Die Läden meiner Kindheit – der Fahrradladen

Wenn mein Großvater außer Zeitung und Bier noch andere Sachen einzukaufen hatte, ist er mit mir zum Supermarkt am anderen Ende der Hauptstraße gegangen. Auf dem Weg dorthin (und auf dem Rückweg wieder!) kamen wir immer an einem Fahrradladen vorbei, an dessen Schaufenster ich mir die Nase gar nicht lange genug plattdrücken konnte, sehr zum Leidwesen des mich jeweils begleitenden Erwachsenen.

Jedenfalls die Frauen der Familie waren in der Regel eher weniger geneigt, lange mit mir vor dem Fahrradladen herumzustehen oder gar hineinzugehen, da war für mich nichts zu holen. Mein Großvater, damals schon Rentner, hatte dagegen alle Zeit der Welt und störte sich nicht daran, einiges davon vor Schaufenstern meiner Wahl zu verbringen.

Spätestens im frühen Grundschulalter entwickelte ich zunehmend konkretes Interesse am Sortiment. Die hatten nämlich großartige Sachen dort, Rennräder etwa. Und, weniger unerschwinglich, Tachometer. Es gab diese coolen Geräte in einem fast quadratischen Gehäuse mit gedämpfter Nadel und deshalb schön präziser Anzeige, der Traum jedes Grundschülers damals.

Ich hatte, nach langem Wünschen und Quengeln, leider nur das einfache dreieckige Standardmodell gekriegt, wo die Nadel so flatterte, dass man sie ab 20km/h kaum mehr ablesen konnte. (Nicht dass wir mit unseren verratzten 12-Zoll-Rädern mit ihren notdürftig glattgezogenen Achten in den Felgen dauerhaft so schnell unterwegs gewesen wären, dass das ein Problem gewesen wäre. Mehr als 20 Sachen waren wohl eher die Ausnahme, von Wettfahrten mit Spitzengeschwindigkeiten über 30 mal abgesehen.

Auch waren die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit und deren Messung eigentlich unwichtig, es ging  vor allem um das technische Spielzeug, um das Einfahren von egal wie ungenau gemessenen Rekordmarken und überhaupt um den Coolness-Faktor, genau wie bei diesen unsäglichen Bonanzarädern, die zum Fahren praktisch unbrauchbar waren, aber dabei aus mir heute unerfindlichen Gründen als wahnsinnig cool galten.)

Immerhin war dieser dreieckige Tacho einigermaßen akzeptabel. Nicht wirklich cool, aber doch um Meilen besser als die altmodischen runden Dinger, die es auch noch gab, oder als die ganz unmöglichen reinen Kilometerzähler, die an der Nabe des Vorderrades montiert wurden. Mein erster Fahrradtacho kam jedenfalls aus diesem Laden.

Wenn man den Laden betrat, klingelte eine Glocke an der Tür und schlug einem eine eigentümliche Geruchsmischung entgegen. Gummi und Öl und neue Fahrräder. Es war still im Laden, der Verkehrslärm kaum mehr zu hören. Man war in einer anderen Welt. Der allwissende, griesgrämig-freundliche Besitzer kam aus dem Hinterzimmer, man trug das Begehr vor, wurde je nach Sachlage beraten oder belehrt und verließ den Laden immer irgendwie zufrieden und getröstet, neu gewappnet für die Widrigkeiten der Welt draußen.

Dieser Fahrradladen war ein friedlicher und sicherer Ort, eine Oase der Stille im Wirbel der Zeit, der Besuch dort immer eine fast spirituelle Erfahrung.

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3 Kommentare on “Die Läden meiner Kindheit – der Fahrradladen”

  1. Yadgar sagt:

    Ja, Fahrradläden! Wenn es einen Geruch gibt, der unmittelbar Fernweh in mir auslöst, dann ist das der von fabrikneuen Fahrradreifen!

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  2. Eine schöne Serie! Bin schon auf die nächsten gespannt.

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  3. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂 Mal sehen…

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