Degeneriert

Neulich habe ich in so einem völkisch orientierten, fleißig „überfremdungskritisch“ trompetenden Hetzblog gelesen, Englisch sei nichts weiter als ein degenerierter deutsch/germanischer Dialekt. Die englische Kultur sei nichts weiter als eine auf einer [sic!] Abart germanischer Sprachen bezogene Randerscheinung der Germanen, und – natürlich – ohne den deutschen Vorfahren gebe [sic!] es die “englische” Kultur nicht. Englisch sei die Weltsprache der Degenerierten.

Kann man meinen, es wird davon aber nicht richtiger. Und wenn ich mir anschaue, mit was für Parolen derzeit in Deutschland spazierengegangen und marschiert wird, frage ich mich, wen man hier für degeneriert halten soll.

Erstmal zur Kultur: Mir liegt es fern, die „englische Kultur“ als besonders hochstehend oder nachahmenswert hinstellen zu wollen. Sie ist im Wesentlichen ein Fork der gemeinsamen, eigentlich noch nicht wirklich deutschen Vorgängerkultur. Seit der Übersiedlung der Angeln und Sachsen auf die britischen Inseln ist sie natürlich durch romanische, namentlich französische Einflüsse „verdorben“ worden. Andererseits müsste der langjährige dänische (also germanische!) Einfluss sie im Gegenzug veredelt haben, da könnte der Saldo am Ende einigermaßen ausgeglichen sein. So oder so ist die englische Kultur vor allem anders, aber nicht besser oder schlechter als die deutsche oder sonst eine Kultur. Verteidigung hat sie so wenig nötig wie die vielgenannte deutsche Eiche.

Dass die Herrschaften Deutschvaterlandsretter vermutlich gar nicht die englische Kultur meinen, also die Kultur der Engländer in England, sondern den gesamten angelsächsischen Kulturkreis ablehnen, vorneweg die (bekanntermaßen, um den einschlägigen Jargon zu bemühen, vernegerte und verjudete) US-amerikanische Kultur, kann ich nur mutmaßen.

Die Details dürften ihnen aber auch egal sein. Diesen ganzen degenerierten Dreck von außerhalb – spinne ich die Äußerungen dieser Leute anhand einer gedachten Linie mal weiter – muss man gar nicht weiter differenzieren, den sollte man komplett zusammenkehren und auf den Müll kippen.

(Die Mülltrennung ist, ganz nebenbei gesagt, auch so eine Methode, den Deutschen kleinzukriegen und die heldendeutschgermanische Leitkultur auf Steinzeitniveau zurückzubefördern. Wir sollen leere Joghurtbecher mit Spülwasserresten auswaschen, mehrkomponentige Verpackungen in Alufolie, Pappe und Plastik zerlegen und wegen der Bioabfälle im Restmüll ein schlechtes Gewissen haben, statt stolz und aufrecht unseren Platz in der Welt neben der guten althergebrachten Gesamtmülltonne zu behaupten.)

Jetzt zur Sprache: Im Gegensatz zu dem unter der Bezeichnung Englisch gesprochenen Degenerat pflegt der Rechte Deutsche natürlich die fast heilige Deutsche Sprache, den Inbegriff von Reinheit, Kraft, Kultur usw. Die Sprache der Sprachen, in glänzender Erhabenheit wie die legendäre Stadt auf dem Berge, ein Solitär, die ewige Flamme der Deutschen Volksdingenskirchen usw.

Dass die deutsche Sprache sich genau wie die englische und so ziemlich alle anderen Sprachen beständig weiterentwickelt und deshalb im Lauf der letzten ein- oder zweitausend Jahre erhebliche Veränderungen durchgemacht hat, sei nur nebenbei erwähnt. Weder sprachlich noch kulturell, weltanschaulich oder sonstwie könnten wir Heutigen etwas mit den, sagen wir Protodeutschen von vor tausend Jahren oder den Germanen von vor 2000 Jahren etwas anfangen. Mit Walther von der Vogelweide könnte sich sicher kaum jemand sinnvoll unterhalten, mit Karl Martell vermutlich gar nicht, schon rein sprachlich, und davor war ja im Prinzip nur Völkerwanderung und von Deutschen noch lange keine Rede.

** * **

Außerdem, wenn Englisch eine degenerierte Varietät des Deutschen sein soll, müsste man konsequenterweise die deutsche Sprache als degenerierten Dialekt einer (freilich nicht belegten, sondern nur hypothetischen) urgermanischen Sprache ansehen, die ihrerseits auch nur ein degenerierter Dialekt der (ebenfalls nicht belegten, sondern nur rekonstruierten) indoeuropäischen Ursprache ist. Und wo die Indoeuropäer ihre Sprache herhatten, wissen wir gar nicht, das verschwimmt im Dunst der Vorgeschichte.

