Die Läden meiner Kindheit – die Trinkhalle

In Deutschlands erster Frauenzeitschrift für Männer läuft ein Erzählprojekt zum Thema „Die Läden meiner Kindheit„. Da machste mit, dachte ich mir. Dann kamen verschiedene Dinge dazwischen, das ganze blieb liegen. Aber jetzt geht das ja auch noch. Also:

Ein paar Hundert Meter von der Wohnung meiner Großeltern entfernt gab es diesen Kiosk in der Hauptgeschäftsstraße des Stadtteils. Es war keine Bude, die irgendwo stand, sondern ein großes Fenster in einer Hausfront direkt am Bürgersteig. Das mittlere Fenstersegment war offen, die Segmente links und rechts dienten als Schaufenster. An der Rückwand waren Regalbretter bis an die Decke, großzügig mit Ware vollgestellt, an der einen schmalen Seitenwand stand ein großer Kühlschrank, und eine Eistruhe gab es auch irgendwo. Die Kundschaft stand auf dem Bürgersteig, vielleicht war da eine schmale Markise drüber, aber das weiß ich nicht mehr so genau.

Betrieben wurde der Kiosk von einem älteren Ehepaar, die den ganzen Tag in ihrem ziemlich vollgestopften Verkaufsraum saßen, meistens zusammen, manchmal war aber auch nur einer von beiden da. Es gab noch ein Hinterzimmer, wo anscheinend ein Fernseher stand und ein oder zwei Sessel. Ware lagerte dort wohl auch, jedenfalls wurde gelegentlich von dort hinten etwas geholt. Ob dahinter eine Wohnung war oder ob die beiden anderswo wohnten, weiß ich gar nicht. Als Kleinkind wusste ich nur, die sind immer dort und verkaufen Sachen.

Das Sortiment umfasste erstmal Zeitungen, Zeitschriften, Süßigkeiten, Getränke. Capri-Sonne, Sunkist, Cola, Bier, Schnaps. Dann Milchprodukte, Mehl, Zucker, Hefe, Gewürze, Spülmittel, Bürsten, Rasierzubehör, Nähgarn, Knöpfe, Reißzwecken, Pflaster, Klopapier, alles, sogar Briketts, glaube ich mich zu erinnern. Es war im Prinzip ein vollständiger Tante-Emma-Laden auf allerkleinstem Raum.

Mein Großvater ist dort jeden Tag hingegangen und hat seine Zeitung und sein Bier gekauft. Wenn ich zu Besuch war, hat er mich immer mitgenommen. Erst auf den für mich damals gut kniehohen Betoneinfassungen der Vorgärten balancieren (bevor die Bodendecker sie im Lauf der Jahre völlig überwuchert hatten und ich dann auch für sowas zu alt war), dann über die Straße, 100 Meter die Hauptstraße entlang, dann waren wir da.

Am Kiosk wurde er mit Namen begrüßt, und mich kannten sie mit der  Zeit auch. Als ich kurz nach dem Abitur und mehrere Jahre nachdem mein Großvater gestorben war zum erstenmal wieder dort vorbeikam, haben sie mich immer noch erkannt. Da waren sie selbst schon ziemlich alt, und kurz danach haben sie den Laden aufgegeben. Es hat sich wohl niemand gefunden, der das übernehmen wollte, oder der Vermieter mochte nicht mehr oder die Gemeindeverwaltung, keine Ahnung.

** * **

Er hat also immer seine Bild-Zeitung gekauft, gelegentlich auch eine Zeitschrift, den Stern, glaube ich. Die wurde dann aufgerollt und mit einem Gummiband „verpackt“. Ich weiß noch, dass es mich fasziniert hat, wie sich das Gummiband verdreht hat, wenn es auf die zusammengerollte Zeitschrift gestreift wurde. (Und überhaupt fand ich es schon staunenswert, dass die immer genug solcher Gummibänder hatten, zu Hause kamen die immer nur zufällig vor und wurden in einer Schublade gesammelt und recht zögerlich verwendet, weil sie sonst immer alle waren, wenn man wirklich mal dringend eins gebraucht hätte.)

