für viele ungefähr so aufregend gewesen sein wie die Mondlandung Ende der 60er Jahre. Vor dem Hintergrund der heute allgegenwärtigen Bilderflut kann man sich kaum vorstellen, welche Wirkung solche einfachen Bilder gehabt haben müssen.“

    Das Einzige, von dem ich mir vorstellen könnte, dass es heutzutage die gleiche Wirkung hätte, wären glaubwürdige Indizien für außerirdische Zivilisationen – oder gar die Ankunft solcher Außerirdischen auf der Erde!

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  9. Yadgar sagt:

    @Pfeffermatz:
    So wie: der normalgroße Schauspieler im mittleren Alter mit dunkelblonden Haaren und grünbraunen Augen…

    Genau – das kann genauso ein pickeliges glattrasiertes Dickerchen mit Halbglatze wie auch ein sehniger Hippietyp mit Vollbart und gürtellanger Matte sein…

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