BrubbelbrubbelSCHNAAARRRRZZZZZ!!

Bei uns in der Nachbarschaft gibt es neuerdings ein kostenloses, ähm, Unterhaltungsprogramm. Ein Kerl mittleren Alters, der sein Motorrad allabendlich eine halbe Stunde lang um den Block reitet. Das ist nicht banale Fortbewegung, das ist eine Produktion, ein Schauspiel, da wird Geschichte geschrieben. Da steigen Zeus, dem alten Höllenreiter, die Tränen in die Augen…

Es handelt sich bei der Maschine um eine Chopper: Ledersattel etwa auf Kniehöhe, wenn man danebensteht, Fußstützen nur unwesentlich tiefer, also immer noch fast auf Kniehöhe. Handgriffe des Lenkers auf Schulterhöhe und etwa 1,20 m auseinander. Und so weit vorn, dass der Fahrer sich ziemlich vorbeugen muss, um mit ausgestreckten Armen überhaupt dranzukommen. Wie es aussieht kann der kaum mit beiden Händen lenken. Muss sehr gut für den Rücken sein, die Haltung, vor allem auf längeren Fahrten. Helm trägt so jemand natürlich nicht, schon gar nicht beim Cruisen in einer Wohngegend.

Er fährt so niedertourig, dass man die Umdrehungen des Motors fast mitzählen kann. Bei mancher Thrash-Metal-Nummer geht das Schlagzeug schneller als da die Kolben. Wenn er – was er, offenbar einem inneren Drang folgend, alle paar Meter ausgiebig tut – am Gas dreht, klingeln bei uns die Gläser im Schrank. Leuten unten an der Straße fallen wahrscheinlich reihenweise die Plomben aus den Zähnen. Das Ding kann vielleicht sogar Herzschrittmacher ersetzen. (Ich weiß, das Motorräder deutlich lauter sein dürfen als Pkw, aber ich bezweifle, dass der Lärmausstoß dieses Zeitgenossen in der Form rechtens ist, der kann sich lärm- und vibrationsmäßig durchaus mit dem Rettungshubschrauber messen.)

Außerdem ist der Motor so eingestellt, dass ungefähr die Hälfte des Kraftstoffs per Fehlzündung verbrannt wird. In dem Geballer würde eine mittlere Schießerei auf offener Straße gar nicht weiter auffallen. Und er schraddelt unten vorbei, brubbelbrubbel pofpeng brubbel, SCHNARZ brubbelbrubbel, wendet, schnarzschnackel brubbelpof, kommt wieder vorbei, brubbelbrubbel schnarzknatter, biegt auf den Garagenhof ab, häckselt vor den Garagen mit dem ganz eigentümlichen Echo entlang, am anderen Ende wieder auf die Straße, schraddelschraddel, dann eine Runde andersherum, brubbel pofpeng BLÖÖÖÖÖÖRRRRRGS brubbel knarx.

Dann bereitet er sich auf das Parken vor – eine kürzere Runde. Jetzt steht er an seinem üblichen Parkplatz, brubbelbrubbel knatter brubbSCHNARZelbrubbelpeng, ist offenbar unschlüssig ob es wirklich schon Zeit ist, brubbelbrabbel pengpof brubbel SCHENAAAAAARRRRRREZZZZZZZZZ!!!

Kann er sich von seiner Braut trennen? Doch, er will parken, er dreht noch eine winzige Runde, wie ein Hund, der schon im Körbchen noch einmal zwei Umdrehungen macht, vielleicht fängt er ja den Schwanz diesmal, der ihm sonst immer entwischt. Schnarzelubblubblubbknarz rappelschüttelklapperblarxknister.

Stille.

Gesegnete Stille.

Er ist abgestiegen, es ist vollbracht!

Ich gönne dem Mann ja seinen Hobel, auch wenn er darauf ausgesprochen albern aussieht, so zusammengekrümmt, alle viere nach vorne von sich gestreckt. Ich gönne ihm auch, nach Feierabend einfach so ein paar Runden zu drehen, gern auch mit etwas Geräuschentwicklung. Vielleicht muss er die Ventile nachstellen und dazu immer ein paar Meter fahren, um zu sehen, ob das Gemisch auch fett genug ist für die Fehlzündungen, oder er will den Ruß aus dem Auspuff blasen oder was weiß ich und muss darum immer mal das Gas bis zum Anschlag aufreißen. Aber es nervt trotzdem, das Theater.

Eigentlich muss der seinen fahrbaren Vibrator nämlich nicht bei uns vorm Haus reiten, er könnte sich ohne weiteres auch irgendwo abseits die Prostata massieren, wo nicht ein halbes Wohnviertel mithören muss. Könnte man für solche Leute nicht Elektromotorräder bauen, mit dreimal soviel Drehmoment, mit einer Vibratoreinheit im Sattel und einem Lärmgenerator, dessen Output dem Fahrer über Kopfhörer zugeführt wird?
_____
Den letzten Anstoß zu diesem Text hat übrigens Onkel Michaels Frühsommer in der Provinz geliefert.

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16 Kommentare on “BrubbelbrubbelSCHNAAARRRRZZZZZ!!”

