Der Berg ruft!

Das seit althochdeutscher Zeit praktisch unveränderte deutsche Wort Berg wird auf das rekonstruierte indoeuropäische *bherg̑hos Berg, Höhe zurückgeführt, von dem sich vermutlich auch das altslawische brěgъ ‘Ufer, Hügel, Abhang’ ableitet. Das davon abstammende russische béreg (берег) ‘Ufer’ hat mit dem deutschen Berg die Eigenschaft gemein, ein erhöhter Platz zu sein – der Berg aus der Ebene gesehen, das Ufer vom Wasser aus gesehen.

Betten sind zumindest im europäischen Kulturkreis auch erhöhte Plätze, vom Fußboden aus gesehen, und es wäre vielleicht denkbar gewesen, dass sich die Bedeutung des indoeuropäischen *bherg̑hos im deutschen Sprachraum in Richtung Bett entwickelt hätte – wer weiß schon, warum sich welche Wörter wohin entwickeln oder welche Bedeutungsverschiebungen sich dabei ergeben. Dann würde der Berg ruft bedeuten, dass das Schlafmöbel ruft.

Jemandes Bett steht normalerweise in dessen Wohnung. Von der eigenen Wohnung sagt der klischeetreue Engländer bekanntlich, es sei seine (mit der o.g. indogermanischen Wurzel wohl auch irgendwie verwandte) Burg (My home is my castle).

Wenn ich müde bin, ruft also der Berg die Burg das Bett. Und ich kann froh sein, wenn es mein Schlafmöbel ist und nicht die letzte Ruhestätte unter dem aus derselben indogermanischen Wurzel hervorgegangenen englischen barrow, dem Grabhügel…


10 Kommentare on “Der Berg ruft!”

  1. aurorula a. sagt:

    Was lustiges nebenbei: Auf Suaheli heißt „Lima“ Land oder Berg. Die Vorsilbe „kili-“ ist eine Verkleinerungsform, ähnlich wie die deutsche Nachsilbe „-chen“ (überall wo europäische Sprachen Nachsilben haben, haben Bantu-Sprachen Vorsilben, am Verb für die Zeit oder die Person, etwa). Der Kilimanjaro heißt also „Das niedliche Bergerl Manjaro“. Warum ein Berg von fast sechstausend Metern Höhe klein und niedlich sein soll, der als Vulkankegel auch noch so ziemlich das einzige so hohe in der Gegend ist?
    Weil man ihn von weit, weit, weit weg am Horizont sieht – der ist also das, dessen Bild überall verkleinert zu sehen ist.
    Dieser Berg ruft ziemlich laut und ziemlich weit.

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  2. aurorula a. sagt:

    (P.S: der Name kommt tatsächlich von „kilelema“, „unmöglich zu“ [erklettern] – ein „Vergiss es, da kommst Du nicht rauf!“ falsch interpretiert als Bergname.)

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  3. gnaddrig sagt:

    ein „Vergiss es, da kommst Du nicht rauf!“ falsch interpretiert als Bergname

    Soll es öfters geben. Kommen die Fremden/Eroberer, zeigen auf alles mögliche und fragen „Wie heißt das?“, und die Einheimischen achselzuckend: „Berg. Noch’n Berg. Großer Berg. Nicht ganz so großer Berg.“ usw., und seitdem steht das in allen möglichen Landkarten.

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  4. aurorula a. sagt:

    Was irgendwo auch schade ist, man sollte die Recherche eben vor dem posten machen😦 – bis ich das heute recherchiert habe, dachte ich nämlich ersteres, also die Geschichte mit dem kleinen Bild.

    Die andere Hälfte der Welt heißt nach dem Datum, an dem irgendjemand da vorbeigekommen ist: Osterinseln, Whitsundays, Lorenzstrom, …

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  5. gnaddrig sagt:

    Und dann gibt es noch die, sagen wir, Rundungsreste nach Addition der beiden o.g. Hälften. Die heißen nach dem Ort, an dem die Entdecker glaubten sich zu befinden: Westindische Inseln…

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  6. Yadgar sagt:

    @gnaddrig
    Kommen die Fremden/Eroberer, zeigen auf alles mögliche und fragen „Wie heißt das?“, und die Einheimischen achselzuckend: „Berg. Noch’n Berg. Großer Berg. Nicht ganz so großer Berg.“

    Ja, das wird demnächst beim Khyberspace auch lustig – ich bin seit einigen Wochen dabei, Opentopo-Kartenkacheln in der 100-m-Auflösung als Rohmaterial für mein neues Kabul-und-Umgebung-Heightfield herunterzuladen (insgesamt 4500 Stück, bin schon mit über der Hälfte durch), da gibt es Unmengen von Gipfeln im Mittleren Hindukusch und im Paghman-Gebirge, die auf der Karte keinen Namen haben – aber mit Sicherheit im Sprachgebrauch der Anwohner! Allerdings ist Afghanistan ja nun ethnisch ziemlich komplex, in einem Dorf wohnen Tadschiken, drei Dörfer weiter Paschtunen und im nächsten Dorf Hazara, da wird es entsprechend viele Bezeichnungen für ein und denselben Berg geben. Dazu kommt dann auch noch, dass im Laufe der Zeit diese Namen (das kenne ich bislang vor allem von Ortsnamen) gerne auch mal wechseln. Dazu dann noch die kriegsbedingten Bevölkerungsverschiebungen der letzten fast 40 Jahre… ein riesiges unbearbeitetes Forschungsfeld für Geographen und Ethnologen! Vom heimischen Computer aus gar nicht zu schaffen, da müsste ich schon wirklich vor Ort unterwegs sein und die Leute interviewen…

    Wäre jedenfalls auch mal eine Idee für die Zeit nach dem geknackten 30-Millionen-Euro-Lottojackpot, für irgendwas Nützliches sollte man das Geld schon auf den Kopf hauen!

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  7. Lakritze sagt:

    Ich weiß nicht wie, aber das alles hier erinnert mich an Torpenhow Hill, Etymologie durch Vergeßlichkeit …

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  8. gnaddrig sagt:

    Wieder was gelernt. Danke🙂

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  9. noemix sagt:

    Das erinnert auch an die Geschichte, wie ein Landvermesser ins Gebirge kommt und einen Einheimischen fragt: Wie heißt der Berg dort drüben?, worauf der Einheimische sagt: »Wöchana?« *)
    Und der Landvermesser kartographiert daraufhin den besagten Berg auf seiner Landkarte unter dem Namen: »Wöcherner«.
    _____________________
    *) (österr. für: »Welcher?«)

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  10. aurorula a. sagt:

    … fast so schön wie die Viererspitze:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Viererspitze

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In den Wald hineinrufen

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