Eingeschliffen

Die Armee wird in Deutschland traditionell als Schule der Nation bezeichnet. Beim Kommiss, heißt es, wird man vom großgewordenen Lausebengel, vom verkopften Abiturienten oder kindischen Lehrling zum Mann. Man hat es nicht leicht dort, man wird angebrüllt, heruntergeputzt, getriezt, geschliffen, an die eigenen Grenzen gebracht, aber hinterher ist man eben kein schmaler Hänfling mehr, sondern ein echter Kerl. So ungefähr geht die Geschichte.

Übrigens nicht nur in Deutschland. In Russland etwa ist die Tradition der Mannwerdung auf die harte Tour in der Armee sehr stark verwurzelt, und dort wird (übrigens mit Duldung der Obrigkeit und weitgehendem Einverständnis der Bevölkerung – man meint dort, das gehört so) ausgesprochen brutal gesiebt. Auch in anderen Armeen soll es nicht zimperlich zugehen, egal ob die tatsächlich viel in den Krieg ziehen oder nicht.

Ich habe nach dem Abitur die damals üblichen 15 Monate Grundwehrdienst abgeleistet. Gern bin ich nicht zur Bundeswehr gegangen, ich lehne Krieg ab, wegen der furchtbaren Folgen. Keine leichte Entscheidung, aber Verweigerung aus Gewissensgründen kam für mich deshalb nicht in Frage, weil ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, die etwa notwendige Verteidigung anderen zu überlassen. Das Land im Verteidigungsfall einfach so überrollen zu lassen ist keine Option, fand und finde ich. Im Verteidigungsfall elegant beiseitezutreten und anderen die Drecksarbeit zu überlassen geht aber auch nicht gut. Manchmal muss man sich, wohl oder übel, selbst die Finger schmutzig machen.

Wir sprechen hier von den 80er Jahren, als der Kalte Krieg noch in vollem Gang war und das Hochkochen des Bis-einer-weint-Affentheaters als sehr real empfundene Bedrohung über den Köpfen schwebte, da war die Frage der Landesverteidigung durchaus keine Trivialität.

Nun ist es zum Glück nicht zum Krieg gekommen, im Nachhinein war meine Haltung zum Wehrdienst egal. Und wenn es zum Krieg gekommen wäre, weiß ich nicht, wie lange wir Abenteuerspielkinder von der Bundeswehr uns hätten halten können, aber das ist ein anderes Thema. Es ging ums Prinzip.

** * **

Die Bundeswehr wurde zwar großenteils von alten Haudegen der Wehrmacht aufgebaut und lange betrieben, und es gab auch in meiner aktiven Zeit ein paar Durchgeknallte mit, sagen wir, preußischen Allüren. Aber im großen und ganzen war „meine“ Bundeswehr recht harmlos. Bürger in Uniform und so, viel politischer Unterricht, wenig Exerzierplatzgedöns, und bloß das Material nicht überbeanspruchen. Bloß nicht zuviel Munition beim Üben verschießen (und auf dem Übungsplatz haben wir im Panzer pro Tag und Kopf dann doch mal eben den Gegenwert einer Mittelklasselimousine verballert).

Verteidigungsfähig waren wir meiner Meinung nach nur sehr bedingt mit unserem veralteten Material und der – freundlich gesagt – unvollständigen Ausbildung.

(Heute würde ich möglicherweise anders entscheiden: Wenn die Armee sowieso nichts bringt, braucht man da auch nicht zu dienen. Wenn wir im Verteidigungsfall innerhalb kürzester Zeit abgeräumt werden, muss ich mich da nicht auch zum Wegkegeln hinstellen. Dann lerne ich lieber Erste Hilfe oder sonst was Nützliches.)

Aber sogar das bisschen Marschieren, das wir absolviert haben, hat Spuren hinterlassen. Ich merke es im Alltag selten, aber manchmal blitzt es auf. Ein Beispiel: Wenn man als Soldat unter Kommando marschiert und kehrtmachen soll, dreht man sich nach links. Immer nach links.

