Eichhörnchen

Die Welt besteht aus Quellen und Senken. Das trifft auf die Welt im Großen zu, aber auch auf kleine Teilwelten, etwa Haushalte, vor allem solche mit Kindern. Quellen sind dabei Orte, die Dinge von sich geben. Senken sind die Orte, an denen Dinge sich sammeln.

Die Quellen und Senken, über die ich hier schreibe, haben alle irgendwie mit Menschen zu tun. Menschen sind selbst immer auch Quelle und Senke für alles mögliche. Sie schaffen und unterhalten immer wieder Senken verschiedenster Art und befüllen zugleich als Quelle alle möglichen eigenen und fremden Senken.

Die eingangs erwähnten Kinder sind in dieser Hinsicht Naturtalente, als solche oft sehr aktiv und – da zunächst ganz unbefangen und „reinen Herzens“ – weitgehend unbelehrbar. Sie sind Quelle für Spielsachen, Bücher, Bilder und Selbstgebasteltes, verbrauchte Anziehsachen (vor allem Socken), Marmeladen- und Filzstiftflecken, Bonbonpapiere und sonst alle möglichen Dinge, die sie gleichmäßig in der Wohnung zu verteilen pflegen. Senke für Süßigkeiten, elterliche Schreibwaren (schon mein Vater hat jahrelang massenhaft Kugelschreiber, Bleistifte und Radiergummis ins Haus getragen, die dann immer irgendwie irgendwo verdampften), Marmeladen- und Filzstiftflecken und alle möglichen zweckentfremdbaren Dinge, die mal wichtig sein könnten.

Ein typisches Erziehungsziel ist es, diese zunächst wildwüchsige Quellen- und Senkentätigkeit in vernunftgesteuerte und einigermaßen sozialverträgliche (also für Eltern erträgliche) Bahnen zu lenken.

** * **

Als Eltern sollte man allerdings nicht vergessen, wo die eigene Nase hängt und sich gelegentlich dranfassen. Viele Leute bewahren sich nämlich diese interessante Dualität des Quelle- und Senkeseins, diese delikate Balance aus Yin und Yang, bis ins hohe Alter. Ich zum Beispiel kann das auch noch sehr gut – es gibt Dinge, die mir immer wegkommen. Oft lege ich Dinge, die ich später noch brauchen werde, an sinnfälligen Stellen ab. Der Selbstbetrug lautet Dann wissen wir, wo es liegt und kommen leicht dran. Natürlich nicht – es wird meistens im Moment des Ablegens unsichtbar und ist dann unauffindbar. Das Zeug taucht typischerweise genau dann von selbst wieder auf, wenn wir im Bedarfsfall die Suche aufgegeben und Ersatz beschafft haben.

Die Dinge, die ich irgendwo ablege, bilden meistens kleine Nester – ein paar Schrauben, ein Stück Holz und ein Stück Draht für eine angefangene Reparatur liegen auf dem Fensterbrett, noch ein paar Schrauben, ein Stahlwinkel, Dübel, ein Schraubendreherbit und eine Rolle Klebeband für eine andere Bastelei liegen im Bücherregal oder neben der Stereoanlage (hat natürlich weder mit Büchern noch mit der Musikkiste zu tun), ein Stück Stoff, ein Stück Bindfaden, etwas Pappe und eine Rolle Klebeband verstopfen die eine Küchenschublade, die sowieso immer zu voll ist. Immer wieder fordert meine Frau mich ultimativ auf (zurecht!), diese Projekte doch bitte mal fertigzumachen oder eben den Kram zusammenzukehren und wegzuräumen (Shit or get off the pot). Es folgt dann das Zurücksetzen der Puffer, aber die Nesterbildung setzt sofort wieder ein. (Bei mir ist das natürlich nicht kindliche Unbelehrbarkeit, sondern, ähm, Sachzwänge, Notwendigkeiten, Zeitmangel, so Sachen.)

Ganz abgesehen von dieser Eichhörnchenmentalität, überall kleine Verstecke mit Vorräten anzulegen und sie dann zu vergessen bzw. nicht wiederzufinden, entstehen in meinem Umfeld aber auch immer mehrere ständige Senken. Sammelpunkte, wo ich Kram hinterlege. Provisorien, die sich zu altehrwürdigen Traditionseinrichtungen entwickeln. Die Schachtel mit Bastelkram (später dann zwei oder drei, einmal sogar vier Stück), eine Schublade in der Kommode, die Schublade in meinem Nachttisch, ein, zwei Kisten im Keller. Da sammelt sich Zeug, das ich irgendwann irgendwofür brauchen zu können oder benutzen zu wollen geglaubt hatte. Wenn ich es dann tatsächlich mal brauchen kann ist es natürlich unauffindbar, weshalb ich improvisieren muss (daher meine Begeisterung für MacGyver), was wieder kleine Neugründungen im Universum der Eichhörnchendepots nach sich zieht, s.o.

Außerdem haben wir noch Senken in der Wohnung, die von allen in der Familie befüllt werden. Die Kommode im Flur, wo sich ein- und ausgehende Post, Bilder von den Kindern, Bibliothekskarten, Fahrrdhelme, Taschenmesser und unbestimmbare Gegenstände sammeln. Man räumt das Ding leer (selten genug), wischt es ab, und kaum hat man sich umgedreht steht oder liegt schon wieder etwas drauf und wird dort mindestens zwei Monate wie angenagelt liegen bleiben.

** * **

Die Kunst der Haushaltsorganisation beläuft sich im Wesentlichen darauf, alles so zu einzurichten, dass die Stellen, wo man die Sachen haben will, sich als Senken anbieten, damit alles möglichst von selbst an seinen rechtmäßigen Platz wandert. Eine gut eingerichtete Wohnung müsste sich demnach dadurch auszeichnen, dass sogar Eichhörnchen wie ich erstens die Nester und Verstecke, die sie unvermeidlicherweise anlegen, auf unerklärliche Weise immer dort anlegen, wo das Zeug sowieso hingehört und deshalb zweitens alles (naja, wenigstens das meiste) finden, was sie brauchen.

Jemand, der so einrichten kann, hätte wahrscheinlich eine goldene Zukunft als Innenarchitekt…


4 Kommentare on “Eichhörnchen”

  1. Charis sagt:

    “ … ähm, Sachzwänge, Notwendigkeiten, Zeitmangel, so Sachen … “
    Jaa, das kenne ich von mir auch 😉
    “ … auf unerklärliche Weise immer dort anlegen, wo das Zeug sowieso hingehört und deshalb zweitens alles (naja, wenigstens das meiste) finden, was sie brauchen … “
    Und wie ich das kenne ❗ Bei uns sind die Schubladen immer gut gefüllt und nachdem ich die, ääh, sagen wir mal, achte Schublade aufgezogen habe – finde ich das, was ich suche … 😀

    Gefällt mir

  2. Pfeffermatz sagt:

    Herrlich! Genau so läuft es bei uns auch… Ich hatte die Vorgänge allerdings noch nie im Zusammenhang mit Quellen und Senken gesehen, obwohl mir diese Begrifflichkeit aus der Mathematik gut bekannt sind. Danke für die Anregung, vielleicht kann ich im Zukunft mehr Verständnis für das geheimnisvolle Sammeln und Verschwinden von Gegenständen aufbringen.

    Gefällt mir

  3. gnaddrig sagt:

    Das könnte eine gute Ausrede für den ganzen Kram sein: Angewandte Mathematik 😉

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s