Dreht Euch nicht um, der [grusel] geht um…

Marana hat kürzlich von einem gruseligen Erlebnis im Düwelsmoor berichtet, wo ein harmloses Stück Granit im Dunkeln etwas unheimlich aussah. So Sachen passieren in der Dunkelheit, im Nebel oder wenn man in passender Gemütslage in passender Umgebung unterwegs ist.

Ich hatte ein entfernt ähnliches Erlebnis in meiner Bundeswehrzeit. (Einerseits bin ich ganz arg gegen jede Art von Krieg; als Enkel einer Flüchtlingsfamilie habe ich die Auswirkungen des 2. Weltkrieges zu deutlich erlebt. Andererseits muss man sich manchmal wehren oder wenigstens wehren können, wenn man nicht als Fußmatte eines u.U. bösen Nachbarn enden will. Die Schweiz ist zwar friedlich, aber wer weiß. Es gibt ja immer mal wieder Dr-Jekyll-und-Mr-Hyde-Momente, wo man sie gar nicht erwartet hätte, und „die Russen kommen“ war damals auf jeden Fall noch eine weitverbreitete Schreckensvorstellung.

Weil zu meiner Zeit in den späten 80er Jahren die Bundeswehr noch rein auf Landesverteidigung ausgerichtet war, habe ich in mir keine Gewissensgründe für eine Verweigerung gefunden; Anderen das Sich-zur-Wehr-Setzen zu überlassen hätte ich unredlich gefunden, also musste ich ran. Heute fände ich die Entscheidung wesentlich schwieriger. Unbeteiligt am Rand zu stehen, wenn in Sichtweite massenweise Leute abgeschlachtet werden ist ethisch auch ausgesprochen fragwürdig. Wo man die Grenze zieht, wo man sich einmischen sollte und wo nicht – keine Ahnung. Jugoslawien, Somalia, Ruanda, Afghanistan, Libyen, Syrien – es ist zum Kotzen!)

Gnaddrig also nolens volens bei der Bundeswehr. Grundausbildung in einer Kaserne am Rand einer norddeutschen Großstadt, dann alle miteinander versetzt in dieselbe Stammkompanie. Irgendwann hatten wir zum erstenmal Wache. Wir waren ungefähr zur Hälfte Abiturienten, einer war sogar schon eine Weile Student, die andere Hälfte waren Handwerker aller möglichen Gewerke. Der Wachhabende an dem Abend war ein erfahrener und, was Abiturienten angeht, so leidgeprüfter wie desillusionierter Oberfeldwebel, der genau wusste, was ihn erwartete und der da trotzdem wieder durchmusste.

(Abiturienten hat er, wie wohl die meisten klassischen Unteroffiziere, für weltfremde, nicht ganz alltagstaugliche Träumer gehalten, denen man eigentlich nie eine Feuerwaffe anvertrauen sollte und die man vor allem nicht Offiziere werden lassen sollte. Über dem Hauptfeldwebel bräuchte es nach diesem Verständnis eigentlich gar keine Ränge mehr, die haben sowieso alle keine Ahnung und bringen nur alles durcheinandern und müssen hinterher ohne Lachen gerettet werden. So ganz ungerechtfertigt ist diese Auffassung auch nicht, jedenfalls nicht immer. In meiner Kompanie gab es einen selten bräsigen Oberfähnrich, der das durch sein mit großem Eifer inszeniertes leuchtendes Beispiel vollumfänglich bestätigte.)

** * **

Wir hatten also zum erstenmal Wache. Schütze Gnaddrig wurde mitten in der Nacht mit einem weiteren Abiturienten auf Streife geschickt. Bewaffnet und mit scharfer Munition. Man hatte uns ja ausführlich erzählt, was alles passieren kann (Sowjetische Agenten oder einheimische Linke aller Art könnten in das Gelände eindringen und versuchen, Waffen und Munition zu entwenden oder den Kompaniechef zu entführen) und wie wir damit um- bezw. dagegen vorgehen sollten.

Es war selbstverständlich auch erwähnt worden, dass man sich im Dunklen und gerade in fremder Umgebung so manches einbildet, dass man Geräusche fehlinterpretiert und dann irrtümlich denkt, da sei jemand. Es seien schon Wildschweine, Karnickel, besoffene Offiziere sowie jede Menge Gebüsch bei solchen Gelegenheiten mit Blei perforiert worden. Wenn uns Neulingen schon was komisch vorkomme, sollten wir nicht lange fackeln, sondern gleich Meldung an den Wachhabenden machen, damit „jemand mit Menschenverstand“ der Sache auf den Grund gehen könne.

