Ausgänge, Ereignisse, Erfolge

Das lateinische Verb succedere hat mehrere Bedeutungen. Eine davon ist vonstattengehen, gelingen, glücken. Dazu gibt es das lateinische Substantiv successus – Erfolg. Daher stammt auch das englische success – Erfolg. Dieses Wort gibt es auch im Spanischen: suceso, das hat aber die Bedeutung Ereignis, Geschehnis, Vorfall.

Diese Bedeutung leitet sich ebenfalls aus dem Lateinischen successus ab, nur ist hier das Vonstattengehen in den Mittelpunkt gerückt, während sich im Englischen das Gelingen als zentrale Bedeutungskomponente erhalten hat.

Erfolg gibt es natürlich auch auf Spanisch, heißt éxito. Das stammt vom Lateinischen exitus, – das Hinausgehen, Ausgang, Ablauf, Lebensende, Schicksal, Resultat, Erfolg, hängt zusammen mit dem Verb exigere – (u.a.) vergehen, ablaufen, zu Ende gehen. Im Spanischen hat sich v.a. die Bedeutung glücklicher Ausgang, Erfolg erhalten, im Englischen exit eher das Lebensende und der Ausgang (im Gegensatz zum Eingang).

Das illustriert in meinen Augen sehr schön, dass Lateinkenntnisse beim Fremdsprachenlernen nur sehr bedingt von Vorteil sind. Latein hilft nicht einmal wirklich beim Erlernen romanischer Sprachen, genausowenig beim Englischen, dessen Wortschatz etwa zu einem Drittel lateinischen/romanischen Ursprungs ist. Zu wissen, dass success, suceso, exit und éxito lateinische Wurzeln haben, ist nett, aber irrelevant. Die zugrundeliegenden lateinischen Vokabeln zu kennen ist ebenfalls nett, aber irrelevant. Als Geheimsprache unter Nerds könnte es interessant sein, dazu muss man aber die richtigen Leute kennen.

Die Entwicklung von Wortbedeutungen unterliegt Einflüssen, die niemand kennt, nur weil er mal die betreffende Sprache gelernt hat. Sogar wenn ich Vergil, Ovid oder Horaz ohne Wörterbuch lesen (und richtig verstehen!) könnte, wenn ich wie Cicero auf höchstem Niveau rhetorisieren könnte und die brachialeren Register des Publikums von Trimalchio auch beherrschen würde, wüsste ich deshalb noch lange nicht, in welche Richtung sich die Bedeutung, Sprachebene und Verwendung egal welcher lateinischer Wörter entwickeln würden und warum sie das täten. Ich müsste beim Erlernen des Spanischen oder des Englischen auch die lateinbasierten modernen Wörter mit ihrer aktuellen Bedeutung einzeln lernen.

Lateinkenntnisse mögen das Verständnis für sprachliche Strukturen verbessern und einen Zugang zur systematisierten Beschreibung sprachlicher Zusammenhänge bieten, das kann aber beinahe jede Sprache leisten, die man nichtmuttersprachlich erwirbt. Mit der Antike und der europäischen Geschichte kann man sich auch ohne Lateinkenntnisse beschäftigen (die wenigsten Hobbyhistoriker werden die Quellen tatsächlich im Original lesen). Logisches Denken kann man ebenfalls ohne Latein trainieren.

Wer also (in Deutschland) nicht Theologie, Archäologie, Philosophie, Geschichte oder moderne Sprachen studieren will, hat keinen zwingenden Grund, Latein zu lernen. Wozu man übrigens zum Studium moderner Sprachen Lateinkenntnisse benötigt, verstehe ich nicht. Vielleicht ist das eine Art, wenig leidensbereite Anwärter auszusieben. Für das Studium der Rechtswissenschaften und der Medizin benötigt man übrigens kein Latinum mehr, da hat sich die Lateinlobby wohl nicht durchsetzen können.

