Regeln

Schwimmerbecken, eine Ecke am tieferen Ende unter den Startblöcken. Eine junge Frau hält sich am Rand fest, ein kleiner Junge mit Schwimmflügeln schwimmt in einer Entfernung von vielleicht zwei Metern vor ihr herum.

Ein Bademeister kommt und weist die Dame darauf hin, dass dies ein Schwimmerbecken sei und Nichtschwimmer hier keinen Zutritt hätten, wegen der Sicherheit und so. Sie will das nicht einsehen, und daraus entspinnt sich eine Streiterei:

Mutter: Und warum soll ich jetzt hier raus?

Bademeister: Das Becken ist nur für Schwimmer gedacht. Nichtschwimmer dürfen hier nicht rein.

M (an die Allgemeinheit): Ich denke, der ist Lebensretter, und jetzt will er mich stattdessen mit dem Kind aus dem Becken werfen.

B: Ihr Kind benutzt eine Schwimmhilfe und gehört darum nicht in das Schwimmerbecken.

M (gereizt an den Bademeister): Der Junge ist vier Jahre alt. Er hat einen Schwimmkurs gemacht und schwimmen gelernt und jetzt schwimmt er.

B: Aber mit Schwimmhilfe, die sind hier nicht erlaubt. Bitte gehen Sie mit ihm in das Kinderbecken dort drüben. Das ist flach genug, dass er sicher ist.

M (zeigt auf ein paar Jugendliche, die zehn Meter weiter am Beckenrand sitzen, herumalbern und gelegentlich aus dem Sitzen ins Wasser „springen“, ziemlich gesittet allerdings und ohne die wenigen Schwimmer im Becken zu belästigen): Aber von der Seite ins Becken springen ist erlaubt oder wie? Gehen Sie doch dorthin und jagen Sie die vom Rand weg statt hier…

B (ignoriert den Strohmann völlig): Dies ist das Schwimmerbecken, Nichtschwimmer dürfen hier nicht baden.

M: Aber er kann doch schwimmen.

B: Wenn der Junge schwimmen kann, warum braucht er dann die Schwimmhilfe? Nehmen Sie ihm die doch ab, dann darf er auch hier schwimmen.

Es geht noch ein paarmal in zunehmend gereiztem Ton hin und her. Die Frau fühlt sich drangsaliert, der Bademeister beklagt die Scheißegalmentalität mancher Badegäste bezüglich der Regeln. Sie schimpft über die Kleinlichkeit des Bademeisters, er kontert mit einem Verweis auf die Verwaltung, er habe sich die Regeln nicht ausgedacht. Ihr ist das hörbar Schnuppe. Hilft aber alles nichts, am Ende klemmt sie sich ihren Nachwuchsschwimmer unter den Arm, verlässt das Becken und dampft davon.

Schlusswort des augenrollenden Bademeisters an das Publikum: Wir sprechen dieselbe Sprache, aber ich verstehe überhaupt nicht, was die will.

 

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11 Kommentare on “Regeln”

  1. Yadgar sagt:

    Warum füllt man das Schwimmerbecken nicht einfach mit dünnflüssigem Tonschlamm (Dichte ca. 1,5 g/cm³) – in der Suppe kann garantiert niemand untergehen! Unzählige Kolumbien-Touristen, die sich in den Schlammvulkanen von Cartagena, Arboletes oder Negoclí vergnügt haben würden mir beipflichten…

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  2. gnaddrig sagt:

    Tja, auf die einfachen Lösungen kommt immer keiner. Man könnte das Wasser auch einfach versalzen, im Toten Meer geht man ja auch nicht unter.

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  3. Aristobulus sagt:

    Könnten Sie übersehen haben, Yadgar, dass Sie mit dieser Meinung die Spaßmutter im Schwimmerbecken sind?

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  4. Yadgar sagt:

    @gnaddrig

    …aber Schlamm ist erogener (vulgo: geiler)! O.k., vierjährige Kinder will ich dann allerdings auch nicht dabei haben, bin ja nicht pädo!