Andererseits sei das hier nun auch keine Kindergartenveranstaltung, man sei als Streifengänger ja doch irgendwie die Fingerspitze der Staatsgewalt und daher aufgerufen, die Unversehrtheit des Fuhrparks sowie der überall auf dem Gelände in Waschbetonkästen (ähnlich den Mülltonnenkästen in schmalen Vorgärten) mit Qualitätsvorhängeschlössern weggeschlossenen Munitionsvorräte mit Waffengewalt zu verteidigen. Wir haben reichlich überlegen in uns hineingelächelt, wir waren ja nicht blöd. Mit Abitur und so…

Der erwähnte Oberwebel wusste genau, dass im Laufe der Nacht irgendwelche überzüchteten Träumer unerklärliche Geräusche hören, vor der angesagten Meldung zurückscheuen und dann ewig an einer unübersichtlichen Ecke auf dem Gelände zaudern oder schlimmstenfalls einen Ersatzreifen erschießen würden. So oder so, er würde jedenfalls Ärger haben.

An jenem Abend hatten mein Mitabiturient und ich die Ehre, diesen Part zu spielen, und Leute, es war eine Glanzvorstellung. Wir kamen um eine abgelegene Ecke, vor uns die Stoßstangen von einer handvoll Lkw und einem halben Dutzend Panzer unter einem Schleppdach, und irgendwo ganz hinten im Dunklen raschelte was. Es war leicht windig, und da lagen alle möglichen Planen, Tarnnetze und was weiß ich noch alles rum, was eben im Wind rascheln kann. Dazu gibt es tonnenweise Karnickel und sicher auch Mäuse, Ratten, Marder (hihi) auf so einem Kasernengelände, die rascheln ja auch gelegentlich.

Es hätte aber natürlich auch wer Subversives sein können, und ich wollte ganz sicher nicht von einem linken Revoluzzer beim Panzerklauen über den Haufen geschossen werden. Mein Kollege auch nicht. Also haben wir erstmal gelauscht. War da was? Weiß nicht, kann sein. -raschelraschel- Da, das war doch… Ja, glaubich auch. -Stille- Hm, echtjetz? Binmirnichsicher. -klapperkalapp- Pssstmomentmal, das war zu regelmäßig, da ist doch wer. Meinste wirklich? Nee. Doch! -raschelklapper- Klar, siehste was? Ne, du? Auch nicht, lassmalabwarten… -klapperraschelrutsch-

Das ging so zehn, fünfzehn Minuten in dem Stil. Die Zeit für die nächste Meldung über Funk war lange vorbei, der Wachtwebel meldet sich: Wasnlos, braucht ihr euch nicht mehr zu melden oder was? Wir so: Ja, Herr Webel [Das jetzt alles natürlich in militärisch korrekter Ausdrucksweise, mit Haltung und allem; ich bin aber jetzt Zivilist und muss nicht mehr nachträglich Männchen machen, also lasse ich die Schneidigkeit ein bisschen schleifen.], da ist was, son Geräusch, wir glauben da ist wer zugange… Er (seufzt): Gut, bleiben Sie wo Sie sind, ich komme. Wir: Jawohl, Herr Oberförster!

Der Mann kommt angestampft, nimmt sehr grantig unsere Meldung entgegen (Abiturienten, weiß er als Musterpreuße, können das nicht annähernd zackig genug tun, die sind immer so schlaff), pflügt einmal über den Abstellplatz unter dem Schleppdach, zwischen den Fahrzeugen durch, wo das Geräusch hergekommen war. Da war natürlich jetzt kein Geräusch mehr, nur ein paar Blätter im Wind und eine schlampig gebundene Lkw-Plane. Wir also Anschiss kassiert, Streife fortgesetzt, fortan nächtliche Geräusche korrekt einzuordnen gewusst.

Da sage noch einer, bei der Armee lerne man nichts Gescheites…


3 Kommentare on “Dreht Euch nicht um, der [grusel] geht um…”

  1. marana41 sagt:

    So kann’s kommen, optische, akustische oder sonst wie Täuschung kann einen hohen Erlebniswert haben.
    Dann müsstest du noch den nicht unbeliebten Spontispruch kennen:
    „Täuschen, täuschen, rechts blinken, links abbiegen.“

    Übrigens ist das „aus Granit geschlagene“ Bauwerk ein aus gebranntem Ziegel erbautes Monument von Berhard Hoetger.

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, den Spruch kenne ich. Es gibt einen Comic, wo Gaston mit einem riesigen Haufen Gelumpe bei Nebel herumläuft und jemand anders das für ein Monster hält. Hätte hier auch gut hergepasst, das habe ich aber online nicht gefunden…

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  3. aurorula a. sagt:

    Die guten alten Nightgaunts kommen auch immer klasse an 😈 !
    (hier „Fear of the Dark“ einspielen)

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