Überflüssig

Eben lese ich in Lobes Digitalfabrik, dass der High-Tech-Höhenflieger Elon Musk und der Historiker Yuval Noah Harari alle beide befürchten, der Mensch werde sich durch den technischen Fortschritt v.a. im Bereich künstliche Intelligenz selbst überflüssig machen. Wir stünden Gefahr, nicht mehr „die ausgefeiltesten Datenverarbeitungssysteme im Universum“ zu sein. Und das, meinen sie, mache uns dann überflüssig oder wenigstens irrelevant.

Das will mir nicht recht einleuchten. Soweit mir bekannt ist, hat die Menschheit insgesamt keinen definierten Daseinszweck. Das biblische seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht (…) beschreibt nur, was im Prinzip jede Spezies tut, weil und soweit sie es kann – anfangs irgendwelche Mikroben, später die Dinosaurier und jetzt eben der Mensch. Außerdem wäre das ein wenig visionäres Mandat – nach Erreichen des vollständigen Beherrschens gäbe es dann ja keine Ziele mehr, wir müssten nach vergleichsweise kurzem Anlauf nur immer den Status quo aufrechterhalten, und für die mehreren Milliarden Jahre bis zum Untergang des Sonnensystems ist das vielleicht ein bisschen langweilig. Keine neuen Ufer mehr. Kein Pferd, das nicht schon gestohlen wäre.

Egal, die Menschheit hat keinen bestimmten Daseinszweck, keinen besonderen Auftrag, sie existiert einfach. Vielleicht musste sich zwangsläufig eine intelligente Tierart entwickeln, die sich dann ungefähr so verhält, wie die Menschheit das tut. Aber wenn sich statt des Homo sapiens irgendein anderer Primat oder vielleicht eine Linie der Katzenartigen oder meinetwegen die gemeine Ratte zum intelligentesten Wesen des Planeten entwickelt und vergleichbare zivilisatorische und technische Höhen erklommen hätte, würde das genau gar keinen Unterschied machen – es wäre dann eben so. Genauso wie jetzt, nur anders. Die Erde würde sich jedenfalls genauso um sich und um die Sonne drehen wie sie das jetzt tut. Das Vorhandensein der Menschheit spielt da keine Rolle.

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Grundsätzlich mag es denkbar sein, dass Maschinen (natürlich mit menschlicher Hilfe) so weit kommen, dass sie sich selbst instandhalten, reparieren, konstruktiv verbessern und reproduzieren können, aber davon sind wir vermutlich noch sehr weit entfernt. Dazu müssten sie nämlich alles selbst beherrschen: Rohstoffe finden, abbauen, aufbereiten, zu den Bauteilen verarbeiten, die sie benötigen. Sie müssten High-Tech-Produktionsmittel konzipieren, bauen und betreiben, sie müssten ihre Aktivitäten soweit koordinieren, dass von allem genug produziert wird und es nirgendwo zu kritischen Engpässen oder Überkapazitäten kommt. Erst dann wäre die Menschheit für den Betrieb der Maschinerie überflüssig.

Das wäre wiederum für die befürchtete allgemeine Überflüssigkeit des Menschen egal, weil der Daseinszweck der Menschheit eben nicht das Betreiben technischer Geräte ist. Es wäre ziemlich absurd, wenn wir unsere Daseinsberechtigung vor allem daraus ziehen wollten, dass unsere Maschinen ohne uns nicht auf Dauer funktionieren können. Diese Art Relevanz und Unverzichtbarkeit ist so banal, dass es auch ohne geht. Der Maschinenpark ist für uns ja nur Mittel zu dem einen einfachen Zweck, besser und bequemer leben zu können, sonst nichts.

Wieso es dabei nun von irgendeiner Bedeutung für die Relevanz des Menschen sein soll, ob der Mensch tatsächlich das „ausgefeilteste Datenverarbeitungssystem im Universum“ ist oder ob er sich einen ihm in einzelnen (oder vielen oder meinetwegen allen) Aspekten überlegenen Rechenknecht gebaut hat, leuchtet mir schlicht nicht ein. Datenverarbeitungssysteme sind ja auch kein Selbstzweck. Wenn niemand da ist, der den Output so eines Systems konsumiert, ist die Datenverarbeiterei so sinnlos wie das Kreisen der Himmelskörper. Eine in Quarantäne ewig dahinrechnende Maschine ist irrelevant, weil ihre Rechenergebnisse niemanden interessieren.