Allein ästhetische Gründe könnte man anführen, aber alle meine Lateinlehrer haben leidenschaftlich versichert, sich eigentlich vor allem für Altgriechisch interessiert zu haben. Das sei als Sprache viel eleganter und schöner als Latein, nur gehe Altphilologie ohne Latein nicht und so habe man in den sauren Apfel gebissen und den Umweg über Cäsars Krieg in Gallien genommen…

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15 Kommentare on “Ausgänge, Ereignisse, Erfolge”

  1. Das Niederländische „succes“ bedeutet auch Erfolg. Und nebenbei: Als Typograf schätze ich das Lateinische, weil fast jede Schrift an einem lateinischen Text gut aussieht. Da zeigt sich, dass die Formen unserer Buchstaben für das Lateinische gemacht sind.

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  2. gnaddrig sagt:

    Das mit der Typografie stimmt natürlich. Polnisch liest sich in kyrillischer Schrift auch leichter als in dieser mit diakritischen Anhängseln überladenen nicht-mehr-wirklich-lateinischen…

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  3. gnaddrig sagt:

    Was mir grad einfällt, im Deutschen gibt es auch einen Abkömmling von succedere: sukzessiv, das noch eine andere Bedeutungskomponente der lateinischen Wurzel aufgreift.

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  4. Achim sagt:

    Genau die Tatsache, dass sich die alten lateinischen Wörter im Laufe der Jahrhunderte bei ihrem Zug durch andere Sprachen so verändert haben, zeigt doch nur, wie degeneriert unsere Sprachen sind! Keiner drückt sich mehr korrekt aus!!!EinsDrölf!

    Solche Meinungen sind weiter verbreitet, als man so denkt. Erst neulich in meinem Italienischkurs beklagte sich eine Teilnehmerin darüber, dass es im Deutschen keinen Konditional „mehr“ gäbe (genau, alles geht den Bach runter, keine Bildung mehr). Mein Einwand, dass es ihn nie besessen habe, wurde vom Tisch gewischt. Angeblich war sie auf dem altsprachlichen Gymnasium. Na, dann wüsste sie ja, dass der Konditional eine vulgärlateinische Erfindung ist und dem schönen Konjunktiv II Verwendungen geraubt hat 😉

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  5. Ich bin, trotzdem ich Deinem Text zustimme, froh, Latein gelernt zu haben, weniger des Lateinlernens wegen, als weil ich glaube, dass man dabei gut das Lernen und Denken lernen konnte. Kapiert habe ich das natürlich auch erst Jahre später. Rückblickend wäre eine moderne Sprache tatsächlich nachhaltiger und nützlicher gewesen. Letztenendes ist es aber vielleicht oft gar nicht so wichtig, welche Inhalte genau wir in der Schule lernen. Vorhersehen, was wer wann in seinem Beruf mal braucht kann eh keiner im Detail. Aber dass wir denken und lernen und analysieren lernen, das ist in allen Berufszweigen wichtig. Und dafür können auch Latein oder die vielgescholtene Gedichtanalyse taugen, auch wenn es für die meisten keinen praktischen Wert hat, noch 20 Jahre später Walter von der Vorgelweide rezitieren zu können.

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  6. Wolf Niese sagt:

    Fern aller akademischen Reputation habe ich mir aber sagen lassen, dass man oder frau gut/besser mit Wissenschaften zurecht kommt mit einem Latinum.

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  7. gnaddrig sagt:

    @ Achim: Meine Rede, das geht Alles. Den. Bach. Runter! Und den Konjunktiv kann auch niemand mehr. Darum war ich ja auch so ein glühender, ahem, Verfechter der Petition „Deutsch ins Grundgesetz“ (Details hier)…

    @ Tanja: Das sehe ich ungefähr ähnlich. Ich will mein Latein trotz allem auch nicht missen, glaube aber, auch ohne Latein nicht unglücklich geworden zu, äh, wären (fehlt da eine sinnvolle Form im Deutschen?), also, dass ich auch ohne nicht unglücklich geworden wäre. Oder dass ich mit fast egal welcher anderen Sprache ähnliche Lern- und Einsichtseffekte gehabt hätte.

    @ Wolf Niese: Kommt drauf an, welche Wissenschaften. Bist Du von der MINT-Lobby? 😉

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  8. Wolf Niese sagt:

    @gnaddrig

    Na in der Medizin, in den Rechtswissenschaften, in der Biologie, in der Geschichtswissenschaft, in der Astronomie und Meteorologie wimmelt es von lateinischen Termini. Da ist man mit einem Latinum klar im Vorteil. Bin ganz neidisch.