Dann haben sie sie sich ein bisschen unterhalten. Wie geht’s denn so. Jaja, alles in Ordnung. Und sonst, die Tochter mit dem Enkelchen zu Besuch? (zu mir:) Wiste’n Bolchen? (Natürlich wollte ich, Süßes geht immer. Hätte mich, davon abgesehen, auch gar nicht getraut, nicht zu wollen.) Wenn ich entsprechend bedient war, kam die Idee mit dem Bier zur Sprache, jedesmal. Zwei halbe Liter Export, dafür hatte er extra eine Einkaufstasche dabei, eine von diesen praktischen Nylonbeuteln, die sich ganz klein zusammenrollen lassen, ein reichlich abgewetztes undefinierbar schlammgründunkelgemustertes Etwas.

Gelegentlich hat er wohl auch einen Flachmann geleert, obwohl er für die harten Sachen sonst eher in die Gaststätte ein Stück die Straße rauf gegangen ist alle paar Tage. Da hat er dann ein oder zwei Kurze gekippt und mit der Bedienung rumgealbert. Den Witz mit dem Loch im Schnapsglas, durch den das gute Zeug immer ausläuft wenn niemand hinschaut und dann natürlich nachgefüllt werden musste, habe ich erst viele Jahre später verstanden.

Wenn dann alles eingepackt und bezahlt war, sind wir wieder nach Hause gestapft. Dort hat er mir dann aus der Zeitung vorgelesen und die Welt erklärt. Ich habe diese Besuche geliebt, nur die Zeitung habe ich von meinem Opa nicht übernommen…

 

 

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14 Kommentare on “Die Läden meiner Kindheit – die Trinkhalle”

  1. […] – Ein Dorfspaziergang Frau Frogg – Putztag in Grossmutters Laden Gnaddrig – Die Trinkhalle Heinrich – Buttermilch aus der Blechkanne Mitzi Irsaj – Frau Grüners Knie und ein […]

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  2. Danke für den Beitrag zum Erzählprojekt. Leider liegt es schon ein Weile zurück, so dass Teestübchenleser ihn vermutlich nicht finden, obwohl ich ihn in die Linkliste aufgenommen habe. In Hannover sind derzeit 229 Kioske gemeldet. Viele davon tragen den Namen „Trinkhalle“. Aus Aachen kannte ich die gar nicht.

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  3. gnaddrig sagt:

    Kein Problem, ich schreibe das ja auch nicht in erster Linie wegen der Reichweite 🙂

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  4. Achim sagt:

    Der Begriff „Trinkhalle“ gibt ein paar Hinweise auf den Wohnort der Großeltern. Für mich ist der in der Region Ruhrgebiet / Ostwestfalen / Hannover zu Hause. Obwohl: Getrunken wurde nicht vor Ort?
    Da wo ich aufgewachsen bin, hießen die Dinger „Buden“, ob freistehend oder nicht. Wir sind da hingepilgert und haben unser (sehr begrenztes) Taschengeld für einzeln erworbene Haribo-Teile (Luxus: Stück nicht 2 Pfg., sondern 5!), irgendwelche Sammelbilder oder im Anfall von Größenwahn ein Eis am Stiel eingesetzt. Und 1970 wurden einem Steppke im Grundschulalter ohne Probleme Zigaretten oder Streichhölzer ausgehändigt, wenn das Codewort „für meine Mutter“ fiel.
    Das Sortiment umfasste seinerzeit aber keine echten Lebensmittel, nur Alkohol, Süßkram und gefärbte Zuckerwasser in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen.
    Geschlossen sind inzwischen beide Buden in Reichweite um mein Elternhaus. Sowas läuft wohl nicht mehr.

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  5. Lutz Prauser sagt:

    Was für eine wunderbare Reise in die Vergangenheit. Da werden Erinnerungen wach an das Büdchen an unserer Schule. Wenig charmant sprachen alle Schüler von der Inhaberin nur als „Omma Arschloch“. Sie ertrug es mit Fassung.
    Was blieb ihr übrig…

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  6. gnaddrig sagt:

    @ Lutz Prauser: Danke 🙂 So einen Kiosk hatten wir auch direkt gegenüber der Schule.

    @ Achim: Stimmt, man hat damals Kinder auch noch Bier für Vattern holen lassen können. Und Anschreiben ging auch, wenn man im Laden bekannt war.

