Ein Waldspaziergang im goldenen Oktober

Im Teeladen geben sie an der Kasse meistens ein oder zwei Probepackungen Tee mit. Sie hoffen, der geneigte Kunde möge an der einen oder anderen neuen Teesorte Gefallen finden und gelegentlich mehr davon kaufen. Nun bin ich seit langem auf kräftige Tees aus Assam oder Sri Lanka eingeschossen, und aus „meiner“ Sparte ist nicht so oft was dabei. Man verschenkt wohl lieber exotischere, elegantere und – habe ich jetzt nicht überprüft, tät mich aber nicht wundern – hochpreisigere Tees als meine gewohnten Sorten.

Die Chefin meines Teeladens weiß, was ich mag und gibt mir meistens etwas mit, das mir schmeckt, aber immer wieder stehen da andere Leute hinter der Theke, die mir dann irgendwelche eher verspielte Sorten mitgeben. Solange keine Früchtetees oder parfümierte Scheußlichkeiten dabei sind, ist das auch ok. Manchmal schaue ja sogar ich ein ganz bisschen über den Tellerrand, und es kann ja auch  ganz interessant sein, was es alles gibt.

Neulich hatte ich beispielsweise einen edlen Tee aus Nepal, eine bezaubernde, aromatische Herbstpflückung. Die sei wunderbar nuancenreich, hieß es auf der Tüte, lieblich-duftig und farbenfroh wie ein Waldspaziergang im goldenen Oktober. Ich hatte nicht viel erwartet und das Zeug eher aus Neugier aufgegossen. Es hat geschmeckt wie aufgegossenes Heu. Nicht mal schlecht oder unangenehm, aber etwas witzlos. Kein Tee eben, jedenfalls nicht Tee Wie Ich Ihn Mag.

Ich habe noch einen chinesischen Tee liegen. Das ist ein feinster, geschmeidiger Keemun von diskreter Finesse. Er soll sich durch seinen besonders weichen Geschmack mit leichter Süße auszeichnen. Aus der Tüte riecht es nicht schlecht, fast wie schwarzer Tee, das erinnert mich aber noch an etwas anderes. Brandy de Jérez? Plaka-Farbe? Keine Ahnung, habe ich grad nicht da. Den Keemun werde ich gelegentlich mal probieren, und der könnte fast nach was schmecken. Bin jedenfalls gespannt.

Weniger Chancen räume ich dem hauchzarten, fast grünen Oolong aus Indonesien ein, auch wenn der durchaus vergleichbar mit besten Sorten aus Taiwan daherkommt. Meine (recht begrenzten) Erfahrungen mit grünem Tee stimmen mich da wenig optimistisch. Auch die jadegrüne Tasse lässt mich eher kalt, zumal das Zeug mit lauwarmem Wasser aufgegossen werden soll. Gut, 90° sind gefordert, eben fast wie bei grünem Tee. Optisch und olfaktorisch fühle ich mich beim Blick in die Tüte an Hasenköttel erinnert. Sanft und vegetabil passt da ganz gut, nur bei voll lebendiger Frische bin ich nicht sicher.

Den Oolong werde ich wohl auch probieren müssen, aber ob der bei mir eine faire Chance hat, kann ich nicht sagen. Genauso könnte man mich ein neues Jazz-Album rezensieren lassen oder irgendwas von T.C.Boyle. Nicht mein Ding, darum lasse ich da normalerweise die Finger von.

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5 Kommentare on “Ein Waldspaziergang im goldenen Oktober”

  1. Arnim Sommer sagt:

    Ich habe mir kürzlich leichtfertig einen Tee mit viel Koffein zugelegt.
    Schmeckt wie ein gewisser Energy-Drink (*würg*)…

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  2. gnaddrig sagt:

    Das wär’s doch überhaupt: Schwarzer Tee, parfümiert à la Red Bull o.ä. Blärgs…

    Wieviel Koffein in so Tee drin ist weiß ich gar nicht. Unterschiede wird’s sicher geben, aber wie groß und wo? Keine Ahnung. Oder hattest Du ein extra angereichertes Produkt?

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  3. aurorula a. sagt:

    In Schwarztee ist sogar relativ viel Coffein (etwa 11mg pro 100g) – nur wird das oft unter dem anderen Namen „Teein“ angegeben. Zum Vergleich: Kaffee hat etwa 40mg pro 100g. Der Name Teein ist historisch, als es entdeckt wurde hielt man es zuerst für eine eigene, coffeinähnliche Substanz, nicht für Coffein selbst. Was nicht ungewöhnlich wäre, aus Kakao z.B. kennt man zwei von der Sorte. Teein hört sich aber nach wie vor schicker an als „Coffein ist ein natürlicher Bestandteil von … Tee“.

    Schwarztee ist fermentierter Grüntee; bei Oolong ist der Tee kurz anfermentiert, aber nicht so lange wie bei Schwarztees. Manchmal, wenn es nun unbedingt eine Farbe sein soll, sagt auch wer „weißer Tee“ dazu. Ein „grüner Oolong“ ist also eigentlich genauso Käse wie ein „grüner Schwarztee“. Schwarzgrüner Tee, das ist schon fast politisch 😉

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  4. Achim sagt:

    Jetzt müsste man noch wissen, wieviel von der prychotropen Substanz im fertigen Getränk enthalten ist. Ohne nachgewogen zu haben, würde ich sagen, dass bei uns zu Hause am Ende des Prozesses ein Becher Kaffee mehr davon enthält als eine (große) Tasse Tee.

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  5. gnaddrig sagt:

    Die Probierpackungen sind für einen halben Liter Tee gedacht und enthalten zwischen 6 und 7 g Tee (bei zweien steht 6 g drauf, andere haben keine Gewichtsangabe, die habe ich nachgewogen). Wenn man aurorulas 11 mg pro 100 g Teeblätter zugrundelegt, wären das 0,66 mg für die 6-Gramm-Probe und 0,76 mg für die 6,9-Gramm-Probe. Ein halber Liter Wasser ergibt zwei Pötte Tee, also 0,33 bis 0,8 mg Kaffein pro Portion.

    Allerdings geht beim Tee anscheinend nicht alles im Blatt enthaltene Koffein auch in den Aufguss (s. Koffeingehalt in mg – Kaffee, Cola, Tee), der tatsächliche Koffeingehalt des Getränks liegt daher fast immer niedriger.

    Allerdings passen die Angaben in der Tabelle nicht zu den genannten 11mg (aurorula, wo hast Du die Zahl her?). Da werden aber für verschiedene Tees maximal lösliche Koffeinmengen von bis zu 146 mg pro Tasse (Silbernadel) angegeben, für Darjeeling immerhin 77 mg, für Assam 82. Auf koffein.com wird für Schwarzen Tee 35 mg pro 100 ml Aufguss angegeben (hier), das passt ungefähr zu den Angaben für Darjeeling und Assam. Wenn ich mal die 35 mg pro 100 ml Aufguss zurückrechne, komme ich auf 175 mg pro halbem Liter, also 175 mg pro 6 g trockene Teeblätter, also 2.917mg pro 100 g Teeblätter. Habe ich mich irgendwo verrechnet? Oder sind wir hier einer großen Sache auf die Spur gekommen? Die Tee-Verschwörung…

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