Seit es auf der Erde Leben gibt, war immer irgendeine Spezies das „ausgefeilteste Datenverarbeitungssystem im Universum“. Dann hat sich eine andere Spezies weiterentwickelt und die Krone übernommen. Und dann wieder eine andere Spezies und wieder eine andere. Die als Spitzenreiter abgelösten Spezies sind deswegen nicht alle sofort vom Erdboden verschwunden, viele haben ihren Platz, ihre Nische, und ihre Nachfahren existieren immer noch. Dabei sind sie, so gesehen, auch alle überflüssig. Von keiner einzelnen Spezies hängt das Fortbestehen des Lebens auf der Erde ab.

Seit es Leben gibt verändern sich Ökosysteme immer wieder, teils drastisch, und passen sich an wild unterschiedliche Gegebenheiten an. Das Zusammenspiel der Arten mag sich durch die Evolution von Homo sapiens geändert haben, aber es gibt nach wie vor Platz für alle möglichen Lebensformen mit weniger ausgefeilter Datenverarbeitungsfähigkeit, bis hinunter zum Einzeller, bis zurück zum Urschlamm. Was zählt sind Überlebensfähigkeit, Anpassungsfähigkeit und Nischenfindigkeit, nicht so sehr Nutzen, und schon gar nicht Relevanz.

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Meiner Meinung nach ist das Problem mit der Technik nicht, ob sie den Menschen überflüssig macht, sondern ob und inwieweit sie zur Unterdrückung benutzt werden kann oder wird, zur Aufweichung und Abschaffung der Menschenrechte und der individuellen Freiheit. Lobe:

Es gibt eine Stelle in dem Buch, in der diese unheilvolle Demontage zum Ausdruck kommt. Der Liberalismus, schreibt Harari, werde „an dem Tag zusammenbrechen, an dem das System mich besser kennt, als ich mich selbst“. In Hararis beklemmender Vision stehen dereinst Werte wie Freiheit und Gleichheit zur Disposition. Worauf sollen Menschenrechte gründen, wenn sich der Mensch zum Cyborg aufrüstet und zu einer Maschine wird?

Technik kann zur Gefahr werden, wenn es nämlich zu überbordender Überwachung und übergriffiger Auflösung der Privatsphäre kommt, zusammen mit starkem Druck zur Anpassung an die offizielle Linie, das gesunde Volksempfinden, den Zeitgeist, was auch immer. Das Problem ist da aber nicht die Technik selbst, sondern die Menschen, die sie einsetzen (und ihren lückenlosen Einsatz erzwingen).

Elon Musk scheint dagegen eine ganz eigene Vorstellung einer egalitaristischen Gesellschaft zu haben. Der Techno-Utopist ist von der Idee beseelt, dass ein maschinenerweiterter Mensch zu mehr Gleichheit in der Gesellschaft führen könne. „Wenn wir diese Dinge machen“, sagte er auf der Konferenz „Superintelligence: Science or Fiction?“, „wird (das Breitband-Interface) an unser Bewusstsein angeschlossen, an unseren Willen, an die Summe des individuellen Willens, und wenn jeder es hätte, ginge es egalitärer als heute zu.“ So krude diese neurobiologische Beschreibung ist, sie lässt doch durchschimmern, wes Geistes Kind Musk ist: Von welcher Gleichheit redet er? Gleichheit in Bezug worauf? Wenn der Mensch im Internet der Dinge nur eine Maschine unter vielen ist, worauf vieles hindeutet, wäre gewiss Gleichheit hergestellt. Nur: Der Mensch würde zur Maschine und damit zum Objekt degradiert.

Dave Eggers skizziert in The Circle eine Welt, die einen großen Schritt in diese Richtung macht – allumfassende Überwachung aller durch perfektionierte soziale Medien, ungehemmter Beteiligungszwang am Gemeinschaftsleben durch gezielt erzeugten Gruppendruck, weitestgehende Abschaffung der Privatsphäre – alles ist immer öffentlich und wird unlöschbar archiviert – eine gruselige Vorstellung. So eine Welt gehört vermieden, nicht noch aktiv angestrebt. Darum finde ich Leute wie Musk brandgefährlich – die spielen mit dem Feuer und wissen es nicht oder wollen es nicht wahrhaben.

