Gedankenspiele

Jetzt ist der Rummel erstmal wieder vorbei. Die Tore sind gezählt, die Fans nach Hause gefahren und in Frankreich ist wieder Alltag. Sommermärchen ade. Mal sehen, was von dem Turnier in Erinnerung bleiben wird – Turn on ULED!, McDonalds Player Escorts, Energy of Azerbaijan, Hisense, Turkish Airlines, Probably …the best in the world, FDJ und Autos, vielleicht auch noch ein bisschen was mit Fußball? Island schmeißt England raus, die Iren singen schön, Jogi Löw wird ertappt, Portugal schafft endlich mal einen Titel.

Falls man 2016 in Zukunft nicht sowieso schon als das Jahr sehen wird, in dem „der Fußball“ überreizt hat, wie die Zeit schreibt, hätte ich da eine Idee: Spinnen wir einfach die Entwicklungen der letzten Jahre anhand einer gedachten Linie weiter – mehr, größer, lauter, bunter. Da geht noch was.

Der UEFA gehören derzeit 55 Nationalverbände an, da ist noch jede Menge Luft für Erweiterungen. Man könnte die nächste EM von 24 auf 32 Teilnehmer aufstocken, dann ginge auch wieder eine normale Gruppenphase, in der die Hälfte der Teilnehmer aussortiert wird. Dann müsste sich niemand so viel Mühe geben, vor der KO-Phase auszuscheiden, und man hätte am Ende der Gruppenphase gleich ein sauberes Achtelfinalfeld ohne Reste oder Lücken.

Oder man spart sich die aufwändige, langweilige, praktisch unsichtbare und darum natürlich auch wirtschaftlich nicht so interessante Qualifikation und lässt gleich lässt alle Nationalverbände im Turnier mitspielen. Die EM wäre ein viel größeres Event, es gäbe erheblich viel mehr Liveminuten Fußball im Fernsehen und damit mehr Einnahmen aus Ticketverkäufen, Sponsoring und Bandenwerbung. Die UEFA könnte dann von den Mehreinnahmen pro Jahr sicher noch eine handvoll Dorfbolzplätze aufhübschen lassen oder ein, zwei talentierte Nachwuchsspieler fördern oder sonst irgendwie gewohnt geldsegensreich tätig werden.

Klar, 55 ist eine ungünstige Zahl, obwohl 11 Fünfergruppen denkbar wären. Da hätte man pro Gruppe 10 Spiele, insgesamt also 110 Spiele in der Gruppenphase. Die Gruppenersten und die fünf besten Gruppenzweiten kommen weiter, das dürfte für mehr Spannung sorgen. Dann kommt eine ganz normale KO-Phase ab Achtelfinale. Oder man gründet schnell noch ein paar Verbände, um dann mit 64 Mannschaften spielen zu können, zum größeren Ruhme des Fußballs.

Die FIFA muss natürlich reagieren – man kann sich von so einer kleinen Regionalklitsche wie der UEFA nicht vorführen lassen. Sie muss zeigen, wo der Hammer hängt und die Weltmeisterschaft entsprechend vergrößern. Wenn die FIFA 64 Mannschaften antreten lässt, kommen 32 in die KO-Phase, man würde mit den Sechzehntelfinalspielen anfangen. Oder – die Fifa mit ihren 211 Mitgliedsverbänden kann da aus dem Vollen schöpfen – man fängt mit 128 Mannschaften an. 32 Vierergruppen, 192 Gruppenspiele, 62 KO-Spiele vor dem großen Finale, das Turnier würde mehrere Monate dauern.

Und dabei wäre noch lange nicht Schluss. Irgendwann wären die Turniere so aufgebläht, dass sie nahtlos ineinander übergehen und die Nationalspieler von der WM gleich weiter zur EM und anschließend wieder zur nächsten WM reisen würden. Weil das kein Spieler aushält, werden spätestens dann menschliche Spieler durch Roboter ersetzt, oder die Spiele werden von Kunstfiguren am Rechner gespielt. Das ganze wird automatisch aufbereitet und in den gewohnten Kameraperspektiven bereitgestellt. Das hätte den Vorteil, dass keine ansonsten sowieso nicht benötigten Stadien extra in die Wüste gebaut werden müssten.

Der Einfachkeit halber wird der Kommentar zum Spiel gleich miterzeugt. Man könnte dazu beliebte Kommentatoren sampeln, damit das Publikum nicht fremdelt. Die Spielerinterviews vor der Umkleide und die Expertenrunde in der Halbzeit und nach Abpfiff kämen auch aus dem Rechner. (Mal ehrlich, was die da von sich geben ist größtenteils so einfach gestrickt, das könnte man auch ohne bestandenen Turing-Test hinkriegen, oder?)