Den Indoeuropäern gehen nach dieser Logik jedenfalls Jahrtausende von Degeneration voraus, bis zurück zum Affen oder zur Austreibung aus dem Garten Eden oder Thors erstem Hammerschlag. (Deutsche wie überhaupt alle Menschen als degenerierte Primaten zu betrachten ist doch mal eine interessante Lesart der Evolution.)

Was dagegen bekannt ist: Weder die Indoeuropäer noch die Germanen waren homogene, ethnisch „saubere“ Völker, sondern ein Sammelsurium aller möglichen unterwegs aufgelesenen Völker, Stämme, Gruppen und Grüppchen. Weder auf die Sprache noch auf das Erbgut muss man sich besonders viel einbilden, das ist alles nur Standardqualität wie bei allen anderen auch. Solide, nichts zu meckern, aber eben nicht weiter bemerkenswert.

Dass man selbst die eigene Kultur anderen vorzieht ist dabei ja in Ordnung, schon weil es bequemer ist – man kennt sich aus, weiß wie der Hase läuft und so. Daraus aber eine grundsätzliche Höherwertigkeit des Eigenen abzuleiten ist kindisch und durch nichts gerechtfertigt.

Anders gesagt: Pech gehabt, Herrenrasse ist nicht. Der Betriebsausflug nach Asgard fällt dieses Jahr aus, das Götterbier ist alle.

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3 Kommentare on “Degeneriert”

  1. Stefan R. sagt:

    Seltsam, auf die wirklich naheliegende Idee, ihr eigenes Denken könnte irgendwie degeneriert sein, kommen solche Weltmeister nie. Allein die Vorstellung, Sprachen in höher- und minderwertig einstufen zu wollen, ist von solch erlesener Dämlichkeit. Wenn man nur nicht das dumme Gefühl hätte, solches Gedankengut würde immer salonfähiger…

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  2. gnaddrig sagt:

    Naja, das Denken in Kategorien wie höher- und minderwertig ist da ja sowieso ziemlich gängig, da ist es nur folgerichtig, das auch auf Sprachen, Kulturen u.ä. anzuwenden. Und stimmt, die Denkart breitet sich leider aus. Auch ein Grund, dagegenzuschreiben.

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  3. Seldis sagt:

    Hat dies auf NeoNative rebloggt und kommentierte:
    Schon etwas älter aber gerade erst entdeckt und dabei auch noch so erheiternd geschrieben. Aber es wird ein Problem beschrieben, dass ich mit Nazis seit langem habe.

    Man ist in gewissen Foren unterwegs und outet man sich als Nationalgesinnter wird man schnell in die klandestinen Zirkel eingeladen wo die Abscheu und Herabwürdigung anderer Nationen, Kulturen und wie hier auch Sprachen bestes Gemeingut ist. Man wird für einen Kumpan gehalten, obwohl man sich zusammenreißen muss in jenen abgeschlossenen Bereichen nicht verbal im Kreis zu kotzen.

    Ich zitiere mal Stefan R. aus der Kommentarspalte:

    Allein die Vorstellung, Sprachen in höher- und minderwertig einstufen zu wollen, ist von solch erlesener Dämlichkeit.

    Aber will das hier besonders hervorheben (deshalb mache ich es auch dick :p):

    „Dass man selbst die eigene Kultur anderen vorzieht ist dabei ja in Ordnung, schon weil es bequemer ist – man kennt sich aus, weiß wie der Hase läuft und so. Daraus aber eine grundsätzliche Höherwertigkeit des Eigenen abzuleiten ist kindisch und durch nichts gerechtfertigt.“

    Es ist dumm einerseits. Andererseits erkennt man hier auch gut, dass es keine Nationalisten im emphatischen Sinne sind. Wer die Liebe zur Nation beschwört (pathetisch besprochen) und von anderen den Respekt erwartet, kann diesen nicht mit Herabwürdigung verweigern. Da zeigt sich kein Anhänger der nationalen Idee, die gerade die Eigenwertigkeit einer jeden Nation und Kultur stark macht und dessen Erhalt so wertvoll ist. Was schade ist, dass die breite Masse dann auch noch glaubt, solch ein Ausfall sei national.

    Nein es zeigt sich das in minder- und höherwertig dichotomierende sozial-darwinistische Gedankengut eines Nazis, eines Zöglings der braunen Soße, die er zudem auch nur in konsumierbaren Parolen begreift, weil selbst „Mein Kampf“ zu schwer zu lesen ist.

    Wie kann man nur national sein und die Befreiungskriege nicht wertschätzen, wo verschiedener Länder Völker die Suprematie Napoleons und des imperialen Frankreichs zurückwiesen, was ist aus der Polenbegeisterung von Hambach geworden?

    Völkerfreundschaft statt Völkerhass, gegenseitige Wertschätzung statt Hierarchie und Abwertung? Die meisten die heute auf den Nationalismus schauen, haben ein Brett vor dem Kopf. Es trägt die Buchstaben NS und während die Rechten in ihrer Dummheit glauben das Brett sei der nationale Gedanke, glauben die anderen den Rechten, lächelnd und wenden sich ab.

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