Das ist eine willkürliche Festlegung, wie der Rechtsverkehr auf den Straßen oder das Schreiben von links nach rechts. Man will vermeiden, dass die Soldaten sich irgendwie drehen und sich gegenseitig die Flinten an die Stahlhelme schlagen oder so. Und es sähe unpreußisch chaotisch aus.

Keine Ahnung, wieviel Zeit meines Lebens ich auf dem Exerzierplatz verbracht habe. Ein halbes Jahr Ausbildung, davon zweimal die Woche je zwei Stunden, das wären 26 mal 4, das wären gut 100 Stunden oder gut 12 Arbeitstage. Wahrscheinlich war es deutlich weniger, das Links-zwo-drei-vier hatte keine besonders hohe Priorität. Aber das Linksdrehen ist etabliert.

** * **

Heute ist mir eher zufällig aufgefallen, dass ich praktisch immer, wenn ich irgendwo stehenbleibe, mich umdrehe und zurückgehe, mich linksherum drehe, wie damals beim Bund. Es gibt keinen Grund dafür, motorisch wäre die gleiche Drehung nach rechts genauso einfach. Aber geübt haben wir damals linksherum.

Wie ich das vor der Bundeswehr gemacht habe, weiß ich nicht. Da habe ich das nicht beobachtet. Aber seitdem bin ich anscheinend linksdrehend.

Und wenn ich – ein nicht besonders begeisterter Soldat mit einer recht kurzen Dienstzeit, der zudem als Panzerbratze wenig zu marschieren hatte und das ganze Militärisch-Heroisch-Zackige sowieso eher albern fand – von dem bisschen Exerzieren schon so deutlich geprägt wurde, wird mir manches klarer.

Etwa warum so viele Leute nach dem Krieg weltanschaulich immer noch im Dritten Reich festhingen. Warum so viele Leute immer noch die unseligen Regeln aus der Nazizeit befolgten. Warum hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, schnell wie ein Windhund immer noch in den Köpfen herumspukte und beherzigt wurde, wenn auch vielleicht unter anderem Etikett.

Wenn 15 Monate in einer der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verpflichteten Armee von Bürgern in Uniform schon so prägt, wie muss dann erst das Aufwachsen in einem alles durchdringenden totalitären Regime prägen, wo alles bis ins letzte weltanschaulich vorgegeben und geregelt war, wo Gehirnwäsche und knallharte Dressur an der Tagesordnung waren?

Da wundere ich mich eher, dass das Nazitum nicht noch viel stärker durchgeschlagen hat als sowieso schon.

P.S.: Krieg zwingt Leute auf die Flucht aus der Heimat, oft Hals über Kopf, bei Nacht und Nebel, egal wie und egal wohin. Die finden sich dann irgendwo wieder, wo sie überhaupt nicht hinwollten und wo sie niemanden kennen. Familien werden auseinandergerissen, und wie findet man die Eltern, Kinder, Geschwister wieder? Zum Glück gibt es Möglichkeiten!

Wer verschollene Verwandte oder Freunde sucht, kann die über das Suchportal von Refugees United – Connecting families gefahrlos suchen und hoffentlich finden.

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10 Kommentare on “Eingeschliffen”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Komisch, auch ich drehe mich beim Wenden immer links herum, ganz ohne Exerzierungsausbildung. Rechts herum fände ich umständlich und unnatürlich. Vielleicht hat das was mit dem Sprungbein zu tun? Ich wette, es gibt da eine Untersuchung zu, irgendwo da draußen.

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  2. cimddwc sagt:

    Interessante Beobachtung. Muss mich (mit 12 Monaten Bundeswehr, aber nach der Grundausbildung Stabsdienst im Büro) mal selber dabei beobachten, falls das jetzt noch ohne Beeinflussung geht… grad eben, als ich das Badfenster (mit links) geschlossen hatte, hab ich mich rechts rum gedreht, aber das muss nix heißen, schließlich ging das leichter, weil die linke Hand noch vom Fenster kam. Bei ein paar Test-Wenden kam mir linksrum auch irgendwie „normaler“ vor…

    Leichtathleten laufen übrigens auch linksrum. Dürfte aber, wenn die dort recht haben, eher historische Gründe haben.