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  5. Aristobulus sagt:

    Sie schlagen also ein großes Schlamm-Schlammbadebad ganz für sich allein vor.

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  6. dasmanuel sagt:

    Schon blöd, wenn man sinnfreie Regeln durchboxen muss, damit nicht jeder macht, was er will.

    Da gewinnt niemand.

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  7. Aristobulus sagt:

    -Bademeister: Na sagen Sie mal, Ihr Kind trägt ja Kadebappe!, aber Kadebappen sind hier doch sowas von verboten!
    -Mutter: Wozu?, es ist eine schöne Kadebappe!, sind Sie blind?
    -Bademeister: Besonders die schönen sind hier strengstens verboten!, zumal Ihr Kind ja unter den Startblöcken herumschwimmt, und wenn da einer draufspringt, ist die Kadebappe total kaputt!, und wer bezahlt das dann!
    -Mutter: Wieso soll die dann kaputt sein!, die biegt sich doch durch, wenn einer draufspringt!, Sie haben ja überhaupt keine Ahnung von Kadebappen, Sie Madebeister!
    -Bademeister: Ich verbitte mir diesen Ton!, und Kadebappen sind hier am allerstrengsten verboten, zumal wenn einer damit verdammich unter den Startblöcken herumschwimmt!, wobei schon DAS sowas von verboten ist!, das müssen Sie doch einsehen, so als Mutter!
    -Mutter: Ach Pustekuchen, und Sie Neidhammel von Madebeister sind ja nur neidisch auf die schöne Kadebappe, aber die kriegen Sie nicht!
    -Die Seitenreinspringer (mischen sich ein): Neeeidhammel!
    -Bademeister: Mischen Sie sich gefälligst nicht ein!
    -Die Seitenreinspringer (springen von der Seite rein)
    -Bademeister: Total verboten, was Sie da machen!, überhaupt dieses Seitenreinspringen!, und wenn da eine Kadebappe drunter gerät, ist die doch sofort total kaputt!, und wer bezahlt das dann!
    -Die Seitenreinspringer: Ist die ja gaaanich‘! (springen rein)
    -Bademeister: Ich werd euch gleich, ihr Seitenreinspringer!, und raaah, ihr habt ja Kadebappen auf!, total verboten, das!, sowohl auf dem Kopf als auch beim da Draufspringen, besonders von der Seite!!, also ich komm jetzt rüber!!
    -Die Seitenreinspringer: Komm doch rüber, Onkel Madebeister! (springen rein)
    -Bademeister (kommt rüber, nimmt aber die Abkürzung übers Wasser, schafft es nicht und ersäuft)
    -Die Seitenreinspringer: Das haste nu davon! (springen weiter rein)
    -Mutter: Siehst du, mein Kind, was sag ich dir immer: Fällt er in den Sumpf – macht der Reiter plumps.

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  8. Achim sagt:

    Die Regel ist schon ein klitzekleines bisschen dämlich, denn a) wenn ein Kind mit Schwimmflügeln schwimmen kann, kann es schwimmen, und b) können kleine Kinder auch in knöcheltiefem Wasser 1a ertrinken (müssen nur hinfallen, mit dem Gesicht im Wasser landen und tief einatmen…), erst recht in so einem Nichtschwimmerbecken mit 70 cm Wassertiefe. Hätte die Mutter dem noch etwas unbeholfen schwimmenden Kind die Schwimmflügel abgenommen oder ihre Aufsichtspflicht schleifen lassen, wäre der Bademeister im Recht gewesen.
    Das Problem mit dämlichen Regeln, ist die Aufweichung des Respekts für Regeln im Allgemeinen. Dummerweise sind Regeln der Kitt der Zivilisation…

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  9. gnaddrig sagt:

    @ dasmanuel: Stimmt. Andererseits ist es doof, wenn Leute sich über Regeln hinwegsetzen, deren Sinnhaftigkeit sie u.U. falsch einschätzen oder gar nicht beurteilen können, weil sie die Hintergründe nicht kennen, und damit sich oder (noch schlimmer) andere in Gefahr bringen. Dieselbe Diskussion gibt es immer wieder im Zusammenhang mit Geschwindigkeitsbegrenzungen an unübersichtlichen Stellen oder Baustellen. Ich bin selbst etwas zwiespältig, wie weit man mit der Reguliererei und dem Durchsetzen von Regeln gehen sollte.

