Gegen den Trend

Früher war alles Besser, oder? Keine Frage, weiß jeder. Alles wird Immer Schlimmer, kann jeder über 30 aus dem Stand unzählige Beispiele für anführen. Die Welt geht unaufhaltsam zugrunde, niemand schreibt mehr Briefe von Hand, man darf nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen, beim Zahnarzt muss man fast immer zuzahlen, die Jugend ist tätowiert, verlottert und respektlos. Wir werden nächstens sicher alle sterben. Richtig de-ra-ma-tisch werden wir scha-terr-re-bönn.

Früher war also alles besser. Alles? Nein, eine winzige, aber erfreuliche Ausnahme gibt es, man muss nur hinschauen.

Ein Pärchen um die Mitte dreißig im Supermarkt. Sie doziert im Brustton der Überzeugung, mit einer Mischung aus grimmiger Befriedigung und pharisäischer Geringschätzung der Unerleuchteten über das so lange ersehnte Ende der unseligen Pils-Monokultur. Des finsteren Zeitalters, da Fußballfans und Wochenendgrillteutonen mit freundlicher Unterstützung der Fernsehbierbrauer ihren entsetzlich unterkomplexen Massengeschmack zum Maß der Dinge soffen.

Früher habe man in Deutschland ja entweder Pils oder Weizen getrunken und Schluss. Sonst gab’s nix. Gar nix. Er nickt wissend. Das sei ja absolut armselig gewesen, voll die Wüste in Sachen Bierkultur, peinlich bis dorthinaus, wenn man sich anschaut, was es in Belgien für tolle Biersorten gibt. Er nickt wieder, bringt zaghaft Kölsch und Bockbier ins Spiel, das habe sich ja auch einer gewissen Verbreitung erfreut. Sie akzeptiert das widerwillig, obwohl das doch allenfalls lokalpatriotische Sonderlocken gewesen seien, Tropfen auf dem heißen Stein, völlig zu vernachlässigen.

Jetzt dagegen, macht sie eine ausladende Geste in Richtung des für einen gewöhnlichen Supermarkt recht gut sortierten Bierregals mit seinen (zusätzlich zum bundeseinheitlichen Standardsortiment) vielleicht zwei Dutzend Sorten Bier, sei das ja zum Glück viel besser.

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20 Kommentare on “Gegen den Trend”

  1. „Früher war alles besser“ ist eine Alterserscheinung. Kann ich voll bestätigen, denn je älter ich werde, umso mehr glaube ich auch an den Untergang der Zivilisation.
    Wehmütig schaue ich mir Bilder auf Retro-Blogs an, mit Tränen in den Augen.
    Ich sehe mir den „Kleidungs-Stil“ der Jungen Menschen an und möchte sofort Aufgrund Fremdschämens im Boden versinken.
    Verdammt!
    Aber es gibt ein Gegenmittel: Alkohol, was anderes ist ja verboten…

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  2. gnaddrig sagt:

    Ah, damit wäre auch gleich geklärt, wo die Craft-Beer-Welle herkommt. Alles alte Säcke, die eine Ausrede brauchen, ordentlich einen zu heben. Zur Tarnung haben sie übereifrigen Hipstern erzählt, dass Pils doof ist und man mit neuen Hopfensorten rumprobieren muss, et voilà…

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  3. Früher war mehr Lametta!

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  4. Snorke sagt:

    Früher war nicht alles besser, der Mensch neigt dazu, schlechte Erinnerungen zu vergessen, so dass die Vergangenheit schöner erscheint, als sie ist. Diese schlechten Erinnerungen beziehen sich aber auf den persönlichen Alltag, nicht auf die ganze Welt, so haben meine Großeltern gesagt, ihr Leben war früher besser, haben aber gleichzeitig über 3. Reich und Krieg geschimpft, was keinen Widerspruch darstellt.

    Im dem Zusammenhang fällt mit was ein:
    Fanta warb 2015 zum 75. Geburtstag mit dem Spruch „Gute alte Zeit“ im Werbespot, musste dann aber viel Kritik hinnehmen, da die Gründung 1940 im Krieg stattfand. Andererseits kommentierten Leser in den Onlinezeitungen oder diversen Foren, dass diese Kritik ja völlig überzogen wäre.

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  5. Lakritze sagt:

    Tihi. Ich dachte immer, ich mag kein Bier; dann bekam ich ein Glas Imperial Stout vom Brewbaker … Am besten finde ich, daß winzige Brauereien den Großen richtig Angst machen können. Sogar Anheuser-Busch-Inbev und die anderen Riesen bringen jetzt Craftbiere heraus, aber die interessanteren Sachen findet man bei den Kleinen.

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  6. Lakritze sagt:

    Oh, und mir fällt noch was ein, was besser(TM) ist: Carsharing! Wenn’s das vor dreißig Jahren schon gegeben hätte, ich hätte nie ein Auto besessen.

