Theoretisch

Sherlock Holmes löst seine Fälle bekanntlich, indem er die Unmöglichkeiten eliminiert und so als letztes den tatsächlichen (und angeblich als einziger zu den Indizien passenden) Tathergang übrigbehält, glasklar herausgeschält, egal wie unwahrscheinlich er auch erscheinen mag.

Mir kommt das ziemlich weltfremd vor, weil sich praktisch immer eine unbekannte Teilmenge der für einen Sachverhalt relevanten Dinge unserer (und damit auch Hernn Holmes‘) Kenntnisnahme entzieht. Deshalb arbeitet der Ermittler zwangsläufig mit einer unvollständigen Datenbasis, deren Lücken er in den wenigsten Fällen überhaupt kennt, und kann mit seinem Ausschlussverfahren höchstens Näherungen oder Wahrscheinlichkeiten bestimmen. Ein wasserdichtes Ergebnis wird nur in seltenen Ausnahmefällen möglich sein.

Vor kurzem habe ich Terry Pratchetts Feet of Clay (deutsch: Hohle Köpfe) mal wieder gelesen, und da gibt es eine schöne Passage genau zu diesem Thema, in der Pratchett das ganze gewohnt treffend auf den Punkt bringt:

Samuel Vimes träumte von Anhaltspunkten.

Er stand Anhaltpunkten skeptisch gegenüber. Er misstraute ihnen instinktiv. Sie störten.

Und er misstraute der Art Mensch, die nach einem kurzen Blick auf einen Mann in hochmütigem Tonfall erklärt: „Ah, Wertester, ich kann Ihnen nichts sagen, außer dass er ein linkshändiger Steinmetz ist, der ein paar Jahre zur See gefahren ist und in der letzten Zeit Geldprobleme hat,“ und dann eine Menge hochnäsiger Ausführungen zu Schwielen, zur Körperhaltung und zum Zustand der Stiefel nachschiebt, wo genau dieselben Ausführungen auch auf einen Mann passen würden, der abgewetzte Sachen trägt, weil er irgendwelche Dreckarbeit im Garten vorhat, der sich nach einem Besäufnis als Siebzehnjähriger ein Tattoo hatte stechen lassen, und der schon auf einem nassen Bürgersteig seekrank wird. Was für eine Arroganz! Was für eine Missachtung der reichhaltigen und chaotischen Vielfalt der menschlichen Erfahrung!

Dasselbe galt für eher statische Indizien. Die Fußabdrücke im Blumenbeet kamen in der echten Welt wahrscheinlich vom Fensterputzer. Der Schrei in der Nacht kam ziemlich wahrscheinlich von einem Mann, der barfuß auf eine heruntergefallene Haarbürste getreten war.

Die echte Welt war einfach zu wirklich, um ordentliche kleine Hinweise zu hinterlassen. Sie enthielt einfach zu viele Dinge. Es war nicht so, dass man durch Eliminierung des Unmöglichen zur Wahrheit gelangte, wie unwahrscheinlich die auch scheinen mochte; es war vielmehr so, dass man durch den erheblich schwierigeren Prozess der Eliminierung der Möglichkeiten zur Wahrheit gelangte. Man arbeitete sich durch, stellte hartnäckig Fragen und schaute sich die Dinge genau an. Man ging und redete, und insgeheim hoffte man, dass irgendjemand die Nerven verlor und sich stellte. [Eigene Übersetzung; hatte keine deutsche Ausgabe greifbar.]

Und recht hat er. Wenn man die unmöglichen Begründungen/Tathergänge/was auch immer identifiziert, hat man noch gar nicht viel geschafft. Dann bleibt nämlich nicht die eine glasklar definierte, eindeutige, unausweichliche Wahrheit übrig, sondern es bleiben tausend Möglichkeiten, wie sich alles zugetragen haben kann. Welche davon die richtige ist, muss man dann irgendwie langwierig herausfinden. Und diese möglichen Wahrheiten zu eliminieren ist viel schwieriger, als unmögliche Wahrheiten auszusortieren.

Das ganze ist aber zum Glück sowieso nur von theoretischer Bedeutung. Sherlock Holmes ist eine Kunstfigur und die Identität des Mörders ist seit Längerem pauschal bekannt.

 

P.S.: Der Text des obigen Exzerpts lautet im Original so:

Samuel Vimes dreamed about Clues.

