Kulturelles Guerilla Gardening

Bekanntlich ist alles im Fluss und ändert sich ständig. Man kann nicht zweimal in denselben Fluss spucken. Außerdem wird alles immer schlimmer, und die Jugend ist immer verkommener und respektloser dem Alter und der althergebrachten Kultur gegenüber. Wenn alles so bleibe, wie es ist, wäre die Welt ein besserer Ort, und bequemer. Man kennte sich aus, man müsste sich nicht umgewöhnen und man könnte die größtenteils vollkommen unverdient in den Schoß geworfen gekriegten Privilegien hemmungslos auf Kosten anderer ausleben einfach so leben, wie es sich eben gehört. So ungefähr geht eine, wie ich meine, nicht wirklich vernünftige, aber recht weit verbreitete Grundhaltung.

Natürlich gibt es auch das gegenteilige Extrem. Vor ein paar Jahren hatte ich mit einem Kollegen zu tun, der ein fast manisch fortschrittsbegeisterter Zukunftsmusiker war. Kein digital native, aber sehr bemüht, sich wie einer zu verhalten. Vor dem Schritt in die Cyborgifizierung scheint er zurückgeschreckt zu sein, ansonsten war er ein verbissener Selbstoptimierer, der sich aus Prinzip so oft wie möglich in so vielen Bereichen wie möglich so weit wie möglich selbst aus seiner Komfortzone hinausgezwungen hat.

Sehr fähig, sehr helle, sehr fleißig, hyperkorrekt, immer am Kämpfen, immer sehr angespannt auf der Suche nach Neuem oder Änderbarem, hat er eher nicht so viel Lebensfreude verbreitet.

Der kam mal mit einem Video, wo jemand in ausgesprochen überschwänglichem Tonfall referierte, wie sehr sich alles ändert. Das im Internet hinterlegte Datenvolumen verdoppele sich alle x Zeiteinheiten, die Gesamtdauer der Videos auf Youtube vervierfache sich alle y Zeiteinheiten. Die Halbwertzeit von Datenformaten und Speichertechnologien halbiere sich alle z Zeiteinheiten. Alles werde immer schneller, größer, komplexer und besser, und niemand habe auch nur den Schimmer einer Chance, da mitzukommen. Man müsse schon ordentlich strampeln, wenigstens die wichtigsten Entwicklungen im Auge zu behalten.

Natürlich bringe das alles famose Möglichkeiten für Selbstoptimierung und persönliches Wachstum mit sich, und das müsse man unbedingt nutzen, wenn man nicht ins Hintertreffen geraten wolle. Die Konkurrenz schlafe ja auch nicht und überhaupt, es müsse ja vorwärts gehen.

Mal abgesehen von der allzu enthusiastischen Intonation (gut, das war ein amerikanisches Werk, die neigen eher zu sowas) hat mich daran die unausgesprochene Grundannahme gestört, dass das alles vor allem toll sei. Veränderung an sich sei so toll, dass sie Selbstzweck sein könne oder sogar müsse und dass jeder, der nicht als fortschrittsfeindlich gelten wolle, da möglichst begeistert möglichst weit vorne mitrennen müsse. Aggressiv proaktiv sein, um nicht abgehängt zu werden.

Ich habe nun wirklich nichts gegen Veränderung, schon gar nichts gegen Neugier, Forschung und Fortschritt, aber man sollte meiner Meinung nach nicht manisch an allem herumschrauben. If it ain’t broke don’t fix it und never change a winning team mögen vielleicht nicht auf alle Lebenslagen passen, mir leuchten sie als Grundhaltung aber eher ein als diese zwanghafte Vorwärtsstürmerei mancher Zeitgenossen. Veränderung ist nicht dasselbe wie Erkenntnisgewinn, und ohne Begründung im letzteren ist sie oft nicht so sinnvoll.

