Rettet den Reisepass!

Mir ist im Laufe meines Lebens ja schon einiges an Schrägem, Skurrilem und Abgefahrenem über den Weg gelaufen. Ich habe mir auch selbst schon einige Klopper geleistet (nein, werde ich hier nicht weiter ausführen) und spektakulär danebengelangt. Ich habe auch manche anderen beim Danebenlangen erlebt. Niemand ist perfekt, keine Frage, und wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein und so.

In Deutschland leben wir in einer repräsentativen Demokratie. Damit der Bürger nicht das Gefühl hat, mit der Wahl für vier Jahre nichts mehr zu sagen zu haben und nicht jeden Vorschlag auf den langen Weg über Parteiversammlungen, Parteiprogramme, Wahlen und die nie grundsätzlich auszuschließende, aber in der Regel unwahrscheinliche und fast immer weit in der Zukunft liegende Umsetzung in Form eines ordentlichen Gesetzes schicken muss, gibt es die Möglichkeit, Petitionen an den Bundestag zu richten. Da gibt es eine Reihe von Regeln, wie das vor sich zu gehen hat und was mit solchen Petitionen dann passiert. Formalkram eben, damit alles seinen rechten Gang geht, wegen der Fairness und so.

Ab 50.000 Unterschriften ist das sogenannte Quorum erreicht und der Bundestag muss sich mit der betreffenden Petition befassen. Das heißt noch nichts. Wenn nämlich die Petition im Bundestag (vielleicht auch nur im Petitionsausschuss) verlesen wird und die Abgeordneten winken müde ab, war’s das schon. Aber gut, wäre es anders (müssten die das dann also beschließen) gäbe es schon lange Freibier für alle, die Nullstundenwoche bei vollem Lohnausgleich und dergleichen segensreiche Regelungen mehr. Es ist also durchaus sinnvoll, dass es da eine gewisse Schwelle gibt.

Die 2011 mit sehr vielen Unterschriften ins Rennen gegangene Petition Deutsch ins Grundgesetz, mit der interessierte Parteien die deutsche Sprache als offizielle Sprache der Bundesrepublik ins Grundgesetz schreiben lassen wollten, ist beispielsweise sehr früh gescheitert. Die Gegenpetition, die etwa ein Zehntel der Stimmen hatte, ist durchgekommen, könnte man sagen.

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Nun gibt es immer wieder Petitionen, die ich gut finde und die ich darum mitzeichne. Bis zum 25. Januar 2016 läuft etwa eine Petition zur Erhaltung der Ausbildung zur Kinderkrankenschwester als eigenständigen Beruf (Man will absurderweise das, was Kinderkrankenschwestern so wissen, im Rahmen der normalen Krankenpflegeausbilung mit abhandeln. Details kann man beim Kinderdoc nachlesen, anschließend kann man direkt zur Petition beim Bundestag gehen und bitteschön mitzeichnen!)

Und wenn ich schon auf dem Petitionsportal des Deutschen Bundestags bin, schaue ich mir natürlich an, was da sonst noch so läuft. Und dort gibt es immer wieder eine Menge zu bestaunen. Klar, alle möglichen Anliegen zu Themen der Tagespolitik – zu den wirtschaftlichen oder diplomatischen Beziehungen zu Iran etwa, zur Asylpolitik, immer wieder Vorschläge in den Bereichen StVO, Sozialgesetzbuch u.v.a.m. Mal mehr mal weniger sinnvoll, meistens wenig aussichtsreich.

Und immer wieder gibt es da richtig Kopfschüttelnswertes. Eine derzeit laufende Petition etwa regt an, den Reisepass ansprechender zu gestalten. Der Petent findet, der bundesdeutsche Reisepass sei zu dröge und eintönig. Andere Länder hätten ansprechend gestaltete Reisedokumente, deren Design etwas über Land und Leute ausdrücken. Australien etwa und die Philippinen, ebenso Norwegen und Kanada, deren Reisepässe unter UV-Licht leuchten. Der deutsche Reisepass hingegen zeige „auf allen Seiten das gleiche Motiv – den kupferfarbenen Bundesadler auf braungrünem Hintergrund.“ Das sei eine verschwendete Möglichkeit und (interpretiere ich da mal locker hinein) Grund für nationale Minderwertigkeitsgefühle.

Der Reisepass, führt der Petent weiter aus, diene nicht nur als Ausweisdokument und Nachweis der Staatsbürgerschaft, er begleite deutsche Reisende auch auf all ihren Wegen in der Welt. Wäre er einigermaßen fantasievoll gestaltet, könnte er der ganze Stolz seines Besitzers sein und eine Geschichte erzählen. Diese Geschichte könnte, man denke nur, auch die Herkunft seines Besitzers beinhalten.

Wieso der Reisepass das nicht auch in seiner gegenwärtigen Form können soll, verstehe ich nicht. Die Visa, die in den Pass geklebt werden und die Stempel, die man auf Reisen einsammelt, sind nicht vom Design des Passes abhängig. Auch erzählt der Reisepass eindeutig, wo der Reisende herkommt. Jeder Zollbeamte auf der Welt wird den Teil der Geschichte verstehen. Hübsche Reisepässe verlieren für den Kontrollierenden nach dem 327. Reisenden spätestens ihren Reiz (und außer Zollbeamten kriegt sowas ja kaum jemals wer zu sehen!) Da sind gute Erkennbarkeit, geringe Verwechselungsgefahr und gute Qualität (damit man gut blättern kann und das Ding nicht schon bei der 19. Kontrolle wegen Materialermüdung zerfällt) viel wichtiger.

Ansprechendes Design wäre vielleicht eine nette Sache, ist aber völlig unwesentlich. Außerdem ist die derzeitige Gestaltung des Reisepasses völlig angemesen. Ein Reisepass ist ja auch keine Fremdenverkehrsbroschüre, da muss er auch nicht so aussehen. Ob er im Dunklen bzw. unter UV-Licht leuchten soll, ist sicher keine Frage der Ästhetik. Und wer ein buntes Stück Papier braucht, um die Geschichten zu „sehen“, die an einem vollgestempelten Reisepass hängen, dem ist mit einem hübschen Reisepass auch nicht geholfen.

Die Petition läuft noch bis zum 9. Februar und steht derzeit bei 30 Unterschriften. Das Quorum liegt bei 50.000, der Reisepass, wie wir ihn kennen, dürfte also sicher sein…

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