Zugreifen

Es gibt ja unzählige Gelegenheiten für tolle Fotos. Egal, ob man am Liebsten Leute fotografiert, Tiere, Autos, Architektur, Landschaft oder sonstwas, man findet immer wieder interessante Motive zum Ablichten. Man muss sich nur die Gelegenheit schaffen, diese Motive auch erwischen zu können.

Bei beweglichen Motiven ist Timing alles. Da muss man schnell sein und ohne viel Federlesens draufhalten, sonst ist die Gelegenheit weg – die lustige Grimasse vorbei, das Eichhörnchen im Baum verschwunden, das skurril überladene Auto weitergefahren.

Schnell und zielstrebig zugreifen muss man also. Dazu gehört, dass man im Umgang mit der Kamera so geübt ist, dass man die schnell in dem Modus hat, der für Motiv und Situation nötig ist. Und dass man die Theorie soweit beherrscht, dass man sofort sieht, was man wie auf dem Foto haben will und wie man es dahinkriegt. Da ist keine Zeit, in der Bedienungsanleitung der Kamera oder in der Einführung in die Fotografie nachzuschlagen. Und man muss die Kamera natürlich griffbereit haben.

Bei statischen Motiven ist es nicht ganz so drängend, sollte man meinen. Klar, der Eiffelturm, der knorrige Baumstumpf, die Berglandschaft werden aller Voraussicht auch nächste Woche noch an derselben Stelle sein und ziemlich genauso aussehen, nächstes Jahr, in dreißig Jahren. Man braucht nur das richtige Licht. Und da kommt ganz heimlich wieder der Zeitdruck ins Spiel.

Ich habe einige Motive im Kopf, die nur bei bestimmten Licht- und Sichtverhältnissen interessant sind. Da muss ich zur richtigen Jahreszeit, zur richtigen Tageszeit bei dem richtigen Wetter an der richtigen Stelle stehen, um diese Motive so ins Bild zu setzen, dass mir die Fotos hinterher auch gefallen. Ich mache ja nicht forensische Dokumentation, wo es hauptsächlich darum geht, bestimmte Details eindeutig erkennbar in den Kasten zu kriegen, sondern ich will bestimmte Blickwinkel oder Stimmungen einfangen, bestimmte Eindrücke erwecken, Ähnlichkeiten mit ganz anderen Dingen betonen.

Einige dieser Motive – Landschaften und Gebäude – sehe ich jeden Tag aus dem Zug. Sie sind irgendwo zwischen Haltestellen und darum nicht so ohne weiteres zugänglich. Da müsste ich irgendwann mal einen halben Tag querfeldein laufen, um die besten Blickwinkel aufzustöbern.

Andere Motive ergeben sich völlig unerwartet, und die nötigen Bedingungen können so spezifisch sein, dass die Gelegenheiten zum Fotografieren eher selten sind. Wenn etwa die tiefstehende Sonne plötzlich durch ein Loch in den Regenwolken strahlt und genau ein weißes Haus in einer Straßenzeile anleuchtet und dieses darum wie ein Juwel vor dem dunkelgrauen Regenhimmel glänzt. Eine Minute später ist das Wolkenloch wieder dicht. Nur leider hat die ganze Zeit ein Bus vor dem Haus gestanden und ich konnte nicht mal eben irgendwo in den ersten Stock, um einen unverstellten Blick zu haben. Oder mein Kind hatte ein dringendes Problem, das mich vom Griff nach der Kamera abgehalten hat. Oder ich hatte die Kamera gar nicht erst dabei. Schade…

Oder wenn das letzte Licht der untergehenden Sonne für ein paar Augenblicke lang die Planen von ein paar abgestellten Lkw rötlich einfärbt, während alles sonst schon in der Dämmerung versinkt, sodass die angestrahlten Planen wie im Nichts zu schweben scheinen. Draufhalten, sonst ist die Gelegenheit weg. Eigentlich bin ich mit dem Foto ganz zufrieden, aber etwas kräftiger hätte das Licht doch sein dürfen. Ich habe im letzten Herbst und jetzt Februar und März immer wieder gehofft, den Effekt an der Stelle noch einmal beobachten und fotografieren zu können, war aber Fehlanzeige. Jetzt werden die Tage wieder länger, und wenn ich dort vorbeikomme steht die Sonne noch viel zu hoch. Und wer weiß, ob die ihre Wechselbrücken im Herbst noch dort stehen haben.

Oder die Eisnadeln in den zugefrorenen Pfützen, die waren schon am Nachmittag weg, und wer weiß, wann Temperatur und Luftfeuchtigkeit mal wieder so zusammenpassen, dass sich solche filigranen Strukturen bilden…

Oder das genau richtige Maß an Nebel, die richtige Art kalter Wintermorgen und der richtige Sonnenstand machen die Hügelkette mit der einsamen Kapelle darauf zu einem großartigen Anblick, wo Silhouetten im Dunst verschwinden und so…

Sogar bei eher statischen Motiven kann es also vorkommen, dass man sehr fix mit der Kamera sein muss, damit man alles so auf die Platte kriegt, wie man es gern hätte. Der Moment kann schnell vorbei sein, und die perfekten Bedingungen kommen so bald vielleicht nicht wieder.

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3 Kommentare on “Zugreifen”

  1. Yadgar sagt:

    …und dann gibt es noch die Astrofotografen, die nicht nur Mondphasen und aktuelle Planetensichtbarkeiten im Kopf haben, sondern auch noch jede Menge sperriges und schweres (selbst wenn es nicht gerade der 14-Zöller ist, mit dem man zugegebenermaßen sogar Oberflächenstrukturen auf den Jupitermonden hinbekommt!) Teleskop-Geraffel mitschleppen müssen… und dann natürlich immer in die dunkelste Pampa in Meck-Pomm, wo sich Wolf und Naziglatze gute Nacht sagen, oder la Montanara jenseits der Baumgrenze (Jungfraujoch!), da Astronomie zumindest in unseren Breiten eher ein Winter-Hobby ist auch gerne mit Eiszapfen im Bart… auf jeden Fall viel Aufwand, bis man endlich zum Klick kommt!

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  2. gnaddrig sagt:

    Stimmt, die haben gleich richtig viel Gerödel. Dafür können sie sich vorher ausrechnen, wann sie wo sein sollten. Bleibt nur – wie immer – das Wetter…

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  3. […] einer Weile hatte ich hier mal drüber nachgedacht, dass man als Fotograf Gelegenheiten beim Schopf ergreifen muss, weil sie […]

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