Integration

Neulich in einem großen Elektronik-Markt. Zwei Kassiererinnen unterhalten sich auf Russisch, während sie ziemlich zügig die Kundenschlange abarbeiten. Sie sprechen über irgendwelche Standardsituationen in ihrem Team, wo es immer wieder Reibereien zu geben scheint.

Das Gespräch plätschert eine Weile vor sich hin: Dann sagt der x das, und der y hält dagegen, und dann meint der x wieder usw. Dann fällt der folgende Satz: А Марина всегда ауфрег…уется… (A Marína wsegdá aufrég…uetsja… – Marina regt sich immer auf…)

Wir haben also eine Konversation in russischer Sprache, in der ein deutsches Verb in russischer Flexion vorkommt. Sogar die Reflexivität des deutschen Verbs (sich aufregen) ist im Russischen korrekt wiedergegeben (ауфрегуется, im Infinitiv ауфреговаться – aufregowatsja).

Dabei gibt es für sich aufregen durchaus russisches Vokabular. Нервничать (nérwnitschat) etwa, oder сердиться (serdítsja), auch wenn es in Bedeutung und Verwendung gewisse Unterschiede gibt. Der Sachverhalt des Sich-Aufregens lässt sich auf jeden Fall auch auf Russisch mit gängigem Vokabular allgemeinverständlich ausdrücken.

Das kurze Zögern nach aufreg zeigt, dass dieser Sprachgebrauch noch nicht Standard ist, sondern dass die Sprecherin über ein deutschsprachiges Umfeld spricht, das sie normalerweise auf Deutsch beschreibt. Nun ist ihr das deutsche Verb sich aufregen in den russischen Redefluss gerutscht und sie kriegt fast ohne mit der Wimper zu zucken die Kurve und baut es korrekt ein.

Jedenfalls haben wir es hier mit Leuten zu tun, die beide Sprachen offensichtlich sehr gut beherrschen. Die Art, wie sie mit der deutschsprachigen Kundschaft sprechen, bestätigt das – der russische Akzent ist unverkennbar, aber die Sprache flüssig und korrekt.

** * **

Ich finde es klasse, wie Russlanddeutsche, die vor allem in den 90er Jahren in großer Zahl herkamen (und Deutschland, ahem, überfluteten – man konnte damals ähnlich, ahem, besorgte Kommentare hören wie heute anlässlich der vielen Geflüchteten; die Konzepte Überfremdung, Umvolkung, Untergang des christlichen Abendlandes kursierten auch schon, nur unter anderen Etiketten). Die sind also irgendwann hier angekommen und bewahren einerseits ihre spezifische russische (oder russlanddeutsche) Sprache und Kultur, bewegen sich gleichzeitig in Deutschland sprachlich sicher. Richtig faszinierend finde ich es, wie die beiden Sprachen anfangen, zu verschmelzen.

Obwohl, verschmelzen stimmt nicht ganz – das Deutsche ist nicht dabei, in einer Art Amalgam aus Russisch und Deutsch aufzugehen, ebensowenig wie es durch das Denglische ersetzt werden wird. Es bilden sich eher Soziolekte, von bestimmten Gruppen gesprochene Varietäten, die allenfalls teilweise auf die allgemeine Umgangssprache einwirken. Die Sprachen färben an manchen Stellen der Gesellschaft aufeinander ab, wie das Türkische und das Deutsche es an anderen Stellen auch tun und etwa das Kanak Sprak migrationshintergründiger Jugendlicher hervorgebracht haben.

Das Jiddische ist übrigens auch so ein Ding – vermutlich mittelhochdeutsche Basis, um hebräische, romanische, slawische und andere Elemente ergänzt. Das Abendland geht an sowas nicht zugrunde, außer irgendwelche Spinner mit brauner Soße zwischen den Ohren meinen, solche Erscheinungen zwecks Rettung von Volk und Vaterland ausmerzen zu müssen, aber das ist ein anderes Thema.

Ich möchte weder die Italiener, Spanier, Portugiesen der ersten Gastarbeitergeneration missen noch die Türken noch die Russlanddeutschen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie piefig, verschnarcht, provinziell Deutschland ohne diese Leute geblieben wäre.

Insgesamt wünsche ich mir, dass mehr Leute die Dinge entspannter sehen und sich nicht so schnell über alles mögliche aufregujutsja…

 

 

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5 Kommentare on “Integration”

  1. Stefan R. sagt:

    Zustimmung, genau so sieht es aus. Komischerweise fühle ich mich durch Phänomene wie ‚Kanak Sprak‘ auch nicht bedroht. Zu welch anrüchigen Verstiegenheiten es führen kann, wenn man verklemmte Sprachpuristen, am schlimmsten vereinsmäßig organisierte, sich hineinsteigern können, hat übrigens Stefan Niggemeier bei diesem Verein für deutsche Sprache (VDS) sehr schön herausgearbeitet.

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  2. Stefan R. sagt:

    Ausdrucks- und Grammatikfehler bitte freundlichst zu ignorieren. Oder im Geiste „In welch anrüchige Verstiegenheiten sich verklemmte Sprachpuristen hineinzusteigern vermögen,…“ Es war früh am Morgen.

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  3. gnaddrig sagt:

    Ach du Schande, der VDS. Dass die ein wenig verpeilt sind, ist ja schon länger bekannt (an deren unsinniger Sprachnörgelei arbeitet man sich auch im Sprachlog immer wieder ab). Aber die scheinen ja jetzt völlig abzudrehen beim VDS…

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  4. Achim sagt:

    Ich hatte vor inzwischen vielen Jahren einige iranische Bekannte, und in deren Farsi kam unter anderem das Verb „anmelden kardan“ vor. Kardan heißt „machen“ (und die Konstruktion „Nomen oder Verb + kardan ist im Farsi sehr produktiv), und auch wenn ich mir sicher bin, dass man auf Farsi den Vorgang des Sich-Anmeldens sehr gut ausdrücken kann, wurde hier das deutsche Wort eingebaut. Warum? Naja, eine besondere Form der Anmeldung, nämlich beim Einwohnermeldeamt und der Ausländerbehörde…
    OK, das ist auch eine Form von Sprachmischung, aber eher Entlehnung als wirkliche Mischung wie in diesem Fall.

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  5. gnaddrig sagt:

    Ich finde es total faszinierend, was da sprachlich passiert, wenn lokale Gegebenheiten in fremde Sprachen eingebaut werden.

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