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  3. gnaddrig sagt:

    Tja, ich habe da vorher auch nicht drauf geachtet und kann nicht einmal sagen, dass mein Linksdrehen tatsächlich von der Zeit beim Bund kommt. Vielleicht ist es aus irgendwelchen Gründen normaler, sich linksherum zu drehen (wie es aus irgendwelchen Gründen mehr Rechts- als Linkshänder gibt) und die Armee hat nur die gängigere Bewegungsvariante in ihrem Reglement festgeschrieben. Keine Ahnung.

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  4. Karl sagt:

    An linksrum kann ich mich ehrlich gesagt nicht erinnern, ich glaube aber, ich drehe mich instinktiv eher rechtsrum, vielleicht, weil ich Linkshänder bin.

    Ich war zur Zeit vor und teilweise während des Deutschen Herbstes beim „Bund“. Auch zu der Zeit war der kalte Krieg noch gelegentlich recht warm, und man wusste nie so recht, was ein Natoalarm grad zu bedeuten hatte, es waren dann letztlich doch immer nur Übungen. Mir jedenfalls war ziemlich unwohl bei dem Gedanken vielleicht irgendwann DDR-Bürgern mit einer Waffe in der Hand gegenüberstehen zu müssen, zumal ich eigentlich aus fester Überzeugung verwiegert hatte, aber zweimal durch die „Gewissens“prüfung gefallen war. Zuletzt, weil ich *Verständnis“ für die Planung einesTyrannenmords (Stauffenberg) geäußert hatte ohne mir jedoch eine eigene Beteiligung vorstellen zu können, wobei ich heute noch gewisse Probleme hätte, aber nicht mehr sicher von einer Nichtbeteiligung ausgehen würde.

    Da ich zwischenzeitlich einen Studienplatz ergattert hatte und über das Nachrückverfahren die Klagefrist vor einem Verwaltungsgericht verpasst hatte, bin ich notgedrungen zu dem Trachtenverein nach 2 Semestern Studium eingezogen worden.

    Ich habe die Zeit, was den militärischen Aspekt betrift, als weitgehend sinnlos und verloren erlebt. Als Sanitäter konnte ich jedoch einiges lernen und auch etlichen Menschen helfen, einmal auch vermutlich ein Leben retten.

    Heute halte ich eine Armee hierzulande weiterhin für mehr oder weniger überflüssig. Wenn der mittlerweile wieder ins Gespräch gekommene kalte Krieg jemals heiß werden sollte, würde eine solche Armee schlicht komplett verheizt und letztlich ohne wesentliche Wirkung beiben, hätte insbesondere keinerlei Schutzfunktion für die Zivilbevölkerung. Und die These von der Verteidigung der bundesrepublikanischen Freiheit am Hindukusch halte ich ebenfalls für weit hergeholt. Andere Unterstützung hielte ich für ggf. wirkungsvoller.

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  5. gnaddrig sagt:

    Für mich war der Wehrdienst auch weitgehend verlorene Zeit. Klar war es nett, mit sauteurem schweren Gerät spielen zu können, und das Manöver hat tatsächlich Spaß gemacht, aber für ein bisschen Abenteuerspielchen ist das alles einfach zu teuer. Wenn man schon so viel Geld in eine Armee steckt, sollte die auch erstens gut ausgerüstet und zweitens gut ausgebildet sein. Zumindest das Letztere war aber zu meiner Zeit bei weitem nicht gegeben.

    Etwas hat es mir aber doch gebracht, darüber habe ich vor einer Weile mal geschrieben: Vorurteile. Insofern hat die Bundeswehr mich menschlich weitergebracht.

