Klimatisiert oder so

Neulich unterwegs. Wir haben eine lange Bahnfahrt hinter uns. Der erste Zug war überklimatisiert, es war so kalt, dass die meisten Fahrgäste trotz hochsommerlicher Außentemperaturen Strickjacken oder so brauchten. Der zweite Zug war nicht so unterkühlt, aber immer noch deutlich unter der mittlerweile fast obszönen Außentemperatur. Anfangs war es noch ganz angenehm, aber je heißer es draußen wurde, desto mehr näherte sich die Temperatur im Zug der Schwitzschwelle. Vom Gesamteindruck war es also eher zu warm, ging aber noch.

Kurz vor zuhause müssen wir noch ein letztes mal umsteigen – Familie Gnaddrig mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern. Unser Zug kommt pünktlich an, der Weg zum neuen Bahnsteig ist nicht weit. Dafür ist die Hitze am Bahnsteig mörderisch. Egal, wir haben es nicht mehr weit und der Anschlusszug sollte auch einigermaßen klimatisiert sein. Ist er jedenfalls sonst immer. Heute nicht.

Der Zug steht seit geraumer Zeit mit geschlossenen Fenstern und Türen am Bahnsteig und heizt sich kräftig auf. Die Klimaanlage ist anscheinend ganz aus, die Lüftung läuft höchstens auf kleinster Stufe. Und ausgerechnet dieser Zug kommt natürlich ausgerechnet heute nicht pünktlich los. Kommentiert wird das von der Bahn nicht. Sonst gibt es immerhin das obligatorische Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf … x Minuten Verspätung … bitten, dies zu entschuldigen. Heute nicht. Egal, wir merken ja auch so, dass wir zu lange im Bahnhof stehen.

Irgendwann gut zehn Minuten zu spät fährt der Zug dann doch los. Die Lüftung geht von 5 auf 12,5% Leistung, die Klimaanlage wird weiter geschont. Bei jedem Halt wird die Lüftung heruntergefahren und durch die Türen nochmal ordentlich warme Luft getankt. Die Fenster sind natürlich geschlossen und verriegelt, die schmalen Klappfenster kriegt man nur mit einem Vierkantschlüssel auf, und wer hat sowas schon dabei im Urlaub.

Wir sitzen in zwei Vierersitzgruppen zu beiden Seiten des Gangs in Fahrtrichtung. Zwei junge Kerle auf dem Weg zum Baggersee oder so steigen ein und setzen sich uns gegenüber auf die beiden Plätze am Gang. Sie haben eine kleine Kühltasche dabei, holen eine eiskalte Flasche Trinkbares heraus und erfrischen sich damit.

Die Hitze wird immer schlimmer, wir sind alle schon ziemlich verwelkt. Wir wechseln ein paar Worte mit den beiden – Wetter, Klimaanlage (ältester Witz bei der Bahn), verriegelte Fenster, ächz stöhn mecker.

Ich schaue mir das Klappfenster an. Das vierkantige Eisen, an dem man zum Entriegeln des Fensters drehen muss, hat einen flachen Schlitz. Da könnte was gehen. Ich gehe mit dem Schraubenzieher meines Schweizer Taschenmessers dran und, oh Wunder, die Verriegelung ist so leichtgängig, dass ich das Ding tatsächlich gedreht kriege. Das Fenster klappt auf. Auf der anderen Seite des Gangs glückt das nicht, aber immerhin gibt es jetzt ein kleines bisschen Bewegung in der dicken Brühe, die da statt normaler Luft im Zug hin- und herschwappt.

Der eine der beiden Jungs sieht, wie die Hitze meiner Jüngsten mittlerweile ziemlich zusetzt – wir haben zwar noch genug zu trinken dabei, aber irgendwann ist der Bauch einfach voll, da hilft trinken dann auch nicht mehr, und schwitzen tut man trotzdem weiter. Der Mensch holt eine Handvoll Eiswürfel aus seiner Kühltasche, gibt meiner Jüngsten ein paar und verteilt den Rest an uns alle. Wenn man sich damit die Schläfen und die Innenseiten der Handgelenke einreibt, wirkt das Wunder. Vielen herzlichen Dank an die beiden, und hoffentlich war hinterher noch genug Eis für die Cola übrig!

Vom Bahnhof sind wir dann mit einem angenehm klimatisierten Taxi nach Hause gefahren. Das musste einfach sein, es gibt Grenzen…



In den Wald hineinrufen

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