Besserwisser

Seit Monaten ist die sogenannte Flüchtlingskrise ein Dauerbrenner in den Medien, in der Politik und natürlich am Stammtisch bzw. neuerdings auf der Straße, wo man besorgt spazierengeht. Die gut 440.000 Asylbewerber im letzten Jahr (Quelle) bleiben zwar deutlich hinter der mehrfach kolportierten Prognose von einer Million zurück, sind aber trotzdem eine ganze Menge Volk. Die alle unterzubringen, zu versorgen, die Asylanträge einzeln zu prüfen usw. ist kein Pappenstiel.

Viele Leute gönnen den Leuten das Hiersein nicht, gönnen ihnen Kost und Logis und Taschengeld nicht (als ob von den Meckerern auch nur einer freiwillig in einen mit Stoffbahnen abgetrennten Verschlag in einer mit Hunderten belegten Halle ziehen würde, weils da so schön ist) und zeigen eine so ausgeprägte Mitleidlosigkeit, dass es zum Heulen ist.

Das Recht auf Asyl steht im Grundgesetz und ich sehe nicht, wie man die Leute an der Grenze abweisen kann, ohne das Grundgesetz zu verbiegen oder zu missachten, Dublin-Abkommen hin, volles Boot her (und das deutsche Boot ist nun wirklich noch lange nicht voll – sogar wenn wir Libanon und die Türkei beiseitelassen, man schaue sich einfach Griechenland an, da haben wir ein ziemlich volles Boot, dagegen herrscht in Deutschland praktisch gähnende Leere in Sachen Asylbewerber).

Die wenigsten Asylbewerber sind kriminell (klar, die gibt es auch), noch weniger sind Schmarotzer (klar, die gibt es auch), und selbst wenn viele weniger vor Verfolgung oder Krieg geflohen sind, sondern auf der Suche nach einem besseren Leben hergekommen sind, wird sich niemand von denen aus Jux und Dollerei auf die Reise gemacht haben. Da stecken unzählige persönliche Geschichten hinter, viele davon ziemlich tragisch. Gier und Faulheit dürften höchstens ganz am Rande vorkommen.

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Die Versorgung der Asylbewerber schluckt natürlich Ressourcen. Viele Behördenmitarbeiter sind dadurch dauerhaft gebunden, viel Geld fließt da rein. Turnhallen wurden zeitweise in Unterkünfte umgewandelt, stellenweise fällt wohl Sportunterricht an Schulen aus (oder Schulen mit verunterkunfteter Turnhalle müssen ihre Schüler zum Sportunterricht in Turnhallen anderer Schulen schicken). Das ist bedauerlich, aber die leibliche Ertüchtigung der deutschen Jugend wird es sicher verkraften.

Viel mehr ins Gewicht fallen die vielen Unterkünfte, die von „überfremdungskritischen“ besorgten Bürgern samt Inventar abgebrannt werden. Man sollte mal ermitteln, wieviel von dem Geld, das für Asylbewerber ausgegeben wird, in diese Brandopfer, in die dazugehörigen Feuerwehr-, Polizei- und Rettungsdiensteinsätze und in die Ersatzbeschaffung fließt. Davon könnte man sicher die eine oder andere Turnhalle bauen oder andere Räumlichkeiten für ein paar Monate anmieten.

Und selbst wenn die zigtausend als Asylbewerber hergekommenen De-facto-Einwanderer nicht so viel Wirtschaftswachstum schaffen, wie manche Experten es in den Medien gelegentlich etwas überoptimistisch verkünden, wenn mehr von ihnen dem Sozialstaat länger auf der Tasche liegen als man so denkt, wird das weder den Sozialstaat sprengen noch die Bundesrepublik in den Bankrott treiben.

Merkels Wir schaffen das ist meiner Meinung nach inhaltlich gerechtfertigt. Wir können das schaffen und wir schaffen das. Wir haben eine große Welle russlanddeutscher Einwanderer verkraftet und weitgehend integriert. Wir haben die Wiedervereinigung mit erheblichen Migrationswellen verkraftet. Wir werden auch die paar Figuren verkraften und integrieren, die jetzt aus Syrien und Afrika hier ankommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben, auf überhaupt ein Leben. Das geht, Deutschland wird an denen nicht ersticken. Aber das ist nicht das Problem vieler „besorgter Bürger“, denen geht es in Wirklichkeit wohl um anderes.