  1. Karl sagt:

    Vollstes Verständnis. Hier versucht man am Wochende allerdings eher zwischen Ortsausgangsschild und erster Kurve (die schon einige nach außen verlassen mussten) möglichst auf über 12000 rpm zu kommen.

    Allerdings, so ein Chopper zum Cruisen durch den Odenwald, vielleicht mit einer etwas bandscheibenfreundlicheren Fußrasten und Lenkereinstellung, könnte mich auch reizen …

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  2. gnaddrig sagt:

    Bequem sitzen und gemütlich durch die Sommerlandschaft knattern stelle ich mir auch nett vor. Mich würden – so rein vom Fahrspaß her – trotzdem eher windschnittigere Maschinen reizen, also sozusagen Top Gun mit Van Halen als Soundtrack, nicht Tschitti Tschitti Bäng Bäng mit den Nashville Ramblers…

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  3. Karl sagt:

    Musikmäßig wäre das bei mir dann auch eher der Soundtrack von Easy Rider 😉

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  4. gnaddrig sagt:

    Ich höre zwar gern und viel schnellen, harten (und fast immer melodischen) Metal, aber lange nicht nur. Easy Rider hat auch was. Da gibt es für alles die richtige Zeit, den passenden Ort, die richtige Stimmung 🙂

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  5. Yadgar sagt:

    „Helm trägt so jemand natürlich nicht, schon gar nicht beim Cruisen in einer Wohngegend.“

    Dafür weht die gürtellange Matte im Fahrtwind – ist doch auch geil!

    Und wenn ich mir deine Onomatopoesie so ansehe, kann ich mir nur Rötger „Brösel“ Feldmanns Werner-Comics als Vorlage vorstellen… da bleibt ja eigentlich nur eine Frage übrig: gibt es bei dir rund um den Block auch ein paar Popper zum Überfahren?

    Wenn ich vom Durch-die-Gegend-Cruisen träume, dann übrigens ganz imperial: auf dem Panoramadeck eines sechsstöckigen Luxuswaggons der eigens zu meinem Privatvergnügen gebauten 10000-mm-Ultrabreitspurbahn von London nach Peking; der Soundtrack dazu ist „Slaughter on Tenth Avenue“, von mir selbst auf einer der eingebauten Theaterorgeln gespielt!

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  6. gnaddrig sagt:

    Ich glaube, die Popper sind entweder schon alle Roadkill oder bezeiten weggezogen. Obwohl, schnell oder riskant fahren tut er nicht, das ist – bis auf die Geräuschentwicklung – alles sehr friedlich und geruhsam.

    Und ja, Werner ist ein Einfluss, der ist ja gewissermaßen die Autorität auf dem Gebiet.

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  7. Yadgar sagt:

    Schnell und riskant fahren geht mit einem Chopper ohnehin nicht – ab einer bestimmten Gabellänge wird das Teil zum unlenkbaren Springbock, und wenn der Chopper eine Harley-Davidson sein sollte, kann man nicht mal vernünftig Kurven fahren, weshalb Harleys von Spöttern auch „Geradeauseisen aus Müllwaukee“ genannt werden…

    Nee, da choppe ich statt irgendwelcher Motorräder (für die ich eh keinen Führerschein habe) doch lieber eine Hammond B3 oder A100, im Flightcase wird sie überhaupt erst halbwegs bühnentauglich, und wenn man einen Verzerrer dranstöpselt klingt sie auch schön rockig!

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  8. gnaddrig sagt:

    Schnell vielleicht nicht, aber zu schnell. Und riskant geht immer. Und mit der Hammond kriegste den Sound sicher auch hin, mit etwas Ausprobieren…

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  9. Yadgar sagt:

    Keith Emerson (R.I.P.) hat bei The Nice in ihrer Version des Intermezzos aus der Karelia-Suite von Sibelius mit seiner Hammond (L-100?) so etwas Ähnliches fabriziert…

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  10. Achim sagt:

    Bei Werner ging es aber nicht um’s gemütliche Cruisen: „Stoppen kann uns nur der Begrenzungspfahl…“

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  11. gnaddrig sagt:

    Das stimmt schon. Aber Werner hat den bis heute unübertroffenen Standard für onomatopoetisches Schreiben über Motorradsachen etabliert. Schraddel, schnarz, so Sachen.

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  12. Achim sagt:

    „dengel dengel dengel dengel“ 🙂

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  13. gnaddrig sagt:

    Ganz genau 🙂

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  14. derda sagt:

    Also das mitm Elektromopped ist etwas zu kurz gedacht. Es gehört doch absolut mit zur Show daß die Nachbarschaft genervt rüberblickt wenn sich Vati für ne Stunde als Outlaw verkleidet.

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  15. gnaddrig sagt:

    Stimmt. Aber es sollte nicht zur Show gehören, und für den eigentlichen Fahrspaß ist das auch nicht nötig. Aber gut, rational geht es in dem Zusammenhang ja sowieso nicht zu…

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  16. gnaddrig sagt:

    Pantoufle hat übrigens eine sehr lesenswerte Motorradgeschichte quasi als Replik hierzu geschrieben: Geringe Niederschläge, sonst meist sonnig.

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In den Wald hineinrufen

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