He had a jaundiced view of Clues. He instinctively distrusted them. They got in the way.

And he distrusted the kind of person who’d take one look at another man and say in a lordly voice to his companion, “Ah, my dear sir, I can tell you nothing except that he is a left-handed stonemason who has spent some years in the merchant navy and has recently fallen on hard times,” and then unroll a lot of supercilious commentary about calluses and stance and the state of a man’s boots, when exactly the same comments could apply to a man who was wearing his old clothes because he’d been doing a spot of home bricklaying for a new barbecue pit, and had been tattooed once when he was drunk and seventeen* and in fact got seasick on a wet pavement. What arrogance! What an insult to the rich and chaotic variety of the human experience! [Bis hier gibt es das auch im Netz.]

It was the same with more static evidence. The footprints in the flowerbed were probably in the real world left by the window-cleaner. The scream in the night was quite likely a man getting out of bed and stepping sharply on an upturned hairbrush.

The real world was far too real to leave neat little hints. It was full of too many things. It wasn’t by eliminating the impossible that you got to the truth, however improbable; it was by the much harder process of eliminating the possibilities. You worked away, patiently asking questions and looking hard at things. You walked and talked, and in your heart you just hoped like hell that some bugger’s nerve’d crack and he’d give himself up. [S. 205f.]

Terry Pratchett, Feet of Clay
ISBN: 978-0552142373

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24 Kommentare on “Theoretisch”

  1. dasmanuel sagt:

    Es gibt da eine Theorie (oder ein Theorem, oder eine These, wasweißich) von der ich mal gehört habe, die besagt, dass bei mehreren Möglichkeiten meist die einfache und logischste die richtige sei.

    Hat das jetzt was mit deinem Artikel zu tun? Keine Ahnung, ich fühlte mich aber daran (an diese Theorie oder wasauchimmer das war) erinnert.

    Liebe Grüße

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  2. gnaddrig sagt:

    Du meinst Ockhams Rasiermesser. Das passt hier schon ganz gut her, es ist eine Methode, mit der man Theorien aufstellen und die vorhandenen Theorien vernünftig priorisieren kann. Die einfachste Vermutung ist mit der größten Wahrscheinlichkeit richtig, da schaut man zuerst drauf, bevor man kompliziertere Gedankengebäude durchprüft.

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  3. Achim sagt:

    Deine Holmes-Kritik ist im Grunde moderne Wissenschaftstheorie: Nur eine falsifizierbare Hypothese ist eine gute Hypothese. Ich kann Hypothesen widerlegen und die zugrundeliegenden Erklärungen damit verwerfen, aber wirklich beweisen, wie etwas ist, ist vielleicht in den Naturwissenschaften möglich (oft genug aber auch nicht, weil man in Versuchsanordnungen nur bekannte Faktoren berücksichtigen kann…), aber in den Sozialwissenschaften eher nicht.

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  4. aurorula a. sagt:

    Den Krimifreunden von Occam’s razor gefällt bestimmt auch Hanlon’s razor:
    Never attribute to malice that which can be adequately explained by stupidity.
    Was bösartig aussieht ist oft einfach nur blöd.

    Zum Weiterlesen: http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/HanlonsRazor
    (ui, das wollte ich länger schonmal verlinken :o) )

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  5. 2xhinschauen sagt:

    Mark Benecke bezieht sich meines Wissens nicht explizit auf die Holmes-Methode, aber er macht eine ganze Vortragsreihe zu der Forderung, Schlussfolgerungen nicht auf Annahmen zu gründen, vor allem nicht auf unbewusste: Es muss nicht so sein, wie es *für Dich* aussieht, oder anders: Deine Beobachtungen gehen durch einen Haufen Wahrnehmungs- und Erfahrungsfilter und sind eben nicht objektive Realität. Der hätte bestimmt seinen Spaß an dem Pratchett-Zitat.