*** **

Dass man befürchten kann, dass künstliche Intelligenz irgendwann soweit hochgezüchtet wird, dass der Mensch die künstlich-intelligenten Maschinen dann nicht mehr beherrschen kann und in einer robotokratischen Dystopie endet, kann ich nachvollziehen. Dafür ist es übrigens egal, ob diese Maschinen eine Art Bewusstsein entwickeln und – wie auch immer definiert – absichtlich den Menschen unterwerfen, oder ob sie einfach das weitermachen, wofür sie geschaffen wurden und den Menschen dabei ignorieren wie der vielzitierte (doch nicht wirklich ganz so) smarte Kühlschrank, der bis ans Ende der Tage die eine Sorte Senf nachbestellt, die man einfach nur mal ausprobieren wollte und dann doch nicht mochte.

Wie wahrscheinlich solche Szenarios sind, weiß ich nicht, aber man kann sie wohl nicht ganz von der Hand weisen. Die aktuellen Fortschritte in Rechenleistung, künstlicher Intelligenz, Machine Learning, Speicherdichte usw. sind schwindelerregend und ein bisschen beängstigend. Dass man verhindern will, dass Maschinen das Regiment übernehmen, verstehe ich. Dass man befürchtet, dabei zu scheitern, verstehe ich auch. Aber das hat nichts damit zu tun ob oder inwiefern der Mensch überflüssig ist. Er wird dann nicht mehr oder weniger überflüssig sein als er das jetzt schon ist.

**** *

Natürlich: Ich lebe gern und möchte das auch noch eine ganze Weile weiter tun. Ich möchte das auch nicht allein tun sondern möglichst mit meiner Familie und meinen Freunden. Wie ich werden die allermeisten Leute einen Grund zum Leben haben, einen Zweck, Ziele, was auch immer. Aber die sind in ihnen selbst begründet. Außer ihnen selbst und ihren Lieben braucht niemand genau diese Menschen. Wenn es mich nicht gäbe und nie gegeben hätte, würde die Welt ganz genauso ihren Lauf nehmen. Das Muster an der Oberfläche wäre ein klein wenig anders, aber niemand wüsste das, weil er das andere (jetzt vorhandene) Muster nicht zum Vergleich dahätte.

Und wenn die gesamte Menschheit plötzlich im Nichts verschwände, würde uns jemand vermissen? Ja, ein paar Haustiere, das Vieh auf den Bauernhöfen. Aber sonst? Nein, wir sind als Spezies überflüssig und egal, und zwar ganz unabhängig von dystopischen Vorstellungen von übermächtigen Maschinen. Und wenn der eine oder andere Gott plötzlich ohne Gemeinde dastünde, könnte er sich das gewünschte Personal einfach neu schaffen. Das hat sich dem Vernehmen nach ganz gut bewährt, einen großen Reset hat die biblische Menschheit ja schon hinter sich.

Jedenfalls kann die Menschheit insgesamt sich nicht überflüssig machen, weil sie es schon ist. Das heißt nicht, dass der einzelne in seinem Umfeld  überflüssig oder irrelevant ist, aber das ist ein anderes Thema.

Ansonsten einfach mal wieder ein Stück Musik.

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6 Kommentare on “Überflüssig”

  1. Wolf Niese sagt:

    Die Menschheit kann ja für den Planeten Erde überflüssig sein, das Kreisen der Himmelskörper ist es nicht. Es sei denn, man definiert Sein als überflüssig. Kann man machen und damit eh alles relativieren.

    Die Vernetzung von Gehirn und künstlicher Intelligenz in medialer Omnibeobachtung? Da grusel ich mich mit. Eine robokratische Dystopie? Weit weg sind wir davon nicht mehr auch wenn (noch) Menschen Drohnen auf Menschen lenken.

    Die Spezies Mensch ist in der Evolution im Wettbewerb der Lebensformen ganz nach oben geklettert. Der Mensch ist ein Experiment der Evolution. Soll auch Experimente geben, die überflüssig sind. Je nach dem, welche zivilisatorisch-globalen oder re-nationalen Entscheidungen die Systeme wie verändern, wird der Planet Erde entscheiden, wie überflüssig die Spezies Mensch ist. Die Erde existiert noch ein paar Milliarden Jahre, so es das Universum will.