Viele Neuerungen erledigen sich in kurzer Zeit von selbst (wer kennt heute noch die seinerzeit vielbetrommelte Minidisk?). Andere setzen sich durch (ob zu recht oder, wie VHS, angesichts technisch besserer Konkurrenzprodukte eher zu unrecht), und dann kann man bequem auf den richtigen Zug aufspringen. Manchmal lohnt es sich durchaus, früh aufzuspringen und ein bisschen Avantgarde zu machen, aber eben vor allem da, wo es zu den eigenen Interessen und Neigungen passt, nicht aus Prinzip.

Als freiberuflicher Fotograf würde ich vielleicht neue Technologien früh testen wollen, auch auf die Gefahr hin, da nennenswertes Geld in den Sand zu setzen. Als technisch vergleichsweise wenig versierter Hobbyfotograf mit begrenztem Budget warte ich lieber auf ein ausgereiftes Produkt, bevor ich dafür knappes Geld ausgebe.

So oder so finde ich aber, man kann sich die Sachen erstmal anschauen, auch abgefahrene oder ziemlich gewagte. Es gibt keinen Grund, Panik zu schieben oder gar um sich zu keilen, weil jemand etwas Neues oder Ungewohntes vorführt, vorschlägt oder zeigt. Das ist anscheinend neulich passiert, als der Cembalist Mahan Esfahani sich erdreistete, Steve Reichs Piano Phase aufzuführen. Teile des Publikums haben die Aufführung so gestört, dass Esfahani sie abbrechen musste.

Das Stück ist, zugegeben, nicht das, was der Klassik-Abonnent normalerweise erwartet, aber es ist auch für klassisch geschulte Ohren wirklich nicht unzumutbar und bietet bei minimaler Offenheit für Neues faszinierende Effekte (einfach mal reinhören).

Jedenfalls ist es nicht unbedingt ein Ausweis von Kultiviertheit, sich so aufzuführen. Umso erfreulicher ist es, dass ein erheblicher Teil des Publikums gegengehalten hat. Esfahani selbst hat dem Erlebnis einiges abgewinnen können, nicht zuletzt ein Beispiel dafür, dass hier kontroverse Auseinanderseitzung nicht nur möglich ist, sondern wenigstens manchmal auch passiert.

Insofern ist es nicht einmal so schlecht, dass eine Gruppe mutmaßlich veränderungsunwilliger, vielleicht verknöcherter, sicher privilegierter und möglicherweise von der eigenen Wichtigkeit und Kultiviertheit besoffene Herrschaften ihrem Unmut lautstarken Ausdruck verliehen und sich sofort eine Gruppe Andersdenkender fand, die ebenso lautstark gegenhielten.

Wenn Aufführungen mehr oder minder klassischer, im deutschen Kulturkreis unbedingt unter E-Musik einzuordnender Stücke soviel Leben in die Bude bringen können, ist der Konzertsaal vielleicht doch nicht durchweg ein Tempel der verstaubten Ewiggestrigkeit. Nicht zuletzt, weil Leute wie Esfahani sich trauen, Ungewohntes zu bieten (und sei es noch so zahm) und weil Leute sich darauf einlassen, ob kontra oder pro.

Man sollte diese Begebenheit nicht überbewerten, aber ich finde es faszinierend, an welchen Ecken ganz unerwartet kleine bunte Blüten aufgehen.

 

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5 Kommentare on “Kulturelles Guerilla Gardening”

  1. aurorula a. sagt:

    Es gibt auch einige, die schonwieder den Weltuntergang heraufziehen sehen. Diesmal durch die „technische Singularität“. Weil der technische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Fortschritt immer schneller geht (Tempo halbiert sich alle z …), folgern sie, müßte es irgendwann bald unendlich schnell vorwärtsgehen – dieser Punkt bedeutet die technische Singularität, den Zusammenbruch der Zivilisation und das Ende der … you get the idea.
    Da denke ich mir immer öfter: Optimisten! Wer sagt Euch denn daß die Zivilisation nicht schon vorher zusammenbricht, durch einen Bürgerkrieg etwa? Oder daß das Fortschrittstempo sich immer weiter halbieren und nicht etwa asymptotisch einem bestimmten Wert annähern wird, der nicht unendlich ist? Daß es ab einem bestimmten Punkt nicht wieder laaaaaangggsamer vorangeht weil es mühsamer wird die Grenzen der Erkenntnis hinauszuschieben? Na, undsoweiter.

