Der Tortendieb schleicht weiter

Die Zeit der improvisierten Gutenachtgeschichten ist bei uns vorbei. Räuberspiele und Anekdoten vom Tortendieb sind Vergangenheit. Auch Schulgeschichten spielen wir nicht mehr (das war eine Reihe von Klassenausflügen mit einer Art zeit- und raumreisetauglichem Klassenzimmer, ein bisschen wie Das magische Baumhaus, aber unabhängig davon erfunden).

Eine Weile war ich in Sachen Phantasie etwas ausgebrannt. Dann hatten wir Phasen, wo das Ins-Bett-Bringen zäh und kräftezehrend war und sich jeden Abend wahnsinnig lang hinzog. In der Zeit hatte ich weder den Nerv noch die Zeit, viel zu erzählen, weil sich das Ganze sich Abend für Abend sowieso schon endlos Zeit fraß. (Es wundert mich immer noch, dass die dadurch verursachte allabendliche Verzerrung des Raum-Zeit-Kontinuums niemandem aufgefallen ist, wo sie doch am CERN ständig Experimente mit hochsensiblen Apparaturen machen!) Dann hatte ich eine Weile lang abends vorgelesen, zuletzt die ausgesprochen gut übersetzten und flüssig lesbaren Bücher der Secret Series von Pseudonymus Bosch.

Aber die Gutenachtgeschichtenspiele sind passé. Die Große ist zu groß dafür und die Kleine mag sowieso lieber zusammen singen. Und, um ehrlich zu sein, die Sujets sind ausgereizt, da ist nicht mehr viel zu holen. Das ist etwas schade, diese Geschichtenerzählereien hatten was. Immerhin, es war schön, und die Erinnerungen bleiben.

Statt sich Geschichten erzählen zu lassen, wollen sie beim Gutenachtsagen jetzt Sachen wissen. Ihnen begegnet tagsüber vieles, was sie nicht recht einordnen können oder wo sie mehr zu wissen wollen. In der Schule, auf der Straße, im Radio oder sonstwo werden Dinge erwähnt, die sie nicht kennen oder verstehen, in Büchern kommen unbekannte Wörter vor, es sammelt sich immer was an. Und abends kommt das dann an die Oberfläche, sie fragen nach, und diese Fragen versuche ich dann so gut es geht aus dem Stand zu beantworten. Parallel haben wir am Kühlschrank eine Google-Liste, wo sie Stichworte aufschreiben, und wir setzen uns dann gelegentlich zusammen hin und schlagen die Sachen nach, hören die Musik an, finden heraus, was es damit auf sich hat.

Aber zurück zu den Fragen beim Gutenachtsagen. Dabei kommen wir natürlich auch oft vom Hundertsten aufs Tausendste und quatschen uns fest. (Klar, die Evolution, die Entwicklung des Abendlandes, den Zweiten Weltkrieg oder auch die Funktionsweise von Kernkraftwerken mit Exkursen in sicherheitstechnische und ethisch-moralische Implikationen ihrer Nutzung erklärt man nicht in drei Minuten, da muss man manchmal etwas ausholen.)

Das Licht geht dann manchmal deutlich später als geplant aus. Manchmal zieht es sich arg in die Länge und nervt dann etwas (bin ich natürlich selbst schuld, ich höre mich halt auch zu gern selbst reden). Aber es ist auch schön und, wie früher die Gutenachtgeschichten, eine Gelegenheit, friedlich und bewusst Zeit miteinander zu verbringen. Ich will das jedenfalls nicht missen.

P.S.: Nach seinen vielen Missgeschicken hat der Tortendieb genug vom Einbrecherleben. Er sattelt um und wird Clown. Mit der Torte als einem der zentralen Arbeitsgeräte des klassischen Clowns hantiert er ja schon recht virtuos.

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2 Kommentare on “Der Tortendieb schleicht weiter”

  1. dasmanuel sagt:

    Das Abendritual – eine Kunst für sich.

    Gefällt mir

  2. gnaddrig sagt:

    Absolut.

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In den Wald hineinrufen

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