Freinacht

Eine Sache, die ich an der deutschen Sprache manchmal nützlich und durchaus liebenswert finde und die mir trotzdem ganz oft erheblich auf die Nerven geht, ist das Maß an pedantischer, gestelzter Überpräzision, das man mit etwas Übung erreichen kann. Obwohl, was mir auf die Nerven geht ist eher das Maß an pedantischer, gestelzter Überpräzision, das viel zu viele Leute zu erreichen versuchen, wo es gar nicht nötig ist. Oder das sie nicht erreichen, wo es eigentlich sinnvoll und nötig wäre.

Juristendeutsch ist eine beliebte Spielart dieser Disziplin. (Dort ist es mit der Präzision oft gar nicht so weit her, wenn man sich das Hickhack um ziemlich viele neue Gesetze so anschaut, wo sich dann – wie etwa beim sogenannten Leistungsschutzrecht – vorher kaum jemand sich festlegen mag, wie es denn nun wirklich wirken wird und wo es danach erstmal lange Rechtsstreitigkeiten um die Auslegung gibt, wenn nicht sowieso Verfassungswidrigkeit festgestellt wird. Ob das ein primär sprachliches Problem ist, lasse ich mal dahingestellt sein, es passt mir nur grad so schön hierher.)

Behörden spielen das Spiel in ihrer eigenen Liga, und gut ausgebildete Verwaltungfachangestellte oder -wirte kann man als Laie auf dem Gebiet kaum je schlagen.

Ich bin vor kurzem auf den Begriff Freinacht gestoßen. Mir als Preuße war das nicht geläufig, deshalb habe ich mich bei Wikipedia schlaugemacht. Dort heißt es, dass unter Freinacht in der Schweiz und in Teilen Südwestdeutschlands eine Nacht mit amtlich verlängerter oder unbeschränkter gastgewerblicher Bewirtung in Restaurants oder an Festwirtschaften verstanden wird.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: eine Nacht mit amtlich verlängerter oder unbeschränkter gastgewerblicher Bewirtung. Ein wunderschönes Stück Text, zack auf den Punkt, mit einer bewundernswerten Genauigkeit. Das ist der personifizierte Amtsschimmel, die schwarzweißeste Kleinkariertheit des Weltmeisters im Beamtenmikado, dabei aber ganz unprätenziös, mit großartiger Leichtigkeit und, möchte ich fast sagen, Eleganz. Da stimmt einfach alles, da gibt es keine falschen Bezüge, keine ausfransenden Schachtelsätze, nichts irgendwie vermutlich Gemeintes, von dem genau das Gegenteil tatsächlich dasteht.

Das ist Verwaltungsdeutsch auf allerhöchstem Niveau, Behördenprosa vom Feinsten. Das ist, als wenn jemand mit müheloser Leichtigkeit den langjährigen Weltrekord im Hochsprung mal eben um 10 cm überbietet. Vier Zauberwürfel gleichzeitig in Weltrekordzeit löst. Das Lied von der Glocke mit einem Schraubendreher in eine Reiskorn ritzt.

Hätte Zorro seinen Degen so gut beherrscht wie der Autor dieser Formulierung seine Feder, hätte er seinen Gegnern nicht einfach ein krudes Z ins Wams geritzt sondern seine vollständige Unterschrift mit dem in der spanischsprachigen Welt früher üblichen elaborierten Schnörkel. Oder ein legendär intrikates Muster aus einem maurischen Palast. Und danach hätte er sich irgendwo unbeschränkt gastbewerblich bewirten lassen, zum Wohl.

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5 Kommentare on “Freinacht”

  1. Ich hatte am Anfang des Beitrags geraten, dass Freinacht etwas mit Schichtarbeit zu tun haben würde, eine Nacht in der nicht gearbeitet werden muss. Tja, daneben.

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  2. Achim sagt:

    Das mit den Gesetzen erklärt ein befreundeter Anwalt so, dass viele ursprünglich klare Vorlagen aus dem jeweiligen Fachressort zuerst in der Koalitionsdiskussion zu einem nicht mehr praktikablen „Kompromiss“ verhackstückt werden mit dem vorrangigen Ziel, nicht etwa der Staatsverwaltung eine klare Ansage zu machen, sondern der jeweiligen Klientel Befriedigung zu verschaffen. Anschließend geht das ganze in die Ausschüsse, wo noch einmal geholzt wird, damit möglichst viele Duftmarken hinterlassen werden. Die Ausführungsvorschriften macht dann ein armer Ministerialbeamter unter hohem Zeitdruck, damit das Werk auch pünkltich in Kraft treten kann. Die Gerichte müssen’s nachher aufräumen.
    Ich erlebe das ähnlich an der Uni, an der ich arbeite. Das Schlimmste, was einem Satzungsentwurf passieren kann, ist das Hineinstimmen von Änderungen durch den Akademischen Senat, anstatt den Entwurf mit Arbeitsaufträgen an Präsidium und Verwaltung zurückzugeben.

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  3. Das Wort „Freinacht“ kenne ich aus dem Rheinland in einer anderen Bedeutung, nämlich als die Nacht vor dem 1. Mai, in der nicht nur der Maibaum aufgestellt und bewacht wird, sondern in der von den jungen Burschen allerhand Schabernack getrieben wird, beispielsweise Fensterläden ausgehängt werden – wie hier auch erklärt wird https://de.wikipedia.org/wiki/Freinacht

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  4. Lo sagt:

    Freinacht?
    Könnte auch die Nacht von Freitag auf Samstag sein 😉

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  5. gnaddrig sagt:

    @ Tanja: Hätte natürlich sein können…

    @ Achim: Leuchtet ein. „Duftmarken hinterlassen“ ist in dem Zusammenhang sehr schön gesagt 🙂

    @ Jules: Glaube ich gern, aber das läuft nicht unter dem Begriff, und ich weiß nicht, ob im Rheinland die Regeln der gastgewerblichen Bewirtung für diese Nacht geändert werden (müssen). Das Schöne ist ja gerade die Formulierung, mit der der Sachverhalt beschrieben wird, wann, wo und wie das Ereignis selbst stattfindet ist dafür nicht so wichtig 😉

    @ Lo: Oder von Donnerstag auf Freitag.

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