    Das Stück Piano Phase ist einfach klasse – ein ruhiges Musikstück bei dem ich nicht das Bedürfnis verspüre völlig genervt das Stromkabel durchzuschneiden (das passiert mir bei Entspannungsmusik immer, die ist das akustische Äquivalent der Wasserfolter) weil sich immer etwas Neues tut und es nie langweilig wird 😀
    Ein anderes Stück von Steve Reich, Electric Counterpoint, hat minus Dezibel fast etwas von Rock – viele Rockbands machen das ja auch daß sie eine kleinere Tonfolge immer und immer wieder ganz leicht variieren 🙂 Das gefällt mir fast noch besser.

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, die Zivilisation wird irgendwann zusammenbrechen, die Welt enden usw. Und es wird sicher anders vor sich gehen als egal welche Unkenfraktion sich das ausmalt. Am Ehesten dürfte das passieren, wenn irgendwer auf einen roten Knopf zuviel drückt, genügend Spinner mit Zugriff auf sowas soll es ja geben. Davon abgesehen sehe ich nicht, dass der Fortschritt uns soweit aus den Angeln hebt, dass nichts mehr geht.

    Electric Counterpoint hat was, aber Piano Phase gefällt mir besser. Oft anhören würde ich mir weder das eine noch das andere Stück, aber es ist klasse, was man mit so wenig Notenmaterial und Instrumentierung alles hinkriegen kann 🙂

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  3. Achim sagt:

    Hach, die Singularität. Deren Vertreter sollten erst mal den Mathestoff der 9. Klasse oder so nachholen. Wenn jeder Entwicklungsschritt nur halb so lange dauert wie sein Vorgänger, dann strebt die Dauer zwar gegen 0, aber wird nie Null. Denn wenn ich einen Wert halbiere, bleibt immer etwas übrig. Man nennt das asymptotisch. Aber es ist ja cool, schlecht in Mathe gewesen zu sein.

    Und wem Steve Reich zu dynamisch ist, dem sei eine Reise in den Harz empfohlen: Klick

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  4. gnaddrig sagt:

    Von der Singularität zu träumen macht sicher mehr Spaß als gemischtquadratische Gleichungen zu lösen. Aber das ewige Orgeldings in Halberstadt ist abgefahren, ähnlich wie diese Pechtropfexperimente. Ich bin vor gut zehn Jahren zufällig dort vorbeigekommen und habe kurz reingehört. Schönes Gebäude jedenfalls.

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  5. aurorula a. sagt:

    @ Achim:

    Dazu gibt es einen (ab 18) Mathematikerwitz:
    Ein Mathematiker und ein Physiker werden gefragt, ob sie an einem sozialen Experiment teilnehmen / dürfen entscheiden ob sie als Preis wollen / oder was für ein karmatischer Kausalknoten auch immer. Jedenfalls geht es darum, daß sie auf einem Stuhl sitzen, und ihnen gegenüber sitzt ein Supermodel. Am Anfang am anderen Ende des Zimmers, aber alle 5 Minuten wird stuhlgerückt und der Abstand halbiert. Der Mathematiker lehnt sofort ab, der Physiker stimmt genauso schnell zu.
    Mathematiker: Aber der Abstand wird doch nie Null, Du kommst nie zu ihr hin!
    Physiker: Schon, aber ich komme ihr nahe genug um alle wichtigen Sachen zu sehen!
    (geht natürlich genauso mit Mathematikerin, Physikerin und männlichem Supermodel oder in welcher Kombination wer auch immer sich wen gerne anschaut)

    Gefällt 2 Personen


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