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  6. Achim sagt:

    Mein bester Freund (ich selbst bin ausgemustert worden) hat sich wegen der Kohle für zwei Jahre verpflichtet und gesagt, dass er danach mindestens die gleiche Zeit braucht, um wieder ein normaler Mensch zu werden.
    Ich bin in beiden Punkten deiner Meinung: Beiseitetreten und andere die Drecksarbeit machen lassen, ist keine Option. Andererseits wäre die Bundeswehr, wenn es zu einem richtigen Krieg kommt (nicht nur Patrouille fahren in Kundus), wahrscheinlich schnell geschlagen – bis auf das KSK. Dass Deutschland angesichts der Truppensträke, Ausbildung und Ausstattung nicht schon lange aus der NATO geschmissen wurde, kann einen fast wundern.

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  7. gnaddrig sagt:

    Die Truppenstärke ist dabei sicher nicht mal das Problem, eher die beiden anderen Punkte.

    Sicher gibt es auch hervorragende Leute bei der Bundeswehr, aber mit den allermeisten Wehrdienstleistenden wäre damals nicht ernsthaft was anzufangen gewesen. Und von der Ausrüstung müssen wir gar nicht erst anfangen, das grenzt ja an Realsatire…

    Aber Dein Freund hat recht, man braucht eine Weile, um hinterher wieder normal zu werden, auch wenn man als einfaches Fußvolk wohl lange nicht so viel Hirnwäsche mitkriegt wie als Zeitsoldat.

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  8. Stefan R. sagt:

    Interessant, zu welch unterschiedlichen Schlüssen man kommen kann. Bei mir stand auch in den Achtzigern die Entscheidung an und ich habe, obwohl kein durchgefärbter Pazifist, den Zivildienst aus genau konträren Überlegungen gewählt: Erstens dachte ich, wenn die Atomraketen einschlagen würden (wovon man damals für den Fall eines Krieges ausging, es war die Zeit, in der Schulneubauten mit Atombunkern ausgestattet wurden), wäre es ziemlich wumpe, ob ich mit der Knarre das zerstörte und verstrahlte Vaterland verteidigen würde. Außerdem hörte man, dass fast alle Abiturienten, die sich nicht als ausgemachte Kampfschweine erwiesen, auf öde Schreibstubenposten gesetzt wurden, da hatte ich keinen Bock drauf.
    Was ich sagen wollte: Irgendwie ist es nicht dazu gekommen, dass sich so was eingeschliffen hat.

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  9. aebby sagt:

    Gut geschrieben und viel Zustimmung.

    Nur beim Linksdrehen bin ich anderer Meinung. Rechtshänder (davon gibt es mehr) drehen lieber auf dem linken Bein. Bei Rechtshändern ist das linke Bein das stärkere, das wird auch beim Absprung oft verwendet. Das ist auch in vielen Sportarten zu beobachten.

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  10. gnaddrig sagt:

    @ aebby:
    Danke 🙂

    Das mit dem Linksdrehen war ja auch eher spekulativ. Kann gut sein, dass nichts dran ist. Die Gelegenheit, bei der mir das Linksdrehen aufgefallen ist, war so, dass ich – wie beim Bund – stehengeblieben bin, mich linksherum umgedreht habe und dann wieder losgelaufen bin. Das war also nicht normalzivil, sondern komisch, auch wenn ich nicht die Hände an der Hosennaht hatte und so. Auch war es keine absichtliche Kasperei, sondern kam ganz wie von selbst.

    @ Stefan R.: In der Tat, nach einem Atomfeuerwerk wäre da nicht mehr viel zu verteidigen gewesen. Das mit den Abiturienten war bei uns nicht so, wir wurden en bloc aus der Ausbildungs- in die Stammkompanie verlegt und waren daher ein hübsch durchmischtes Trüppchen.

    Was die unterschiedlichen Schlüsse angeht: Da hat man ja sicher auch sehr individuelle weltanschauliche Umweltfaktoren, familienbedingte Scheuklappen u.ä., die man beim Abitur noch lange nicht als solche erkannt geschweige denn abgelegt hätte. (Das gilt, bin ich sicher, auch für eher rebellische Jugendliche, die alle Zöpfe abschneiden, alle Brücken hinter sich verbrennen und überhaupt alles anders machen wollen.) Wäre sicher interessant (und u.U. ernüchternd), die Entwicklung der eigenen Weltsicht mal zurückzuverfolgen.

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In den Wald hineinrufen

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