    @ Achim: Deine Anmerkungen zum Ertrinken im Nichtschwimmer- oder Planschbecken sind richtig, es ist aber wohl doch ein wenig komplizierter. Im Schwimmerbecken ist man für sich selbst verantwortlich. Die Aufsichtspflicht für Kinder liegt bei den Eltern, und die müssen schauen, dass dem Nachwuchs nichts passiert.

    Da könnte man sagen, dann sollen sie ihre Gören halt im Tiefen schwimmen lassen, wenn sie meinen dass die das können und wenn sie glauben, die Kinder bei Schwierigkeiten rechtzeitig aus dem Wasser holen zu können. Wenn sie es nicht schaffen, fällt das aber auf die Bademeister zurück, die dort für die Sicherheit verantwortlich sind.

    Kann sein, dass der Betreiber nicht will, dass die Bademeister bei jedem Gör, das sich mit Schwimmflügeln ins große Becken traut oder verirrt, erstmal abchecken müssen, ob es schwimmen kann (man kann als Nichtschwimmer im tiefen Wasser auch mit Schwimmhilfe in ernste Schwierigkeiten geraten), ob es beaufsichtigt ist (die Aufsichtspflicht haben nämlich die Eltern, nicht das Personal) usw. Kann auch sein, dass da versicherungs- oder haftungsrechtliche Verwicklungen zum Tragen kommen und der Betreiber sich und sein Personal vor möglichen Ansprüchen schützen will.

    Und, egal ob sinnvoll oder nicht, die Regeln hängen aus, und auch wenn die nie jemand liest, akzeptiert man sie durch Betreten des Bades, das ist ähnlich wie mit den AGB von Internetplattformen. Und dann gilt das und man sollte sich dran halten. Wenn nämlich jeder anfängt zu machen, was er will (oder was er nach weiß der Himmel welchen Kriterien für sinnvoll hält), kann es in so einem Bad sehr schnell sehr ungemütlich werden. Wie Du richtig schreibst, Regeln sind der Kitt der Zivilisation.

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  10. Pfeffermatz sagt:

    Also, ich finde es absolut verständlich (wenn auch nicht zwingend), dass Kinder, die nur mit Schwimmhilfe schwimmen – also nicht wirklich schwimmen können und dessen Wohlergehen von der Luftdichtigkeit der Schwimmhilfe abhängt und die bei einem Zusammenstoss mit einem anderen Schwimmer direkt iim Gefahr geraten – nicht in den Schwimmerbereich dürfen. Der Fall taugt m.E. überhaupt nicht als Beispiel einer unsinnigen Regel, die das Vertrauen in Regeln allgemein erodiert.
    Und ich habe überhaupt kein Verständnis für zickige Erwachsene, die unter dem vermeintlichen Deckmantel der Zivilcourage einfach nur ihren Dickkopf durchsetzen wollen, gegen aushägende AGBs rebellieren und irgendwelche Stellvertreter-Obrigkeiten beschimpfen. Das ist wie mit essenden ÖPNV-Fahrgästen, die den Busfahrer beschimpfen, der sie darauf aufmerksam macht, dass das Essen im Bus verboten ist.

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  11. Achim sagt:

    @ Pfeffermatz: So gesehen (Gefahr durch Zusammenstoß etc.) muss ich dir allerdings recht geben. Und ins Nichtschwimmerbecken geschickt zu werden (wo man ja idR schwimmen kann, was die Wassertiefe angeht), dürfte auch für kritische Beobachter keinen Grundrechtseingriff darstellen.

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