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  7. gnaddrig sagt:

    Tatsächlich gibt es mehr als Pils und Weizen auf der Welt, da ist vermutlich für fast jede was dabei. Das Richtige zu finden ist aber wohl nicht immer einfach.

    Mir geht es so, dass ich vier von fünf Craft-Bieren untrinkbar finde. Wenn auf dem Etikett irgendwas von neuen Superaromahopfensorten steht oder sie den Hopfen irgendwie innovativ ins Bier einbringen, ist das erfahrungsgemäß nichts für mich. Praktisch alles, was ich in der Richtung ausprobiert habe, hatte dieselbe Art dünner metallischer Bitterkeit. Dass man die angepriesenen Blaubeer-, Rosinen- oder Kaffeenoten durchaus rausschmecken konnte hilft mir da auch nicht weiter. Aber wems gefällt, bitteschön.

    Und Carsharing ist tatsächlich besser, zumindest wenn man in einer einigermaßen großen und gutausgestatteten Stadt wohnt. Ich bin jedenfalls froh, deshalb kein eigenes Auto haben zu müssen.

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  8. Yadgar sagt:

    Ja, frrrrrüher, da konnte man noch in schicken schwarzen BOSS-Uniformen (siehe deutschen Wikipedia-Artikel zu Hugo Boss!) Zyklon B in Gaskammern werfen und sich danach, ungerührt von den Todesqualen der dreitausend Menschen drei Meter unter einem, in aller Seelenruhe eine Zigarette anzünden, außerdem gab es für diesen aufopferungsvollen Dienst an der arrrrrrischen RrrrrrrraSSe immer eine Extraration Cognac… während heute in der Arbeitswelt ja nur noch Eiapopeia-Gutfotzengeschwuchtel stattfindet und weit und breit keine wahrhaft herrrrrroischen Aufgaben mehr auf den Doitschen Mann warten!

    Frrrrrrüher, da konnte man seinem Weib, wenn es nicht spurte, in Ausübung hausväterlicher Gewalt das Gesicht blutig schlagen, wie es die HEilige BIbel, das unfehlbare WOrt GOttes befiehlt… und ab und zu wurden sogar besonders ungehorsame Weiber öffentlich auf Scheiterhaufen verbrannt, hei, wie lachte dem rechtschaffenen Christen das Herz ob dem Prasseln der Flammen!

    Frrrrrrüher, da waren die Winter noch echte Winter, da gab es Verdunkelung, Fliegeralarm und Lebensmittelrationierung auf 1000 Kilokalorien am Tag, da kamen Bären und Wölfe noch bis in die Städte und sorgten für gesunde Ausmerrrrrrrrze von Schwächlingen und Kränklingen!

    Ja, frrrrrrrüherrrrrrrr warrrrrrr alles besserrrrrrrrrr!

    Heil, heil, heil!!!

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  9. Yadgar sagt:

    @Lakritze, 17.02, 8:04 Uhr
    “ Sogar Anheuser-Busch“

    Igitt! Ich bin ja so schon kein Biertrinker, aber diese parfümierte Ami-Plörre, die mir vor schätzungsweise 15 Jahren mal vorgesetzt wurde, geht gar nicht!

    Was ich dagegen gerne mal probieren würde ist Lagidze-Wasser, diese legendäre georgische Estragonlimonade… leider hat der Osteuropa-Lebensmittelmarkt hier in der Gegend vor einiger Zeit dicht gemacht! Aber es gibt ja auch noch „Wostok“, das Relaunch…

    Bis bald im Khyberspace!

    Yadgar

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  10. Lakritze sagt:

    @gnaddrig: Stimmt natürlich, die Experimente muß man nicht mögen. Aber auch ein Pils kann gut schmecken, wie ich gemerkt habe, wenn es gut gemacht ist. Doch, da gibt es Unterschiede.

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  11. Lakritze sagt:

    @Yadgar: Anheuser-Busch ist überall: Beck’s, Diebels, Franziskaner, Haake-Beck, Hasseröder, Löwenbräu, Spatenbräu. Und weltweit natürlich noch viele mehr, sagt Wikipedia. Der Rest der großen Marken kommt von bloß einer Handvoll weiterer Riesen … Georgischer Estragon? Klingt abenteuerlich!

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  12. gnaddrig sagt:

    @ Lakritze: Gegen Pils habe ich gar nichts, das ist nach wie vor meine bevorzugte Darreichungsform von Bier, auch wenn ich da nicht mehr ganz so eingleisig fahre wie früher. Und ja, es gibt auch bei Pils Unterschiede, erhebliche sogar, dafür muss man nichtmal irgendwelche exotischen Experimentalgebräue bemühen. (Die Äußerungen der Dame am Bierregal fand ich auch etwas überzogen.)