    Diese losen Haribo-Teile kenne ich auch noch. Die kleinen rautenförmigen Salzlakritzdinger kosteten sogar nur 1 Pfennig, die großen 5. Brausebonbons für 2 Pfennig das Stück. Dann gab es Esspapier für ich weiß nicht mehr, wohl 5 Pfennig das postkartengroße Blatt. Da ist manches gute Geld geblieben.

    Peinlich war es nur, wenn man dort einem zigarettenholenden Lehrer begegnete, weil man erst ab der 9. Klasse den Schulhof verlassen durfte…

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  7. Achim sagt:

    Für die große Pause als Oberstufenschüler gab es dann einerseits den Laden, der neben diversen Schreibwaren auch Klatschbrötchen (50 Pfg.) und Waffelbruch (Tüte 1 Mark) verkaufte. Und für die Freistunden (die echten und die selbstdefinierten) die Kneipe mit Billardtisch im Nebenzimmer.

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  8. gnaddrig sagt:

    So’n Bäcker hatten wir auch, aber bis zur Kneipe haben wir es nicht gebracht. „Selbstdefinierte Freistunde“ ist aber ein schöner Ausdruck 🙂

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  9. Lakritze sagt:

    Schöne Geschichte. So leben diese Büdchen, Lädchen und ihre Besitzer in den Erinnerungen weiter. (Wir sind in Läden wie diesen sozialisiert worden, habe ich das Gefühl, wenn ich die Erzählprojektbeiträge so lese. Zu „Mein Kindergarten“ würde vermutlich weit weniger geschrieben werden.)

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  10. gnaddrig sagt:

    Da magst Du recht haben, die spannenden Sachen sind eher draußen beim Spielen und eben in Läden aller Art passiert.

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  11. Achim sagt:

    An Kindergarten erinnere ich mich kaum, während Erinnerungen an Einkaufssituation häufiger sind, da das irgendwann im Grundschulalter mehr wurde. Als unser Neubaugebiet noch sehr neu war, gab es in der näheren Umgebung kaum Einzelhandel, also kamen die Händler zu uns. Ich erinnere mich an den Milchmann (Mo – Sa morgens um halb sechs oder so, einmal in der Woche tagsüber mit Käse, Sahne, Quark etc.), das Bäckerauto, einen mobilen Gemüsehändler und einen Fischhändler. Bis auf den Milchmann waren die aber bald wieder weg, der Milchmann hat keinen Nachfolger für den Betrieb gefunden und mit ca. 75 beschlossen, dass er sich das nicht mehr antut. Aber da waren wir vier Kinder inzwischen alle Tee- bzw. Muckefucktrinker, so dass er keine 3 bis 5 Liter pro Tag mehr loswurde 😉

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  12. gnaddrig sagt:

    Milchmann hatten wir auch eine Weile, der hat irgendwann Mitte der 70er Jahre aufgegeben. Ich kann mich nur an einen (aus Vorschülersicht „alten“) Mann im graublauen Kittel erinnern, der diese mit Alufolie verschlossenen dickwandigen Halbliterflaschen vor die Tür stellte und das Leergut mitnahm. Den habe ich aber nur selten gesehen, und ob der damals 40 oder 65 war, weiß ich nicht.

    Dann kam die Milch aus dem Supermarkt, und zwar in diesen unsäglichen Plastiktüten, die man in ein spezielles rührbecherartiges Gefäß aus (bei uns) hellblauem Plastik stellte, die oberen Ecken abschnitt und dann (theoretisch!) sauber ausgießen konnte. Gab aber auch bei geübten Benutzern regelmäßig Schweinkram, spätestens beim letzten Drittel Milch in der Packung.

    Dann kamen Tetrapaks aus Pappe in verschiedenen Formen, die man mit der Schere öffnen musste, weil sie sonst immer an der falschen Stelle rissen. Dass die jetzt mit abdrehbarem Verschluss verkuaft werden mag ökologisch nicht so toll sein, aber die Benutzbarkeit hat dadurch einen großen Sprung gemacht.

    Die Eskapade von Ökoläden mit unverpackter Milch, die man an Zapfeinrichtungen in mitgebrachte Flaschen abfüllte, ist wohl wegen Hygiene- und Haltbarkeitsproblemen gescheitert. Habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

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  14. […] Blog „Gnaddrig ad libitum“ las ich einen wunderbaren Beitrag über Trinkhallen, nostalgisch, erinnerungsschwer und voller Sehnsucht nach etwas längst Vergangenem. Nun gibt es […]

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