    Aaaaber wenn es den Gnaddrig nicht gäbe, würde meine Welt nicht ganz so genauso ihren Lauf nehmen. Weil ich nämlich jetzt vergessen habe, meinen Nachbarn den Kuchen zu bringen. Systemänderung ist ein Prozess, Selbständerung ist ein Prozess. Ich wehre mich dagegen, alle Prozesse von falschen Systemänderungen antiskeptisch mitzumachen und behaupte, wenn alle so drauf wären wie Gnaddrig, würde die Spezies Mensch nicht so hastig seinen Zenit überschreiten. 🙂

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke für die Blomen 🙂

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  3. Lakritze sagt:

    Der Mensch ist halt die einzige Spezies, die eine Geschichte braucht, um froh zu existieren. Religion haben wir gesamtgesellschaftlich hinter uns; jetzt ist die Arbeit dabei, über die Planke zu gehen. Gesundheit, Sicherheit, Wohlstand könnten noch eine Weile vorhalten; Gefühle natürlich. Aber dann?
    Das geunkte „überflüssig“ umschreibt die Befürchtung, wer nichts zu tun habe (im Sinne von: zur Wertschöpfung beiträgt), habe keinen Sinn im Leben; einerseits einfach: wer nix verdient, kann auch nix ausgeben, andererseits aber wohl auch: wer nicht durch Arbeit von der Beschäftigung mit sich selbst abgehalten wird, stellt vielleicht schnell fest, daß die Hölle nicht nur die anderen sind.

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  4. Solminore sagt:

    Ich glaube, es geht weniger darum, ob die Menschheit insgesamt überflüssig wird, sondern ob Menschen überflüssig werden. Woraus ziehen wir das Gefühl von Sinn? Von Erfüllung? Von Lebensreiz? Doch wohl von solchen Dingen wie: eine Aufgabe in der Gemeinschaft haben; sich einer Herausforderung stellen; etwas Schwieriges lösen; für Partner und Kinder verantwortlich sein; sich bilden, wachsen, Zufriedenheit in gelungener Arbeit finden, vielleicht sogar: ein Werk hinterlassen.

    Was aber tun wir, wenn uns diese sinnstiftenden Dinge von einem Roboter weggenommen werden? Wenn Maschinen unser Leben nicht erleichtern (denn dann bleibt ja immer noch etwas, zu dem die Erleichterung dient, das aber der Roboter nicht kann), sondern es an unserer Stelle führen? Wenn etwa Roboter geschickt darin sind, Säuglingsnahrung abzumischen und aufzuwärmen, dann ist das eine Erleichterung. Wenn aber Roboter besser als ein Mensch ein Kind insgesamt großziehen könnten — wie würde sich das wohl für die Eltern anfühlen? Erfüllend? Sinnstiftend, wenn eine Maschine stillt, wickelt, nachts rausgeht, um den schreienden Säugling zu beruhigen? Da schläft man durch, aber: Ist das ein Leben?

    Würden wir mit einem Roboter mitfiebern, der ein Tennismatch bestreitet oder auf den Mount Everest steigt?

    Oder die Kunst. Was wäre, wenn Roboter Symphonien komponieren könnten, deren Einfallsreichtum, Motivik, Harmonik und musikalischen Schönheit unerreichbar für Menschenwerke wären, aber trotzdem so, daß sie genau unsere Ansprüche befriedigen würden — könnten wir dann, aller Perfektion zum Trotz, uns davon, na ja, anrühren lassen? Als von etwas, das von unserer Daseinsverzweiflung spricht und uns für Momente davon erlösen kann? Durch das Werk einer Maschine? Eine Maschine weiß von unserer Verzweiflung nichts. Sie kann uns deshalb auch nicht trösten.

    Wäre es wirklich eine Erleichterung, wenn wir keine Kunst mehr machen brauchten? Wenn wir uns keine Geschichten mehr ausdenken müßten? Wenn wir überhaupt … nichts mehr müßten?

    Erleichterung wofür?

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  5. gnaddrig sagt:

    Japan, lese ich eben, geht schneidig voran auf dem Weg zur vollständigen Vernetzung der Gesellschaft. Gruselig…

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  6. […] Wir sind ja mittlerweile bei der vierten industriellen Revolution angelangt. Mit der ersten kam die Nutzung der Dampfkraft für Fabriken, mit der zweiten die Nutzung von elektrischem Strom in der Produktion, die dritte, „digitale“, brachte die Nutzung von Computertechnik zur Automatisierung, und jetzt basteln sie an der vierten, die Designer, Ingenieure und Konsumenten überflüssig machen soll, weil in der sogenannten Industrie 4.0 die Maschinen sich in Eigenregie selbst betreiben. […]

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