Hightech bei der Bahn

Es gibt ja für alle möglichen Dinge technische Lösungen, wir sind ja nicht blöd. Zunächst altmodische Lowtech-Lösungen und, weil der Fortschritt nicht schläft und man mit der Zeit geht, zunehmend kompliziertere Hightech-Lösungen. Ohne die alte Zeit allzusehr loben zu wollen, muss ich doch feststellen, dass gut abgehangene, althergebrachte Lösungen oft eine gewisse Robustheit und Alltagstauglichkeit mit sich bringen, während neumodischer Kram nicht selten durch Unausgegorenheit und Fehleranfälligkeit auffällt.

Anders gesagt: Wo keine Elektrik drin ist, kann keine Elektrik ausfallen. Und Dinge, die ohne Elektrik zufriedenstellend funktionieren, nur deshalb mit Elektrik auszustatten, weil es geht und man das heute so macht, und sich dabei noch unnötig zu verkünsteln, erscheint darum wenig zweckdienlich. Wenn dann die Elektrifizierung noch mit merklichen Benutzbarkeitseinbußen einhergeht, wird es vollends unverständlich.

Ein Beispiel: Die Zuglaufschilder bei der Bahn. Früher hing an jedem Waggon ein Schild aus Blech, Plastik oder Papier, auf dem die Fahrstrecke des Zugs stand, ungefähr so:

Aachen Hbf-
Düsseldorf Hbf-Hagen Hbf-
Dortmund Hbf

Die Dinger waren ziemlich unkaputtbar und bei fast allen je auf Bahnsteigen zu erwartendem Lichtverhältnissen auch aus mehreren Metern Entfernung zu lesen.

Heute hat man stattdessen Anzeigeelemente, wo dieselben Angaben mit gelben Leuchtpunkten auf dunklem Grund dargestellt werden. Hinter nicht entspiegeltem Glas. Die Auflösung ist lächerlich, was das Lesen nicht einfacher macht, und der Kontrast ist lächerlich, weshalb man bei Sonne oft so gut wie gar nichts lesen kann:

Wenn ich Pech habe (und die Anzeigetafel am Bahnhof kaputt ist – soll vorkommen – oder gleich ganz fehlt – kommt auch vor), kann ich von außen kaum erkennen, welcher Zug da überhaupt vor mir steht. Das ist weniger trivial als man denken könnte, gerade an großen Strecken auf großen Bahnhöfen, wenn verspätungsbedingtes Durcheinander herrscht mit Verlegungen auf andere Bahnsteige, davon abweichenden Ansagen und Anzeigen am Bahnsteig usw.

Ebenso schlecht kann ich sehen, welchen Waggon ich vor mir habe. Da die Wagenreihung bei der Bahn nach wie vor Gesetzen folgt, die offenbar Geheimsache sind (normale Wagenreihung, umgekehrte Wagenreihung, Zugteile vertauscht, einzelne Wagen fehlen, da gibt es unzählige Möglichkeiten und die Bahn nutzt sie ausgiebig), habe ich als Fahrgast keinerlei Handhabe, „meinen“ Wagen mit den bezahlten Reservierungen ausfindig zu machen. Ich muss also, um den Zug nicht zu verpassen, aufs Geratewohl irgendwo einsteigen und mich dann u.U. mit viel Gepäck und kleinen Kindern durch ein halbes Dutzend u.U. überfüllter oder mit Horden frisch Eingestiegener verstopfter Waggons drängeln.

Bis ich meine Plätze gefunden habe, sind sie besetzt weil die Reservierungsanzeige (auch so ein Thema, die Zettel von früher waren weniger fehleranfällig!) eine Viertelstunde nach Abfahrt gelöscht wird. Die teuren Reservierungen sind dann verfallen, oder ich muss erstmal lange diskutieren. Das Bahnpersonal hält sich aus sowas klugerweise raus, da kann man ja nur verlieren. Als zahlender Kunde ist man in dem Fall der Depp.

(Vor einer Weile hatte ich den Fall, dass eine Gruppe von vier Leuten auf unseren reservierten Plätzen saß. Deren Zug war ausgefallen. Alle Fahrgäste waren in unseren Zug umgeschichtet worden und das Personal hatte ihnen gesagt, sie sollen sich irgendwo hinsetzen und Reservierungen ignorieren. Da sie in ihrem alten Zug auch reservierte Plätze hatten, glaubten sie auch, mindestens so viel Recht auf unsere Plätze zu haben wie wir. Wir haben uns einigermaßen gütlich geeinigt, aber es war schon ärgerlich. Und bei allem Mitgefühl (da waren auch Kinder dabei), dafür bezahle ich meine Platzkarten ja nicht.)

Mit dieser Art der Anzeige haben sie einfach zu viel gewollt. Zur Beleuchtung der Tafel braucht man keine Leuchtpunktanzeige, das geht auch ganz altmodisch mit Glühbirne (oder gern auch LED) im Schaukasten. Die oben verlinkte Papierversion ließe sich sogar recht unkompliziert von hinten beleuchten und wäre damit auch bei Dunkelheit deutlich lesbarer als das Elend mit den gelben Leuchtpunkten.