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[Auftritt Besorger Bürger] Viele Einheimische wollen nämlich gar keine Ausländer hier, höchstens als Touristen, möglichst aus „uns nahestehenden“ (also westlichen, christlichennichtmuslimischen) Ländern. Und schon gar keine Asylbewerber. Gut, ein paar vielleicht schon. So richtig Verfolgte aus fiesen Diktaturen, die hier dann schön bescheiden auftreten, sich ordentlich anpassen und angemessen dankbar für die Leberwurstpakete sind. Die dürften schon. Natürlich nicht hier bei uns sondern, sagen wir, in Bayern oder Nordrhein-Westfalen, jedenfalls anderswo in Deutschland.

Das Recht auf Asyl will man ja an sich auch gar nicht antasten, nur können eben nicht alle kommen. Möglichst keine Schwarzen, keine Muslime und schon gar keine Wirtschaftsflüchtlinge, die dann hier frech werden, Drogen verticken, schwarzfahren und Deutsche Frauen (und Unsere Töchter!) belästigen. Oder verkappte Terroristen, die als armer Flüchtling einreisen und dann hier Bomben legen.

Und Syrer. Eigentlich ganz anständige Leute, ganz bestimmt, nicht mal so furchtbar muslimisch die meisten (außer den Schläfern vom DAESH natürlich) und fast wie Türken, an die hat man sich ja mittlerweile beinahe gewöhnt, und sogar wer sie nicht mag hätte das Vorgehen des NSU nicht gut gefunden.

Aber warum machen die sich hier ein laues Leben? Warum sind die nicht zuhause in Syrien und kämpfen für ihre Heimat? Die könnten, wenn sie alle anpacken würden, doch die Metzger vom DAESH mit ihrem komischen Kopf-ab-Möchtegern-Kalifat in Nullkommanix plattmachen, oder? Wir würden denen dafür sicher ein paar garantiert hitzetaugliche und dauerfeuerfeste Karabiner verkaufen! Sind die feige? Ich – höre ich solche Helden intonieren – würde ja zuhause bleiben und kämpfen, bis meine deutsche Heimat wieder frei und selbstbestimmt wäre (wie sie das in der DDR zu Tausenden getan haben vierzig Jahre lang, mutig gegen den Apparat, und vorher alle miteinander im Dritten Reich, da waren ja auch fast alle dagegen und sind mit ihren Attentaten nur nicht mehr an die Reihe gekommen weil die Schlange so lang und das Dritte Reich so kurz war).

Wenn die ganzen Syrer hier ein paar Eier in der Hose hätten, hört man oft, stünden die jetzt mit der Flinte in der Hand vor Rakka und würden den Bärtigen dort die Hölle heiß machen oder Assad zum Teufel jagen, egal. Stattdessen nerven die hier. [Besorgter Bürger geht kopfschüttelnd ab.]

Der syrische Künstler Ramo, der sich derzeit als Flüchtling in Deutschland aufhält, hat sich dazu ein paar Gedanken gemacht, die ich hier mal so in den Raum stellen möchte: Zum Nachdenken.

Wer Ramos seine abschließende Frage schlüssig beantworten kann, soll sich melden, da wäre eine glänzende Karriere in der Politik oder in der Diplomatie praktisch sicher. Für und gegen wen soll er als syrischer Kurde denn kämpfen, wenn er in ganz Syrien Freunde und Verwandte hat und eigentlich nicht gern Landsleute töten will?

Ich an seiner Stelle wüsste jedenfalls nicht, unter welcher Flagge ich dort kämpfen wollen sollte. Und wenn man die verfahrene Situation in Syrien durch aktive Teilnahme am Bürgerkrieg offenbar nicht lösen kann, sondern die Dinge bestenfalls verschlimmbessert, ist es sicher am Vernünftigsten, dort nicht mitzuschießen sondern auszusteigen.

Die ganzen Schlaumeier, die meinen, ein syrischer Patriot solle jetzt am Besten in Syrien mit der Waffe in der Hand für seine Heimat kämpfen, sollten diese Meinung mal bis zum Ende durchdenken. Dann müssten sie, sofern ehrlich, ziemlich kleinlaut zugeben, dass es Unsinn ist.