Dann wäre immer Fußball. Und als nächstes nehmen wir uns Olympia vor…

 

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11 Kommentare on “Gedankenspiele”

  1. Yadgar sagt:

    Also, auf jeden Fall sollte Georgien dann endlich auch mal bei einer EM dabei sein… und Afghanistan (das 2013 tatsächlich mal Südasien-Meister war!) bei der WM! Fußball würde auch für mich interessant werden… und wenn dann im Finale in der 89. Minute Mittelstürmer Hafizullah Ahmadzai den Führungstreffer gegen Brasilien (na logo!) reinhaut, bin ich nicht mehr zu bremsen, dann wird hier alles schwarz-rot-grün beflaggt, dann stehe ich mit thermoskannenweise eisgekühltem Granatapfelsaft in der virtuellen Fankurve und brülle Babrak Wassas Hymne zu selbstprogrammiertem Attan-Beat… AFGHÂNESTÂN ZINDA BÂD!!!

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  2. gnaddrig sagt:

    So wird es sicher kommen…

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  3. cimddwc sagt:

    Mit echten Fußballern könntest du so eine Dauer-EM/WM-Folge vielleicht dann durchziehen, wenn es dedizierte Nationalmannschaften gäbe, getrennt von den Landesligen.

    Roboter und Kunstfiguren? Daniel Düsentrieb hat ein Simulationsprogramm erfunden, das reale Spieler aus (teils jahrzehnte-)alten Aufnahmen virtuell kombiniert („Weltklasse virtuell“, Lustiges Taschenbuch Extra Nr.4). Eine Zeit lang mit großem Erfolg – aber irgendwann hatten die Leute dann auch genug davon…

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  4. gnaddrig sagt:

    Ach, für den Kunstbetrieb, der mir vorschwebt, hätte man ganze Filmcrews. Die würden die einzelnen Spieler konzipieren mit körperlichen Merkmalen und Persönlichkeit. Spezialisten würden die Leute fortschreiben, sie altern lassen, jedem eine individuelle Persönlichkeitsentwicklung basteln, sie würden den virtuellen Stars Privatleben, familiäre Hintergründe usw. andichten, das wäre insgesamt eine Art Super-Soap. Wenn die Modelle der Figuren gut genug sind, müsste das an die Realität so nahe herankommen, dass das Publikum ein paar Jahre mitspielt. So spannend oder originell ist die Realität oft auch nicht…

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  5. dasmanuel sagt:

    Ich lachte hart! Gute Ideen das.

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  6. Achim sagt:

    Alltag in Frankreich – das klingt heute vormittag ganz anders 😦

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  7. gnaddrig sagt:

    Ja, leider. Ich hätte dem Land die andere, langweilige Art Alltag gewünscht, wo man sich über Hollandes Friseurrechnung echauffiert oder so. Was da in Nizza passiert ist, hätte echt nicht sein müssen.

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  8. Snorke sagt:

    Warum so kompliziert? Auch bei einer EM mit 32 Mannschaften gibt es eine Qualifikation. Allerdings sind die aktuell besten Länder automatisch qualifiziert (etwa 8-12), die restlichen Länder spielen eine Qualifikation um die übrigen Startplätze (etwa 20-24). Wer direkt qualifiziert ist, richtet sich nach der Weltrangliste.

    Als vor Jahren die UEFA festgelegt hat, dass die EM 2016 24 Teilnehmer haben soll, hieß es, das wäre zuviel, weil fast die Hälfte der 53 UEFA-Mitglieder ja teilnehmen würde. Es hieß sogar, es gäbe Probleme beim Qualifikationsmodus. Ob das wirklich der Fall ist, sei mal dahingestellt, aber es wunderte mich, dass ein Jahr vor Beginn der Qualifikation Gribraltar als 54. Mitglied zugelassen wurde. Huch und 2016 kam noch der Kosovo dazu als 55. Mitglied. Ist das Absicht, um die 24 Teilnehmer der EM zu garantieren, damit es verhältnismäßig nicht mehr so groß sein soll? Zukünftige Mitglieder sind wohl Monaco, Vatikan, Nordzypern und Grönland.

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  9. Snorke sagt:

    Ich hatte schon die Idee, einer Fußball-WM, die das schlechteste Land der Welt bestimmt. Das fängt in der Qualifikation an, in der sich nicht die besten, sondern die schlechtesten Mannschaften qualifizieren. Die WM hat 32 Mannschaften die in 8 Gruppen zu je 4 Ländern aufgeteilt werden. Die Gruppendritten und -vierten kommen ins Achtelfinale, erste und zweite scheiden aus. In der KO-Runde scheidet dann der Sieger aus, während der Verlierer in die nächste Runde kommt. Das geht dann bis ins Finale, wo der Verlierer dann den Weltmeistertitel erhält (gewinnt wäre wohl der falsche Ausdruck).
    Teilnehmer wären bei dieser WM die europäischen Kleinstaaten, Südseestaaten, diverse Karibikinseln und noch das ein oder andere schwache Fußballland. 🙂

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  10. gnaddrig sagt:

    Das klingt interessant, da könnte man einiges an ungewöhnlichem Fußball zu sehen kriegen. Hätte was 🙂

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