Knapp

Egal wo man im öffentlichen Raum unterwegs ist, irgendwo bimmelt immer ein Handy. Seit ein paar Monaten haben gefühlt neun von zehn Leuten diesen kurzen gepfiffenen Triller als Benachrichtigung für SMS/Whats App/E-Mail/Facebook, und da alle immer wie behämmert kommunizieren trillert es aus allen Richtungen. Dann sind da die mit ihrem aktuellen Lieblingslied als Klingelton. Irgendwas aus den Charts, fast immer zu laut und darum verzerrt.

Das ganze praktisch immer vor dem Hintergrund des Ohrhörergezischels von Leuten, die sich die Ohren per MP3 grillen und mich aus drei Meter Entfernung noch lauter beschallen als meine eigenen Ohrhörer, wenn ich die bis zum Anschlag aufgedreht einen halben Meter von meinen Ohren offen in der Hand halte.

Egal. Je lauter und nerviger das Gedudel der Handys, desto länger brauchen die Kommunikationshelden natürlich, bis sie merken, dass da ihr eigenes Telefon lärmt, bis sie es dann finden und es dann irgendwann hoffentlich schaffen, den vermutlich sowieso unnötigen Anruf entgegenzunehmen oder das unverzichtbare Statusupdate irgendeiner Bekanntschaft zu lesen oder was weiß ich. Erstaunlich oft passiert das auch in Besprechungen oder bei Vorträgen, wo es dann wirklich stört. Am besten, wenn es beim Referenten klingelt und der dann gleich ein paar Tweets absetzen muss, um den Weltsegen wieder geradezurücken.

So nützlich ich Handys finde, sie sind die Pest. Vor fünfzig Jahren haben Feinsinnige vermutlich ähnlich gallig über Kaugummikauen geschrieben. Egal. Ich weiß mich jedenfalls zu benehmen. Mein Klingelton ist vergleichsweise dezent und, sagen wir, abstrakt. Ich schaffe es auch allermeistens beim zweiten Klingeln schon ans Telefon, und bei allen anderen Gelegenheiten macht mein Handy nur kurz pieps und vibriert.

** * **

Elternabend. Ich komme ein paar Minuten zu spät. (Aus Gründen. Erst war mein Zug wegen technischer Fehler gut zehn Minuten zu spät, was das enge Zeitfenster noch weiter verengte. Dann musste ich zuhause statt Abendessen noch schnell ein aufgeschlagenes töchterliches Knie verarzten, bevor ich dann eilends aus dem Haus bin, mein improvisiertes Essen unterwegs verzehrend. Trotzdem reichte es nicht zur Pünktlichkeit. Egal. Pünktlichkeit ist fast so überbewertet wie diese eine Schauspielerin.)

Ich komme also ins Klassenzimmer, als die Veranstaltung schon angefangen hatte. Ich schleiche mich nach hinten zu einem leeren Platz, unter dem etwas säuerlich-strengen Blick der Klassenlehrerin, beobachtet von allen schon anwesenden Eltern und folge dem jetzt wieder aufgenommenen Vortrag.

Fünf Minuten später fällt mir siedendheiß mein Handy ein. Ich hole es unauffällig aus der Tasche und schalte es stumm. Kaum eine Sekunde nach dem entscheidenden Knopfdruck fängt es an zu vibrieren – irgendein Anruf. Das hätte um ein Haar voll ins Plenum getrillert und mich nach dem Zuspätkommen vollends blamiert.

Man muss halt die Technik im Griff haben Glück gehabt.

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4 Kommentare on “Knapp”

  1. Yadgar sagt:

    Der schönste Handy-Sound ist immer noch das splitternde Knirschen beim Zertreten der Wischwanze auf dem harten Bürgersteigbeton… so klingt Freiheit! Leider habe ich mir mittlerweile auch so eine Wischwanze (aka „Gestapo für die Hosentasche“ – kein Witz, so hat kürzlich ein „Zeit“-Feuilletonist die Dinger wirklich betitelt! Bei allem kritischen Bewusstsein für Datenschutz und Überwachungsgefahren – das ist nun wirklich eine Nummer zu groß! Ich habe noch nie von Leuten gehört, die von ihren Smartphones gefoltert oder gar ins KZ verfrachtet werden…) angeschafft, da ich auf längeren Radtouren schon gerne ein Navigationsgerät hätte und ich nicht stapelweise Straßenkarten mitschleppen will, ach ja, und telefonieren soll damit gerüchteweise auch gehen…

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  2. gnaddrig sagt:

    Sind ja auch durchaus nützlich, die Dinger. Man muss halt mit umgehen können und manchmal ein bisschen Glück haben, dann lässt sich das sozialverträglich nutzen.

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  3. Achim sagt:

    Du meinst Veronica Ferres?

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  4. gnaddrig sagt:

    Warum sollte die mich anrufen?

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In den Wald hineinrufen

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