    Die Experimentiererei gefällt mir sehr. Allzuviel Einheitsbrei ist nie gut, egal auf welchem Gebiet. Die sollen nur ausprobieren, was geht, auch wenn ich vieles nicht mag, was die dann raushauen. Anderen schmeckts und ich muss ja nicht. Aber seit auch normale Supermärkte anfangen, mehr als das Normalsortiment anzubieten, kann man mit vertretbarem Aufwand Biere ausprobieren, an die man sonst kaum drankäme, teils Craft-Biere, teils auch einfach regionale oder ausländische Biere. Ich habe dabei schon ein paar nette Sorten entdeckt, die ich jetzt eigentlich nicht missen möchte.

    @ Yadgar: Ich nehme an Du meintest Budweiser? Das ist auch eher blass. Estragonlimonade klingt aber interessant. Ich könnte sonst noch (russischen) Birkensaft ins Rennen schicken. Und Kwas, sehr erfrischend, wenn man die richtigen Sorten kennt…

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  13. Lakritze sagt:

    gnaddrig, es gibt Sorten von Kwas? Ich bin fasziniert! Hach!

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  14. gnaddrig sagt:

    Absolut, geh mal in nen russischen Supermarkt (eine Kette ist Mix Markt, die haben zwei, drei Regalmeter Kwas. Vieles nur Limonade mit Kwasgeschmack, aber es gibt auch richtigen Kwas dort.

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  15. Yadgar sagt:

    Zwei Dinge waren früher (60er/70er Jahre) oder früher (80er Jahre) aber auf jeden Fall besser:

    – Afghanistan war problemlos bereisbar, wenn man die passende Kondition hatte sogar mit dem Fahrrad (60er/70er Jahre)
    – Computer und ihre Betriebssysteme waren noch so klein und überschaubar, dass ein einzelner Programmierer sie mindestens theoretisch vollständig beherrschen konnte! (80er Jahre)

    Ach, hätte ich doch einen Pkw-Führerschein und das Kleingeld für einen DeLorean DMC-12 (mit Fluxkompensator natürlich)!

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  16. gnaddrig sagt:

    Und Fotoapparate konnten noch ohne Batterie betrieben werden 😉

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  17. kiddothekid sagt:

    Als ich noch nicht gegen allen möglichen Scheiß allergisch war, habe ich gern Coors Light getrunken. Das gab es quasi jahrzehntelang nur unter großen Mühen im deutschen Einzelhandel zu erwerben. Niemand konnte es je verstehen, warum ich unbedingt eine Ami-Mainstream-Plörre in Light trinken wollte, die nirgends erhältlich war. Mein Gatte sah mich befremdlich an, als ich das Zeugs in Kalifornien zu jeder Mahlzeit außer dem Frühstück bestellte.

    Jetzt käme ich leichter ran, kann’s aber nicht mehr trinken. Hach ja.

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  18. gnaddrig sagt:

    Sowas ist ärgerlich – wenn man endlich drankommt verträgt man’s nicht mehr.

    Und sollen sie schräg schauen – wenn Dir das Zeug schmeckt, ist das doch gut für Dich und egal für den Rest. Ich unterstelle mal, dass Du normalerweise nicht allen in Sichtweite dasselbe Bier aufgedrängt hast. Nervig werden abweichende Geschmäcker meistens höchstens dann, wenn deren Vertreter allzuviel Sendungsbewusstsein entwickeln…

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  19. Yadgar sagt:

    @gnaddrig:
    „wenn man endlich drankommt verträgt man’s nicht mehr.“

    Hmmm… ich frage mich, wie das wohl wäre, wenn ich es wirklich einmal nach Japan schaffen sollte, wo Sushi nicht wie hierzulande ein Luxusessen ist, sondern die Portion nur ein Viertel dessen kostet, was man hier bezahlt – und das bei ansonsten deutlich höheren Lebenshaltungskosten. Wie lange könnte ich es ertragen, mich von nichts als Sushi zu ernähren? Bis mir die Kanjis in den Augen stehen (das würden sie schon nach wenigen Stunden Tokio sowieso tun)? Oder bis ich nach dem 112. Schälchen vom Kaiten-All-you-can-eat-Fließband schlicht geplatzt bin wie der Fettwanst in Monty Pythons „Der Sinn des Lebens“, mit einem ohrenbetäubenden Knall und Dutzende Meter weit spritzendem glitschigen Eingeweide-Schmadder?

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  20. gnaddrig sagt:

    Yadgar, Du musst es doch nicht gleich übertreiben 🙂 Aber stimmt schon, ein bisschen Verknappung hält die Nachfrage hoch und was man nicht immer ganz einfach kriegt bleibt attraktiv. Oft.

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