Ellenbogengesellschaft

Immer wieder gibt es Werbeanzeigen für Notebooks, Internetprovider, Immobilienportale o.ä., wo eine glückliche Benutzerin oder Kundin dem Publikum vormacht, wie toll das alles ist. Ein typisches Szenario: Junge Frau liegt auf dem Bauch, die Ellenbogen aufgestützt, das Notebook vor sich und strahlt den Bildschirm oder die Kamera an. Gerne wird das in einem leeren, sonnendurchfluteten Zimmer auf glänzendem Parkett arrangiert, manchmal auf einem Designersofa, gelegentlich auch auf einer Terrasse, auf dem Rasen oder am Strand.

Gibt es überhaupt jemanden, der in dieser Position tatsächlich mehr als fünf Minuten surft? E-Mails liest und beantwortet? Sich gar ganze Filme so anschaut? Kann ich mir kaum vorstellen, dazu ist es doch viel zu unbequem. Da tun mir jedenfalls in Nullkommanix die Ellenbogen und der Rücken weh, und ich kriege einen steifen Nacken. Könnte ich nicht.

Schon als Kind habe ich es selten mehr als ein paar Minuten so ausgehalten (schlimmer ist nur Schneidersitz). Und wenn man sich auf die Ellenbogen stützt, ist die Bewegungsfreiheit der Arme deutlich eingeschränkt, da dürfte es dann eher anstrengend sein, den Touchpad zu bedienen, vom Tippen auf einer normalgroßen QWERTZ-Tastatur mal ganz abgesehen. Außerdem ist es auf dem Fußboden auf Dauer oft recht kühl. Alles in allem eher ungemütlich.

Und so problemlos und schnell, wie man suggerieren will, läuft es ja dann doch oft nicht. Da liefern Suchen zu viele oder zu wenig Ergebnisse und verursachen so weitere Navigiererei, da brechen Verbindungen ab, ist der Weg zur Buchung dann doch etwas hakelig, will der Händler noch die Sicherheitszahl von der Kreditkarte, wofür man dann doch extra nochmal aufstehen muss – man muss damit rechnen, dass man nicht ans Ziel kommt, bevor es nervig wird, sogar wenn man kein Problem damit hat, länger auf dem Bauch zu liegen.

Es gibt noch die andere Variante: Jemand sitzt mit Notebook auf dem Boden, den Rücken irgendwo gegengelehnt. Entweder findet das ganze auf einem Bootssteg statt, ein Pfahl dient als Rückenlehne. Oder der urbane Erfolgsmensch sitzt in seinem minimalistisch eingerichteten Loft auf dem Boden und lehnt sich gegen einen Stahlträger oder gegen die nackte Wand. Oder er macht auf Naturliebhaber und lehnt an einem knorrigen Baum.

Das ist alles wohl nicht ganz so unrealistisch wie die erste Variante, wo man auf dem Bauch liegt und die Ellenbogen aufstützt. Eine Mittagspause lang kann man das schon machen. Warum man das tun sollte und ob man das will, ist eine andere Frage.

** * **

Meine Reaktion auf solche Werbung ist jedenfalls nie das wohl beabsichtigte Oh-Klasse-das-will-ich-auch. Ich denke mir dabei meist Dinge wie: Was gibt es da so dämlich zu grinsen? Wer legt sich denn zum Internetsurfen auf den Boden, warum sollte man das wollen? Und glauben die echt, dass das jemand so nachmacht, bloß weil ein Werber ein Model in so einer Pose abgelichtet hat? So toll kann ein [beworbenes Gut hier einsetzen] nicht sein, dass man in dem Maß da eintaucht und alles um sich vergisst. Veralbern kann ich mich auch selber, dazu brauche ich keine hirnlose Werbung.

Diese Art Werbung ist für mich ganz sicher kein Grund, das so beworbene Gerät anzuschaffen oder das beworbene Angebot in Anspruch zu nehmen. (Obwohl: Ich würde es auch nicht extra nicht kaufen, bloß weil auf diese Art dafür geworben wird – das Gerät kann ja gut sein, obwohl die Werbung dämlich ist. Die Art Trotz – obwohl manchmal verständlich – wäre ja doch ziemlich kindisch.) Auch würde ich mich zum Internetsurfen kaum je freiwillig irgendwo auf den Bauch legen oder dabei dämlich-fotogen meine Tastatur anhimmeln. Passiert nicht.

Soweit es mich betrifft, ist diese Art Werbung jedenfalls völlige Geldverschwendung. Aber mich fragen sie ja nicht, bevor sie ihre Reklamebildchen komponieren. Stattdessen fragen sie Leute, die – sagen wir – offiziell mehr von sowas verstehen, und dann kommt doch bloß solcher Mist dabei heraus…

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15 Kommentare on “Ellenbogengesellschaft”

  1. Ich mag es eigentlich, wenn ich nach 2 Sekunden merke, dass ich nicht Zielgruppe einer Werbung bin. Dann fühle ich mich sicher, dass ich nicht durch psychologische Spielchen, die zu durchschauen ich zu naiv bin, dazu verleitet werden soll, etwas zu kaufen, das ich weder brauche noch haben möchte.