Ich sehe durchaus den Witz solcher elektronischen Anzeigeelemente – man ist nicht darauf angewiesen, den richtigen Text als Hartkopie dabeizuhaben und kann auf alle möglichen Entwicklungen an der Strecke flexibel reagieren. Andererseits dürfte das Ändern des Anzeigetextes auch nicht so einfach sein. Immerhin werden die Platzreservierungen auch im ICE noch per Floppy Disk in den Zug gebracht, weshalb auch Dinge wie „umgekehrte Wagenreihung“ nicht einfach durch Änderung der Anzeige behoben werden können.

Und wenn schon das moderne Flaggschifprodukt ICE noch mit seit 15 Jahren veralteter Informationstechnik läuft, wundert man sich, dass es in den teils 40 Jahre alten ICs überhaupt Strom gibt. Immerhin gibt es dort, anders als in den neueren ICEs, noch durchgehend Leselampen…

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7 Kommentare on “Hightech bei der Bahn”

  1. marana41 sagt:

    Bahnfahren ist immer ein Abenteuer und für sehbehinderte und dazu noch ältliche Menschen, oder gar sehbehinderte, ältliche Wieferslüt allemal.

    😉

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  2. gnaddrig sagt:

    Allerdings, da passieren die schrägsten Dinge.

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  3. cimddwc sagt:

    Immerhin werden die Platzreservierungen auch im ICE noch per Floppy Disk in den Zug gebracht, weshalb auch Dinge wie “umgekehrte Wagenreihung” nicht einfach durch Änderung der Anzeige behoben werden können.

    Naja, egal wie die Reservierungen ankommen, der Bordrechner könnte sie ja trotzdem umordnen. Die umgekehrte Wagenreihung lässt sich so aber auch schwer beheben, schließlich sind nicht alle Wagen gleich – Großraum/Abteil/Tische/Fahrrad-/Behindertenbereiche und v.a. 1./2. Klasse. Und insbesondere dann nicht, wenn sie erst unterwegs entsteht, weil der Zug wegen Bauarbeiten oder einer Störung umgeleitet wird und einmal mehr oder weniger Kopf machen muss…

    Wobei es immer wieder witzig ist, wenn die umgekehrte Wagenreihung angekündigt wird, der Zug dann aber doch richtigrum kommt… Bei meinem letzten Fall war das zum Glück nur ein Wagen Unterschied in der Mitte eines zweiteiligen ICE.

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  4. gnaddrig sagt:

    Hast natürlich recht, die Wagen sind nicht alle gleich, jedenfalls nicht gleich genug.

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  5. Zur Lesbarkeit der Anzeigen sei gesagt, dass ein Display, welches bei jeder Wetterlage und bei allen Lichtverhältnissen gut lesbar ist, schlichtweg nicht existiert.
    Es handelt sich bei solchen Anzeigen immer um eine Kompromisslösung aus Preis und Lesbarkeit, daher sind die Anzeigen meist schlecht lesbar…

    Das Platzreservierungssystem vieler europäischer Bahnen ist schon recht alt, aber einheitlich. Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie lange sich Techniker und Bürokraten unterschiedlicher Bahnverwaltungen mit unterschiedlichen Ansichten streiten mussten, um da zu einem Konsens zu kommen, wie man sowas realisieren könnte.
    Daher wird daran, auch trotz fortgeschrittener Technik, nichts geändert, weil sich sonst die ganzen Techniker und Bürokraten wieder jahrelang zusammenstreiten müssten…

    Zur Durchsetzung der Reservierung auf einem Sitzplatz (wenn sich auf deinem Platz jemand unrechtmäßig aufhält) kann ich nur auf das Faustrecht verweisen.
    Wenn einer nicht aufstehen will, wird sich der Schaffner mit dem sicher nicht prügeln wollen, was ich bei dem Gehalt irgendwie verstehen kann.
    In so einem Fall ist man leider immer zweiter…

    Wie die Wagenreihung zu sehen ist, ist mir auch nicht gänzlich klar. Zwar ist bei uns in Österreich an den Bahnhöfen, wo die Schnellzüge halten immer ein Wagenstandplan auf dem Bahnsteig in Infoanzeigern zu finden, ich habe mich aber auch schon oft genau am falschen Ende des Bahnsteigs zum Warten hingestellt, weil ich den Plan nicht richtig interpretiert habe…

    Darum ist Bahnfahren immer ein Erlebnis!

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  6. gnaddrig sagt:

    Klar, Displays sind immer Kompromisslösungen und egal welche Technik man wählt gibt es immer Bedingungen, unter denen es nicht so gut lesbar ist. Ich frage mich nur, ob die Leuchtpunkttechnik unter irgendwelchen Bedingungen so deutlich bessere Lesbarkeit gegenüber der von hinten beleuchteten Papierversion bietet, dass die (von mir unterstellten) Mehrkosten gerechtfertigt sind.

    Einen einmal mühsam ausgehandelten Kompromiss wie das Reservierungssystem wird man natürlich nicht ohne sehr guten Grund umbauen (und bei dem jahrelangen Hickhack, eventuellen Alleingängen und den unweigerlich zu erwartenden Pannen würden Leute wie ich sicher auch wieder meckern). Lästig ist es trotzdem manchmal, wenn so ein Zug mal wieder ohne Reservierungen unterwegs ist.

    Immerhin meckern wir auf hohem Niveau…

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  7. Einen Zug bezetteln oder beschildern geht einfach nur mit Personal, aber das ist heute schon längst wegrationalisiert. Darum ist ein Display, wenn auch schlecht lesbar, für das Unternehmen günstiger als ein Zettel, den ja jemand ausdrucken und hineinstecken muss.

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