Kein Glas

mohrrübe

Nicht mein Rucksack, nicht meine Mohrrübe.

** * **

Ein paar Sitzreihen hinter mir sitzt ein Junge im Vorschulalter am Fenster und spielt mit verschiedenen Spielsachen. Plüschtiere klettern auf dem Sitz und am Fenster herum, ein Auto fährt auf der Armlehne usw. Er erfindet Geschichten dazu und erzählt selbstvergessen vor sich hin, mit gelegentlichen Kabbeleien mit dem größeren Bruder und Ausflügen ins Blödsinnmachen. Die Mutter macht entspannt mit, interagiert viel und biegt bei mehreren Gelegenheiten das Kippen der Situation ins Nervtötende ab. (Das geht so um die zwei Stunden in einem ziemlich vollen Zug, eine wirklich beachtliche Leistung – das ist Parenting für Fortgeschrittene!)

Irgendwann schlägt er vor: Mama, mach mal die Augen zu, ich mach auch nichts.

So ziemlich alle in Hörweite brechen in Lachen aus.

** * **

Anderer Zug, anderes Kind, recht laut: Mama, ich will meine Chips [ausgesprochen: Schö-höhps].

Mutter flüstert angestrengt, fast genauso laut wie das Kind: Schhhhhh, nicht so laut!

Kind in unveränderter Lautstärke: Ich mag jetzt meine Schö-höhps!

** * **

Und dann ist da noch das ältere Ehepaar ein Stück weiter. Die beiden sitzen sich an einem Tisch gegenüber, sie schaut in Fahrtrichtung, er fährt rückwärts. Auf dem Tisch haben eine riesige PET-Flasche mit stillem Wasser stehen.

Bei jeder Bremsung des Zuges rutscht die Flasche vom Tisch, dem Mann auf den Schoß. Die Frau zischt jedesmal ziemlich angespannt und mit großer Dringlichkeit: Jetzt pass doch auf, Mensch, die Flasche fällt ja runter! Er stellt die dann Flasche ganz entspannt wieder hin: Macht doch nichts, ist doch kein Glas.

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9 Kommentare on “Kein Glas”

  1. Eine Bahnfahrt die ist lustig, eine Bahnfahrt die ist schön. Wer was anderes sagt, der lügt 😀

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  2. Aristobulus sagt:

    Ja, in der Eisenbahn erlebt man die echten Stoiker, die sind sowas von extrem stoisch, dass sie sämtliche Stoik der ganzen Welt da draußen ein- und aufgesaugt haben, nur um dann in der Eisenbahn zu sitzen und aller Welt zu zeigen, was sie haben 🙂

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  3. gnaddrig sagt:

    @ westendstorie: Kommt auf die Definition von lustig an, aber stimmt schon, witzig, schräg, abgefahren oder seltsam ist bei längeren Bahnfahrten fast immer dabei.

    @ Aristobulus: So sieht das aus. Ansonsten könnte man das mit der vom Tisch rutschenden Flasche sehr schön als Running Gag in einem Comedyprogramm verwenden.

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  4. Hessenhenker sagt:

    Die Mohrrübe ist nicht angeschnallt.

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  5. gnaddrig sagt:

    Die Bahn stellt aber auch keine Gurte zur Verfügung.

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  6. Aristobulus sagt:

    Stellt die dann wenigstens Mohrrüben zur Verfügung?

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  7. gnaddrig sagt:

    Ne, ich glaube die war auch mitgebracht. Immerhin, keine Mohrrüben muss man auch nicht anschnallen…

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  8. dasmanuel sagt:

    Wer einmal die A7 Hamburg – Hannover mit dem Auto mitgemacht hat (40°C, zwei kleine Kinder), für den liest sich das da oben wie die Beschreibung des Paradieses. Insofern – alles relativ.

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  9. gnaddrig sagt:

    Der letzte, ungekühlte Streckenabschnitt dürfte der A7-Erfahrung recht nahe kommen. Die beiden Abschnitte davor (unterkühlt und lau) sind dagegen natürlich paradiesisch, klar.

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