Und dann war da noch… (16)

… der alte Mann, der mich auf der Straße anspricht. Er mag gut 70 Jahre alt sein, vielleicht 80. Gepflegt und etwas altmodisch angezogen, Anzug, Mantel, Schal, Hut – der Straßenanzug der 50er, 60er Jahre.

Er hält mir seine Brieftasche hin, ob ich ihm aus dem Personalausweis vorlesen könne, wo er wohnt. Er könne sich nicht mehr an seine Adresse erinnern, die Straße in der wir uns befinden kenne er nicht und er habe seine Brille nicht dabei, könne also die Adresse also nicht selbst ablesen.

Er ist dabei ruhig und klar. Kein verirrter Verwirrter, sondern jemand, der Probleme erkennt und löst. Jemand, der seine Schwächen kennt und sich von ihnen nicht einschüchtern lässt. Ich lese ihm die Adresse vor und gehe mit ihm bis zur nächsten Straßenecke, die er erkennt, dann verabschiedet er sich und geht allein weiter. Ich sehe ihm noch nach, aber offensichtlich kennt er den Weg.

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6 Kommentare on “Und dann war da noch… (16)”

  1. Achim sagt:

    „Jemand, der Probleme erkennt und löst.“ Ja, klar, trotzdem creepy. Wie fühlen sich Menschen, denen bei vollem Bewusstsein das Gedächtnis für solch zentrale Fakten abhanden kommt? Seine eigene Adresse zu vergessen ist etwas Anderes, als das Jahr der ersten Mondlandung nicht mehr auswendig zu wissen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Da bin ich ganz Deiner Meinung. Ich fand es beeindruckend, weil er mich ganz ruhig angesprochen hat. Es war ihm schon merklich unangenehm, aber er wirkte gleichzeitig selbstbewusst.

    Ich mag mir nicht vorstellen wie es sein muss, so mitzuerleben wie sich das eigene Gedächtnis langsam verabschiedet. Auf jeden Fall eine gruselige Aussicht…

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  3. Yadgar sagt:

    Ich würde wahrscheinlich flennend zusammenbrechen… ich bin ja schon filmreif ausgetitscht, als mir vor zwei oder drei Jahren am Geldautomaten urplötzlich meine Geheimzahl nicht mehr einfiel (und, nein, es hatte nichts mit Demenz zu tun, dafür bin ich noch etwas jung)…

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  4. gnaddrig sagt:

    Man versteht da schon den Reiz von Live hard, die young, obwohl sich das die meisten dann doch nicht trauen.

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  5. aurorula a. sagt:

    Der Schriftsteller Terry Pratchett hat ein paar sehr bewegende Zeilen darüber geschrieben wie er mit Problemen umgeht wie plötzlich nicht mehr zu wissen wie er seine Hose umdreht wenn beim anziehen die falsche Seite vorne ist oder er seine Bücher diktieren muß, weil er die Bedeutung einzelner Buchstaben vergessen hat. Und wahrend man gleichzeitig lacht über ironische Bemerkungen wie die daß er beim halb herumlaufen um die auf dem Boden liegende Hose wenigstens etwas Sport bekommt – eher also etwas nerviges als alles andere – ist es einfach tragisch gleichzeitig zu erfahren, daß er sich hätte umbringen wollen, solange er seine Familie und Freunde noch erkennt.

    Ziemlich genau ein Jahr nach seinem Tod gab es einen wirklich großen Durchbruch in der Behandlung von Alzheimer; und das dann zu lesen, das hat mir wirklich den Tag versaut. Weil, um Remarque zu paraphrasieren, die vielen, denen künfig vielleicht geholfen werden kann bis jetzt nur Potential sind; aber für den einen den ich persönlich darüber schreiben gelesen habe leider nichts getan werden konnte.

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  6. aebby sagt:

    Wäre die Begebenheit Schokolade wäre es zartbitter …

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