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  9. gnaddrig sagt:

    Also, in der Medizin bringt einem das Schullatein sicher wenig bis nichts. Was man da büffeln muss, sind die Bezeichnungen für Knochen, Muskeln usw. sowie Vokabeln zum Beschreiben aller möglichen Krankheiten, Macken, Fehlfunktionen und Behandlungsmaßnahmen. Das hat man alles nicht in der Schule gelernt, und dass man mit Latinum schon ein paar Vokabeln draufhat (v.a. nichtmedizinische, mehr Hirtenflöte und Heldenkram und so) und die Grammatik einigermaßen beherrscht, macht das Auswendiglernen meiner Meinung nach nur sehr bedingt leichter. Es ist und bleibt ein grandioser Vokabelberg zum Auswendiglernen.

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  10. @Wolf Niese
    Kann ich jetzt so pauschal nicht bestätigen – ich bin wie gnaddrig es nennt „von der MINT-Lobby“ (Physik, Astronomie, Meteorologie). Im Physikstudium hilft (oder half zumindest damals) aber das Lesen und Schreibenkönnen griechischer Buchstaben ungemein.

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  11. Achim sagt:

    Latein fürs Studium? Nun, in Geschichte kommt es drauf an. Wenn man direkt an den Quellen arbeiten will, wird es je weiter man in der Vergangenheit gräbt, allmählich schwieriger, und spätestens wenn man im Mittelalter ankommt, sind die vollständig auf Latein. Nur ist Schullatein etwas anderes als Mittellatein, die Schreibknechte in den Klöstern damals haben ihren Cicero auch nicht studiert. Auch damals ging alles den Bach runter. Will sagen: Grammatisch nicht so schwierig, aber ein sehr spezieller Wortschatz. Ich habe das Ergebnis meiner Mittellateinklausur seinerzeit nicht abgeholt, sondern gleich das Nebenfach gewechselt.

    Ansonsten ist es rückblickend ein gewisser Vorteil, grammatische Begriffe an einer flektionsreichen Sprache einzuüben, und da ist Latein vielfältiger als Deutsch. (Isländisch oder Russisch würden Zweck aber auch erfüllen.) Nur ist das eine der Quellen des beschriebenen Missverständnisses: Man wird dazu verleitet, das lateinische Raster über die deutsche Grammatik zu werfen. Aus russischer Perspektive hingegen ließe sich die Degeneration der deutschen Sprache am Fehlen einer Aspektmorphologie festmachen 😉

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  12. gnaddrig sagt:

    Und im Gegenzug könnte man das Russische für degeneriert halten, weil es nur ein sehr rudimentäres System von Vergangenheitsformen hat und man alle möglichen Vor-, Gleich- und Nachzeitigkeiten durch Vokabeln ausdrücken muss statt, wie das im Deutschen üblich ist, durch Verwendung der korrekten Verbform 😉

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  13. Yadgar sagt:

    Mein Reden! Wer wirklich kewl sein will, der lernt (Reichs-)Aramäisch… oder gleich Avestisch! Zarathustra in der Originalsprache lesen zu können, das ist an Kewlheit nicht zu überbieten!

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  14. Achim sagt:

    @ gnaddrig 6.3.: Meine Mutter musste im Rahmen ihrer Gesprächskreise, Frauentreffs. pp. mit türkischstämmigen Einwanderern (als sie damit anfing, sagte man noch Gastarbeiter) bzw. vor allem der Frauen immer aufpassen wie ein Luchs, weil es im Türkischen keinen Konjunktiv gibt und man Meinungen, Vermutungen, Möglichkeiten etc. nicht mit Verbalmorphologie, sondern lexikalisch kodiert. Aus „Ich würde sagen“ oder „Man könnte es so machen“ wurde dann schnell „Frau S. hat gesagt“ und „wir werden es so machen“.

    Immer wieder ein spannendes Thema 😉

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  15. gnaddrig sagt:

    Ja, es ist überhaupt faszinierend, auf wie verschiedene Art man Sachverhalte sprachlich darstellen kann bzw. wie wild unterschiedlich die verschiedenen Sprachen so sind.

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