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  2. gnaddrig sagt:

    So habe ich das noch gar nicht gesehen. Hast aber recht 🙂

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  3. Hihi, so ein Notebook-auf-Rasen-Bild hab ich tatsächlich mal auf der Elster-Website gefunden, weil der Deutsche natürlich so seine Steuererklärung macht … Schau mal hier: https://buggisch.wordpress.com/2013/05/16/ach-und-ubrigens-7-messenger-eine-erfindermetropole-sinnlose-symbolbilder-und-die-blues-brothers/

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  4. gnaddrig sagt:

    Genau so ist es, wir kriegen uns gar nicht mehr ein, weil es so Spaß macht 😀

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  5. Prima! Die Botschaften der arrangierten Bilder zu befragen, ist gewiss ein gute Methode, sich den Verlockungen der Werbung zu entziehen. Ich ertappe mich in letzter Zeit dabei, dass ich Werbebotschaften laut hinterfrage, beispielsweise „Ich paarshippe jetzt!“ und ich so: „Ach ja, und warum sollte mich das kümmern?“

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  6. gnaddrig sagt:

    Stimmt, die erklären nie, inwiefern das für den Betrachter relevant ist. Und überhaupt, so locker dahingeworfene Aussagen sind verdächtig. Bei Parship: Was heißt „verlieben“? Was heißt „über Parship“? Was heißt „alle 11 Minuten“? Und vor allem: Wieviele „Abschlüsse“ kommen dabei heraus, also Beziehungen oder wenigstens von beiden Teilnehmern positive bewertete Treffen? Bei genauem Hinsehen dürfte von der Aussage nicht viel übrigbleiben.

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  7. eb sagt:

    Ja, – gute stilvolle Werbung gehört schon lange der Vergangenheit an. Sinnigerweise ist die ja auch zur Funktionalisierung des kategorisierbaren Verarbeitens von Klischees bzw. dessen rationalisierender Methodisierung verkommen. 0achtfuffzen Müll für 0achtfuffzehn Konsumenten mit modularen Klischeeblöcken. Verlockung, – heißt hier allenfalls noch Gartenzwerge für Reihenhäuser. Lässt sich bedingungslos auf alle Sparten dieses Metiers assoziieren, – selbst noch im PR-Management von politischen Parteien.

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  8. gnaddrig sagt:

    Modulare Klischeeblöcke ist nett und treffend 🙂

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  9. Yadgar sagt:

    In Zukunft, wenn 99,8 % der Bevölkerung den BrainLink-Surfchip in der Rübe haben (weil ist ja cool und haben heutzutage alle und man muss ja mithalten, prollerolleroll…) gibt es keine Werbespot mehr, sondern die Kaufimpulse werden individuell passgenau direkt ins entsprechende Gehirnzentrum geschossen! Cool, wa?

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  10. gnaddrig sagt:

    Absolut. Kennste Red Dwarf? Da gibt es Memory-Chips statt Lernen in der Schule.

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  11. Yadgar sagt:

    @gnaddrig, 01.02.2017 um 16:27 Uhr

    …und diesen Werbemüll kriegen wir (jedenfalls in städtischen Umgebungen) draußen auf Schritt und Tritt in die Köpfe geplärrt, man kann keine 50 Meter weit gehen, ohne dass einen ein Plakat mit Reklame für Lullen/Alk/Privatfernseh-Schrott/fette SUVs anbrüllt – der Soundtrack dazu müsste verschissener Eurotrash-Kirmestechno sein, ummmz-ummmz-ummmz-ummmz, buy me, buy me, buy me, buy me, buuuuuuyyyyy meeeeeeeeee…

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  12. gnaddrig sagt:

    So wird’s aussehen. Oder, eine Gerätegeneration weiter, wird die Kaufentscheidung gleich direkt in die Neuronen geschossen, da wirst Du gar nicht mehr gefragt, sondern Du kaufst maschinengesteuert, was Du finanzieren kannst. Da wird Dein Geschmack gesteuert und Deine Kaufkraft punktgenau abgeschöpft…

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  13. Achim sagt:

    Zu Parship gibt’s hier Aufklärung: http://bit.ly/2jEHUqa

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  14. gnaddrig sagt:

    Gut, dass das auch geklärt ist 🙂

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  15. Yadgar sagt:

    @gnaddrig, 02.02.2017 um 16:37 Uhr

    …bis dahin wird es aber sicherlich auch eine neo-ludditische militante Anti-Computer-Bewegung geben, nennen wir sie mal „Data Haram“… die jagt dann Internetknoten in die Luft, fackelt Applestores ab, schickt ganze Armeen vermummter Mountainbiker in die Städte, die den Smombies die Wischwanzen aus den Händen reißt und sie knirschend zertritt… vielleicht massakriert sie allerdings auch Programmierer und Softwareentwickler, richtet Blutbäder in Informatik-Vorlesungen an, das fände ich dann definitiv kontraproduktiv! Mit Gewaltorgien verschafft man sich keine Sympathien, es sei denn, eine Gesellschaft ist etwa so verroht wie das heutige Afghanistan oder Deutschland gegen Ende des 30jährigen Krieges… aber dann dürfte sie andere Sorgen als grassierende Hyper-Digitalisierung haben!

    Vielleicht muss die zukünftige Anti-Computer- bzw. Anti-Internet-Bewegung auch gar nicht militant sein, vielleicht reicht es, wenn sich immer mehr (vor allem jüngere) Menschen aus dem Netz zurückziehen beziehungsweise sich erst gar nicht „anfixen“ lassen von Fratzenbuch & Komplizen… die gehen dann in die Wälder, leben von selbstgezogenen Kartoffeln, lesen Bücher, singen vieltausendversige Epen auswendig. Im Internet würde man davon allerdings wenig bis überhaupt nichts mitbekommen, da sich diese „Generation Offline“ wohl konsequent der Vereinnahmung durch Internet-Medien verweigern würde… es wäre eine regelrechte Gegengesellschaft, aber nicht wahnhaft und faschistoid wie irgendwelche „Reichsbürger“, sondern eher wie die Alternativbewegung der 70er und frühen 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts!

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