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  6. gnaddrig sagt:

    Pratchett war aber auch ein großartiger Beobachter, der hat in seinen Büchern unheimlich viele Einsichten ganz nebenbei angebracht. Da muss man eigentlich Spaß dran haben 🙂

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  7. aurorula a. sagt:

    Kennt jemand den Film Twelve Angry Men (ursprünglich war es ein Theaterstück „The Ladies of the Jury“)?
    Falls nicht; diesen hier: http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Film/TwelveAngryMen

    Der Film sieht zwölf Geschworenen dabei zu, wie sie versuchen in einem Mordfall zu einem Urteil zu kommen. Der Film springt gleich mitten ins Geschehen, die Zuschauer wissen am Anfang nicht was passiert ist. Dann werden alle Indizien, Beweise und Zeugenaussagen anderthalb Stunden lang aufgedröselt – und hinterher weiß man als Zuschauer überhaupt nicht was passiert ist. Sicher ist nur, daß der Mörder davonkommt; entweder der Angeklagte oder wahrscheinlich jemand ganz anderes … vielleicht. Anderthalb Stunden lang nimmt man aufgrund der typischen Krimi-und-Polizeiserien-Handlungen, die man so kennt, ständig etwas an das wahrscheinlich so war und in anderen Filmen auch so ablaufen würde – prompt wird das untergraben und hätte auch ganz anders sein können. Aber nicht müssen. Dann endet die Handlung in einem Freispruch aus Mangel an Beweisen und der Film in einem Rätsel.

    Einer meiner Lieblingsfilme 🙂

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  8. gnaddrig sagt:

    Kenne ich nicht, klingt aber interessant. Könnte sich lohnen…

    Hanlons Rasiermesser war mir übrigens auch schon irgendwann mal begegnet, hatte es aber wieder aus den Augen und aus dem Sinn verloren. Die verlinkte Wikiseite ist aber jedenfalls schön geschrieben. Vielen Dank 🙂

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  9. aurorula a. sagt:

    Die Version von 1997 ist die bessere von beiden 🙂

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  10. Aristobulus sagt:

    Hanlon ist ein Optimist 🙂 .
    Es gilt aber leider auch Cohns Hackmesser:
    Versuche nie etwas durch Dummheit zu erklären, das durch Bösartigkeit hinreichend erklärt werden kann.

    🙂

    P.S.
    Hi Aurorula, hmm, im Film Twelve Angy Men wird die anfängliche, fast einstimmige, einfache Sicherheit, dass der Täter es getan habe, so lange sorgfältig auseinandergenommen, bis klar ist, dass dieser Täter es so nicht getan haben kann. Nicht? Indem einer der Geschworenen (Jack Lemmon) systematisch sämtliche Verknüpfungen zwischen a) Indizien (Möglichkeiten, wie es passiert sein kann) und b) automatischen Annahmen, dass es sicher so passiert sein müsse, auseinandernimmt und beweist, dass die Annahmen bloße Annahmen gewesen sind.
    Am Anfang sind sich alle so gespenstisch sicher, dass der Täter es so getan hat – und am Schluss ist es glasklar und erwiesen, dass a) dieser Täter es b) so c) auf keinen Fall getan haben kann.

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  11. gnaddrig sagt:

    Dann war dieser Cohn entweder ein Zyniker oder er hat zuviel Böses erlebt. Oder beides. Ich kenne aber tatsächlich Leute, deren Verhalten mit dem Hackmesser beurteilt gehört…

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  12. Aristobulus sagt:

    … ähm, beurteilt ist dann sehr optimistisch ausgedrückt 🙂

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  13. gnaddrig sagt:

    Ja, es gibt leider Leute, wo man’s mit dem Hackmesser nicht nur beurteilen möchte.

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  14. Aristobulus sagt:

    nicht nur gelte dann als äußerst freundlich ausgedrückt 🙂

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  15. aurorula a. sagt:

    @Ari: *winkt hallo* 🙂

    Es ist nicht so, daß der 12-Angry-Men-Angeklagte es auf keinen Fall getan haben könnte (möglich ist es immer noch – nur eben anders als dargestellt). Er war es nur ziemlich wahrscheinlich nicht. Selbst wenn es wahrscheinlich wäre – verurteilen kann man ihn nur für etwas, das er sicher war.
    Was die meisten Krimis zum Fenster hinauswerfen, wenn sie nicht so und so schon am Anfang zeigen was passiert ist.
    Ein klassisches „schottisches“ Urteil: Not Proven. Was es nicht in den USA, sondern eben in Schottland gibt – und auch da dieselben Konsequenzen hat wie: ein Freispruch.