Solange es jedenfalls auf Ramos Frage keine schlüssige Antwort gibt, lassen wir die syrischen Asylbewerber hier bitte einfach in Ruhe (und die anderen am Besten auch gleich mit) und hoffen, dass irgendwer es schafft, Syrien und die anderen Herkunftsländer von Flüchtenden soweit auszusortieren, dass man dort wieder leben kann.

Und es wäre nett, wenn die ganzen ahnungslosen Besserwisser, denen selbst noch nie kriegerisches Blei um die Ohren geflogen ist und die noch nie selbst eine Waffe in der Hand gehabt haben, so lange die Klappe halten und aus dem Weg gehen könnten, vielen Dank.

 

P.S.: Noch was: Nehmen wir mal an, wir hätten in Deutschland Zustände wie derzeit in Syrien oder Irak mit einer bösartigen Diktatur, einer religiösfanatischen Schlächterbande mit Allmachtsfantasien als Gegenspieler, Separatisten, die mit ein paar Regionen mehrerer Nachbarstaaten endlich ihren eigenen Laden aufmachen wollen, Rebellen gegen den Diktator und noch ein paar Akteuren mit unklarer Interessenlage. Alle diese Parteien kämpfen in verworrenen, immer wieder wechselnden Allianzen mit- und gegeneinander.

Wieviele unserer lautstark besorgten „Asylkritiker“, Überfremdungsalarmisten, Volkstodschwurbler, Deutschland-den-Deutschen-Pöbler und Patriotendarsteller würden in so einem Fall tatsächlich hier mit der Waffe für ihre Heimat kämpfen? Doch wohl die Allerwenigsten. Fast alle von denen würden in ihren Kellern oder in den Kerkern des Regimes verrecken oder irgendwo in der Welt als Asylbewerber auf besseres Wetter hoffen, jede Wette. Aber das nur am Rande.

 

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10 Kommentare on “Besserwisser”

  1. Karl sagt:

    Hat dies auf Kall's Einwürfe rebloggt und kommentierte:
    Seit Wochen meinte ich eigentlich, was dazu schreiben zu sollen. Ich hab mich stattdessen auf rechten Facebookseiten rumgetrieben, Seitnhiebe verteilt und die ein oder andere Beleidigung kassiert. Nicht selbst eine eigene Stellungnahme verfasst zu haben war trotzdem irgendwie unbefriedigend. Hier ist eine, die ich Wort für Wort unterschreibe, und ich glaube, man wird es mir nachsehen, wenn ich jetzt nicht auch noch selbst hinterherschiebe, weil das eigentlich fast nur die Wiederholung des Gnaddrigschen Beitrages wäre.

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  2. Danke, damit hast du perfekt meine Gedanken auf den Punkt gebracht.

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  3. gnaddrig sagt:

    Das freut mich! Vor allem, weil es zeigt, dass ich das nicht als Einziger so sehe. Genau wie Karls Kommentar auch. Danke 🙂

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  4. aebby sagt:

    Danke für diesen Text. Es tut immer wieder gut zu lesen, dass man nicht alleine ist. In Gebrüll der diskriminierenden Polemiker fühle ich mich gelegentlich verloren.

    und ich wünsche ein schönes Ostern.

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  5. gnaddrig sagt:

    Das Gefühl kenne ich. Dir auch frohe Ostern!

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  6. Achim sagt:

    Ich kann nur sagen, was andere schon gesagt haben: Danke! Selbst meine 86-jährige Schwiegermutter, die teilweise sehr seltsame Dinge sagt, sagt in diesem Fall: Ist doch klar, dass wir die hier aufnehmen. Ich habe den Bombenkrieg erlebt, ich weiß, wie die sich fühlen.

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  7. gnaddrig sagt:

    Eben, wer sowas erlebt hat weiß, dass Krieg kein Spaziergang ist und Flucht keine Sommerfrische.

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  8. kiddothekid sagt:

    Voll auf die Zwölf. Danke.

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  9. gnaddrig sagt:

    Das musste halt raus.

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  10. […] sein! Alle Mann ganz schnell auf die Straße, das Schlimmste verhindern! Vielleicht weiß von den einschlägigen Experten wer, was wir jetzt machen sollen? Schnell, das Vaterland ist in […]

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