Gründlichkeit, deutsche

Seit einiger Zeit ist ja wieder Gartensaison. Für ein paar Monate werden die Schlagbohrer beiseitegelegt und die Rasenmäher hervorgesucht. An stillen Wochenendtagen und wettermäßig günstigen Abenden unter der Woche hört man von überallher das monotone Summen der Zweitaktmotoren über Gras.

Ein Nachbar hat ein Stück Garten, ungefähr zweieinhalb Badetücher groß, mit zwei Bäumen drauf und einem Blumenbeet und ein paar Büschen am Rand entlang. Keine Bio-Obstplantage, auch kein herausgeputztes Renommiergelände, einfach ein gemütliches Stück Grün hinterm Haus. Manchmal hängt da Wäsche, manchmal spielen da Kinder, manchmal wird gegrillt, ganz normal also, nicht weiter bemerkenswert, und jetzt ist eben Rasenmähen angesagt.

Das Wetter ist gut, der letzte Regen verdunstet, die Kinder woanders, und seit gefühlt zwei Stunden schiebt der gute Mann seinen Zweitakter über das Grün. Alle paar Minuten eine Unterbrechung – Grasschnitt aus dem Auffangbeutel kippen, ein Ästchen wegräumen, nachtanken, irgendwas an der Maschine richten, einen Schluck trinken, was weiß ich, man kann das von hier aus nur hören, nicht sehen.

Gut, er muss um die beiden Bäume drumherumrangieren, will möglichst nahe am Blumenbeet entlang, und wenn der Rand dort etwas fransig ist muss er zweimal drüber. Kenne ich auch noch. Aber irgendwann muss doch das bisschen Rasen fertig sein? Andere Leute mähen in der Zeit einen Fußballplatz oder den halben Stadtpark.

Vielleicht hat er in den Rasenmäher ein ganz kurzes Messer eingebaut und mäht jetzt in hochpräzisen Streifen von genau 12,5 cm Breite. Oder er mäht lagenweise, und nach jedem Durchgang stellt er das Ding einen Zentimeter tiefer, bis das Gras ganz exakt die optimale Länge hat. Oder er schneidet mit der Nagelschere und zieht den Zweitakter nur aus Nostalgie hinter sich her, weil er ohne Lärm und Abgasgeruch nicht kann? Keine Ahnung. Jedenfalls nimmt es kein Ende.

P.S.: Anderswo mäht man anders

 

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10 Kommentare on “Gründlichkeit, deutsche”

  1. Yadgar sagt:

    Im Sauerland (Altena!) auch sehr populär: Kettensägen, sogenannte Waldmopeds, mit denen man wirklich jede Vegetation ab Kniehöhe in Windeseile zu Kleinholz verarbeitet bekommt – und viele Altenaer scheinen eine regelrechte Vegetations-Phobie zu haben, kaum beziehen sie ein neues Haus, müssen erst einmal sämtliche umstehenden Bäume und Büsche dran glauben, Naturschutzvorschriften sind dabei in der Regel egal… ich frage mich, ob es sich dabei um eine Fortwirkung des Kyrill-Traumas handeln könnte!

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  2. gnaddrig sagt:

    Da könnte es interessant sein, die diesbezüglichen Gepflogenheiten mal bundesweit zu beleuchten. Wer weiß, was in deutschen Vorgärten noch alles passiert…

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  3. Stefan R. sagt:

    Da habe ich mal vor einiger Zeit irgendwo was Nettes gelesen:
    „Wie erkennt man nun den Gartennazi? Nichts einfacher als das: Man überlegt, welchen Grad der Sorgfalt man selbst im Garten verwendet. Jeder, der gründlicher ist als man selbst, ist ein Gartennazi. […] Wer mehr trinkt als man selbst, ist ein Säufer, wer weniger trinkt, eine Spaßbremse. Wer sich weniger bewegt als man selbst, ist eine faule Sau, wer mehr macht, übertreibt es ja wohl ziemlich mit dem Sport. Was für ein Glück, dass es irgendein Zufall so gefügt hat, dass man selbst das Maß aller Dinge ist!!

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  4. gnaddrig sagt:

    Navigationshilfe für die echte Welt. Das Leben kann so einfach sein 😀

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  5. Lutz Prauser sagt:

    Rasen mähen ist Präzisionsarbeit. Das muss gefälligst ordentlich gemacht werden.
    Und weil das sportliche Höchstleistung ist, bitte nur im Sportdress.
    In Vereinsfarben. Nur so geht’s.

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  6. Achim sagt:

    Hach, dann bin ich ja gar nicht schlimm. Kein Zweitakter, sondern 1a Ökostrom und die ca. 250 qm mach ich in einer halben Stunde kurz. Einschließlich umfüllen. Gewandet in eine alte Jeans und ein altes T-Shirt.

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  7. aurorula a. sagt:

    *ginst*
    Wenn ich diesen Post lese, denke ich an meinen Vater beim mähen – mit der Sense. Das war allerdings auch nur zweimal im Jahr (und ist das immer noch).
    Zum Haus meiner Eltern irgendwo im bayerischen Nirgendwo gehört auch ein 500 Quadratmeter großes Stück Wiese, das an einem Ende nahtlos in eine Hecke, eher ein Gestrüpp, übergeht, unten Brombeeren und oben größtenteils Schlehen: und auf dem so ziemlich alles außer Gras wächst. Für den Botanikkurs im Studium mußten wir ein Herbar mit mindestens 70 Pflanzen anlegen – andere waren wochenlang am suchen, ich bin nur zwei- oder dreimal in den Garten raus: die Sorte Wiese ist das. Irgendwo dadrin sind auch ein kleiner Weiher und mehrere Apfelbäume verheddert.
    Jedenfalls wird sie zweimal im Jahr gemäht, einmal jetzt ungefähr und einmal im Herbst. Mit einer Sense. Was so ungefähr eine Dreiviertelstunde dauert. Keine Ahnung also was der Rasenmäher oben im Post so lange tut 🙂

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  8. gnaddrig sagt:

    Vielleicht hatte er Probleme mit der Technik, oder er hat sich verkünstelt, keine Ahnung.

    Schöne Sorte Wiese bei Deinen Eltern 🙂

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  9. dasmanuel sagt:

    Ich schrieb es heute schon an anderer Stelle: Feinsinnige Situationsbeschreibung. Gefällt!

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  10. gnaddrig sagt:

    Freut mich 🙂

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In den Wald hineinrufen

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