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  16. Aristobulus sagt:

    Stimmt, Aurorula. Der Geschworene hat ja nicht gesagt, „wie es denn eigentlich gewesen sei“ (der unerfüllbare Anspruch des einstigen wilhelminischen Historikers Wilamowitz-Moellendorf, der zwar nicht mit dabei war, als es passiert ist, der aber glaubte, alles darüber zu wissen), sondern er hat alle ungeprüften Gewissheiten in sorgfältig geprüfte Ungewissheiten verwandelt.
    Also Berechtigte Zweifel. Not proven -> Freispruch.

    Wenn es in einer Gerichtsverhandlung zu sehr um Détails geht (aber es muss da um alle Détails gehen), kann diese Akribie auch völlig nach hinten losgehen. Mir einst so passiert. Als der Richter nicht verstand, ob meine Brille nun gebrochen oder verbogen oder beschädigt worden sei beim Schlag auf mein Antlitz, und wenn ja, wo, woraufhin seine Détailzweifel so überwogen, dass er den Nazi-Prügler freigesprochen hat.

    Auch bei einer anderen Gerichtsverhandlung, wo es gegen einen ging, der mich öffentlich als Judensau dargestellt hatte, in einem Bild, und die Richterin zweifelte, ob das eine Judensau sei (ja, die Judensau-An-Sich), und wohl, ob das ein Bild sei oder nur Pixel, oder ob es sowas wie eine Judensau denn gebe, oder ob der Bildende nicht was ganz Anderes gemeint habe.

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  17. gnaddrig sagt:

    Jei, das ist wieder ein übles Fass. Man könnte argumentieren, dass es natürlich keine Judensau gibt. Dann muss der Bildende was anderes gemeint haben mit seinen Pixeln, und dann war da eben nichts. Und das mit der Brille, ja, Brillen gehen halt mal kaputt, nicht wahr. Und überhaupt hat man ständig nur Arbeit und Ärger mit den Juden, wenn die sich nicht einmal détailgetreu nachweisbar prügeln lassen. Da muss ja der Nazi verzweifeln.

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  18. Aristobulus sagt:

    Jaha, der (also dieser, und der andere Diese) war schon vor Gericht über Gebühr verfettet und sah vom Unleben gezeichnet aus, und welcher Richter kann schon wissen, ob es dem Einen nicht um eine nette Tiergeschichte ging?, oder ob der Andere dem Jud‘ nicht eine neue Brille schenken wollte?, wobei der dann einfach ohne Dank und Gruß abhaute. Tsiss.

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  19. gnaddrig sagt:

    Siehste, mit einem bisschen guten Willen kriegt man alles wieder eingerenkt, man muss nur nicht so stur auf den falschen Détails bestehen. Grad mit solchen anderen Diesen muss man sehr behutsam umgehen, das sind ganz zarte Pflänzchen!

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  20. Aristobulus sagt:

    Opfer allesamt. Die hatten eine oder mehrere schwere Kindheiten.

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  21. gnaddrig sagt:

    Eben, genau so ist es.

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  22. aurorula a. sagt:

    Das mit den mehreren schweren Kindheiten gefällt mir 😀
    Das werde ich zusammen mit den Sprenggläubigen (c GG) öfter mal zitieren, wenn ich darf 🙂

    Danach folgt dann die zweite Pubertät ab 40?

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  23. aurorula a. sagt:

    Das mit dem Freispruch für den Schläger allerdings tut mir leid!
    Es gibt berechtigte Zweifel, und dann allerdings gibt es Sachen mit zweifelhafter Berechtigung – fast als hätte der Vorsitzende etwas gesucht. Kaputte Brillen sind ja nun nichts was in mehrere Kategorien fällt – als meine Brille letztens mal wieder kaputt war (das Regal ist von der Wand gefallen, es war locker; und meine Brille lag drin) – da hätte ich die Frage auch nicht beantworten können; und da ging es um nichts als daß ich sie reparieren lassen wollte. Der Optiker hat mich auch sofort verstanden mit „kaputt“. Wenn jemand eins auf die Nase bekommt ist wohl das letzte worauf man achtet die Brille. Weia!

    Ich hoffe, die Nase war weder gebrochen, verbogen noch beschädigt, Dir ging es schnell wieder gut, und sowas ist nicht nochmal passiert? 🙂

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  24. Aristobulus sagt:

    … yep, die zweite Pubertät ab 40 im Idealfall gemeinsam mit der dritten Midlife Crisis, es sei denn, man ist ein Spreggläubiger 😀 , dann hat man nur den Koran als Permanentkrise und muss darin (ver)darben.

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