Espresso unterwegs

Ein Automat auf dem Bahnsteig hält verschiedene Heißgetränke vor – Kaffee, heiße Schokolade, Zitronentee, außerdem diverse Suppen. Jahrelang bin ich dran vorbeigelaufen, jetzt habe ich mir das doch mal angeschaut. Unter den vielen Permutationen von Filterkaffee (schwarz, weiß, jeweils mit oder ohne Zucker, dazu eine Reihe anderer „Kaffeespezialitäten“) fällt der einsame Espresso auf, den gibt es nur schwarz mit Zucker:

espresso_unterwegs_detail

Gut, schwarz mit Zucker wird die am Häufigsten nachgefragte Darreichungsform sein, und wer auf echten Espresso Wert legt, ist an dieser Art Automat sowieso falsch. Hier kauft man wohl vor allem aus Zeitgründen. Vor dem Sprung auf den schon anfahrenden Zug noch schnell was Heißes mit Zucker, das einigermaßen trinkbar ist und dazu noch deutlich billiger ist als im Bordbistro. Das geht also soweit in Ordnung.

Aber wenn ich mir den abgebildeten Espresso anschaue – sollte Espresso so aussehen? Naja, eigentlich sollte der trotz Crema eher dem schwarzen ähnlich sehen, nicht dem Milchkaffe. Und sollte er in so großen Portionen ausgegeben werden? Die Tasse auf der Abbildung sieht nach normalem Kaffeepott aus, die Sorte mit ungefähr einem Viertelliter Inhalt. Dann muss die Person aber sehr kleine Hände haben – wenn ich mit meinen nicht eben riesigen Händen so einen Pott so halte, berühren sich nämlich meine Handballen auf der einen und meine Fingerspitzen auf der anderen Seite der Tasse. Da bleiben nicht, wie auf der Abbildung, mehrere Fingerbreit Abstand. Es könnte stattdessen natürlich eine kaffeehausübliche Milchkaffeetasse sein (flacher, dafür mit größerem Durchmesser), das würde dann ungefähr passen.

Um das jetzt ein für alle Mal zu klären, habe ich mir dort mehrere Kaffees gezogen: einen großen und einen kleinen schwarzen Kaffee (Jacobs Krönung), einen weißen mit Zucker, einen großen und einen kleinen Espresso. Wie erwartet sieht es nicht ganz so aus wie auf den Abbildungen auf dem Automaten (das anzugleichen wäre eine größere Photoshop-Aktion):

Nach der visuellen Einstimmung habe ich das Zeug dann probiert. Erwartungsgemäß ist das eher nichts für Feinschmecker, mit Genuss hat das nichts zu tun, aber die Brühe ist heiß und süß und enthält wohl Koffein.

Im Detail: Der schwarze Kaffee ist eine ziemlich durchsichtige und trotzdem bittere, muffige Plörre mit eher scheußlichem Geschmack. Der weiße Kaffee mit Zucker ist erträglich, weil Milch und Zucker den Pulverkaffeemuff etwas überdecken (das wäre meine Wahl für einen schnellen Magenwärmer oder einen Energiestoß). Der Espresso ist nicht ganz so durchsichtig wie der normale Kaffee und hat einen etwas kräftigeren Geschmack, ist aber trotzdem scheußlich und riecht auch deutlich muffiger.

Die Portionsgrößen sind interessant. Der kleine normale Kaffee ist 145 ml groß, der große 175 ml (sehr ungefähr). Der kleine Espresso hat 100 ml, der große 140, also fast so groß wie der kleine normale Kaffee. Und das ist für Espresso recht sportlich – vier bzw. fast sechs normale Portionen echten Espresso. Wenn der auch so stark ist wie echter Espresso, muss man so eine Menge erstmal wegstecken.

 

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9 Kommentare on “Espresso unterwegs”

  1. Kaffee ist eine Kulturgut, was meiner bescheidenen Meinung nicht in Palstikbecher gehört. Das Problem hier ist, das er ja gar nicht soooo schlecht ist, gut aber auch nicht 😉
    Siehe hier:
    https://krawutzi.wordpress.com/2015/05/15/moerder-latte/

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  2. gnaddrig sagt:

    Man sollte dieses Automatenzeugs wahrscheinlich gar nicht als Kaffee ansehen, sondern einfach nur als künstliches Heißgetränk. Dann funktioniert es. Scheußlichkeiten als Getränke zu verkaufen hat ja Konjunktur, man denke nur an die ganzen Energydrinks, diese mit Kohlensäure versetzte Mischung aus Gummibärchenwasser und (sensible Gemüter bitte wegschauen) Pferdepisse…

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  3. vilmoskörte sagt:

    Pfui, never ever solch ein Kaffeesurrogat!

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  4. gnaddrig sagt:

    Jein. In der Not frisst der Teufel Fliegen…

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  5. Pfeffermatz sagt:

    Ich trinke in der Not tatsächlich schon mal so’n Zeugs, und mal ist es trinkbar (natürlich nicht mit einem “echten“ Kaffee vergleichbar, aber wer diesen Vergleich sucht, macht sich nur unglücklich) und mal nicht. Letztens musste ich einen Bahnsteig-Kaffee wegschütten, ging leider überhaupt nicht.
    Dafür habe ich vor kurzem in einer großen Autobahn-Raststätte in Frankreich einen hervorragenden Automatenkaffee getrunken. Ich glaube, der hat Nespresso-Kaffee gemacht, die Möglichkeit gibt es ja inzwischen, da braucht es auch aus dem Automaten eigentlich keinen Instantkaffee mehr. Vermutlich ist aber auch dass Wasser im Raststättenautomaten frischer als beim Bahnsteigautomaten, vielleicht gibt es da sogar einen Frischwasseranschluss statt eines Tanks. Und gereinigt werden müssen die Automaten auch noch, so die jede Kaffeezubereitungsapparatur. Auch da wird die Raststätte im Vorteil sein.

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  6. gnaddrig sagt:

    Warum auch nicht. Ich seh das auch nicht allzu dogmatisch. Wenn ich ordentlich Kaffee trinken will, ist der Pulverkaffee aus dem Automaten natürlich nichts. Aber wenn ich was Heißes brauche oder einen Energiestoß, warum nicht.

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  7. Ich bin ja ein Fan von richtigen Espresso Maschinen, trinke aber auch zur Not ab und zu Automatenkaffee.
    Ich glaube, das Problem liegt am Betreiber des Automaten, denn wenn dieser besonders viel einnehmen möchte, füllt er eben das billigste Pulver ein und stellt die Menge einfach auf Homöopathisch. Wir in Wien nennen das dann Gschloder.

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  8. siebland sagt:

    Also es gibt inzwischen auch Espresso 2 Go Maschinen, die „echten“ Espresso herstellen können. Da muss man nicht auf die Fertigvariante zurückgreifen, auch wenn es im Notfall auch geht 😉

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  9. gnaddrig sagt:

    Mag sein, aber so ein Ding kann oder will nicht jeder ständig mit sich herumtragen. Das ist allenfalls für eine sehr spezielle Zielgruppe interessant…

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