Interpretationen

Vermutlich seit es Musik gibt spielen Musiker die Stücke anderer Musiker nach. Die mittlerweile geradezu zombiehafte Fortexistenz des leidigen Greensleeves illustriert das sehr, naja, schön (Mark Twain lästert in A Connecticut Yankee at the Court of King Arthur ausgiebig über dieses Lied, sehr lesenswert übrigens).

Bis zur Erfindung der Tonkonserve war das praktisch die einzige Möglichkeit, von mehr als der handvoll Leutchen im direkten Umfeld gehört zu werden. (Gut, seit jemand mit der ersten Notenschrift herauskam, mutmaßlich im alten Ägypten, kann man Musik auch in Schriftform verbreiten und ist nicht mehr grundsätzlich auf die akustische Überlieferung von Bänkelsängermund zu Bänkelsängerohr angewiesen. Aber wer konnte vor ein- oder zweitausend Jahren schon schreiben und lesen in Europa? Wer hatte damals genug Papyrus oder Pergament für Musikniederschriften übrig?)

Nun ist die Nachspielerei an und für sich nichts Schlechtes, im Gegenteil. Mancher hat wenig eigene kompositorische Ideen, kann aber anderer Leute Musik sehr hörenswert interpretieren. Oft ist es ja so, dass andere Interpreten neue Ideen haben, andere Dinge aus den Stücken herausholen oder in sie hineinlegen und insgesamt eine Bereicherung darstellen (oder gerade das Gegenteil, je nach Geschmack). Was ist etwa mit Pachelbels Kanon alles angestellt worden…

** * **

Viele Stücke werden in Grund und Boden gecovert, bis sie niemand mehr hören kann. Diesem Schicksal bisher entgangen ist Twist In My Sobriety von Tanita Tikaram. Das Stück hat was, ich mag es ganz gern. Wenn es zufällig irgendwo nebenher läuft, ist es mir aber zu, hm, was hatte die Frau eigentlich geraucht? Das klingt nach kurz vorm Kreislaufkollaps, oder? Tolle Stimme, tolles Lied, aber zu traumverschleiert, fast apathisch abgeliefert, so stelle ich mir die Petshop Boys auf Valium vor. Gut, der Text hat auch was Surreales (ich verstehe jedenfalls nicht, was Tikaram damit sagen will), das passt schon, aber trotzdem, ein Mindestmaß an Blutdruck wäre schon schön.

Obwohl, beim zweiten Hören, laut genug über eine gute Anlage oder mit guten Kopfhörern, zeigt sich, dass Tikaram in Wirklichkeit eher nicht am Kreislaufkollaps entlangschlurft. Eher gleitet sie gewissermaßen in einem Jaguar mit 90 Sachen etwas schläfrig über die Autobahn, könnte aber jederzeit einen Gang zurückschalten, das Gaspedal antippen und eine rauchende schwarze Gummispur auf der Bahn lassen, während sie am Horizont verschwindet. Tut sie nur leider nicht.

Leider? Ihr Genre ist ja nicht Heavy-Metal, sie liefert hier keine Metal-Ballade ab, wo dann am Ende doch wieder die unvermeidlichen Powerchords schnarzen. Das Arrangement ist Absicht, der Stil und der Klang sind gewollt. Und eigentlich mag ich kontrollierte, zurückgehaltene Power, die manchmal ein bisschen an der Kette zerrt, aber nicht ausbricht. Wenn irgendwo starke Emotion durchschimmert, stimmlich oder instrumental.

Ein bisschen wie (ganz anderer Stil natürlich) die Gitarre in Sparrow von Simon & Garfunkel, die sich an mehreren Stellen merklich gegen das starre Korsett stemmt und nach der Strophe mit dem Schwan und nochmal vor I will said the earth dann kurz durchschlägt, um sofort wieder in den gleichförmigen Fluss zurückzufallen. Da wird mit wenig Aufwand viel Spannung aufgebaut, die gerade von der Zurückhaltung lebt und davon, dass man noch ganz anders könnte.

Etwas mehr davon hätte Twist In My Sobriety gutgetan, finde ich. Trotzdem kein langweiliges Stück, da kann man sich drin verlieren, sich treiben lassen, den Gedanken wie Seifenblasen beim Wegschweben zuschauen, immer mit dieser düsteren, unruhigen Dringlichkeit dabei. Das ist ein beklemmender Traum in Liedform.

** * **

Chester Page haben das Stück gecovert. Hat durchaus was. Der Gesang geht in Ordnung, schöne Gitarre, guter Bass, beide schön sparsam, gehen nur leider im Keyboardlärm unter. Die Rhythmus-Sektion ist nicht mein Ding, hätte schlanker sein sollen, mit echtem Schlagzeug. Besser zum Nebenherhören als das Original.

Ein schon etwas älteres Cover kommt von Split Level. Ganz anders als das Original. Nicht schlecht, schön druckvoll, wirkt vielleicht eine Kleinigkeit zu gehetzt. Toller, treibender Bass, finde ich klasse! Das Violin- statt Gitarrensolo am Ende hat auch was, ist mir aber klanglich zu anstrengend.

Zufällig bin ich auf Heaven’s On Fire von Kiss gestoßen. Die Strophen ähneln in Akkordfolge und Melodie sehr dem Stück von Tikaram, das könnte zumindest schwer inspiriert sein. Obwohl, Heaven’s On Fire ist 1984 herausgekommen, Twist In My Sobriety 1988. Wenn da eins vom anderen inspiriert ist, dann sicher andersherum. Oder die haben sich die Akkordfolge und Melodie unabhängig voneinander ausgedacht, kommt auch vor. Ist aber letztlich egal, die werden sich schon genrebedingt kaum in die Quere gekommen sein.

P.S.: Anlässlich dieses Zufallsfundes habe ich einen Abend lang eine Menge KISS gehört. Bisher hatte ich noch nie absichtlich Musik von denen gehört, höchstens in der Schulzeit mal das eine oder andere Stück mitgekriegt, was aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Ich hätte keinen Titel nennen können, und falls die irgendwelche Überflieger-Hits wie AC/DC produziert haben sollten, sind die völlig an mir vorübergegangen. Nur aus pubertärer Rebellion irgendwelche Bands zu verehren fand ich auch doof, und als ich irgendwann kurz vor dem Abitur selbst anfing, Heavy Metal zu hören, waren die nicht mehr so präsent. Kein Wunder also, dass ich die nicht auf dem Bildschirm hatte.

Ich habe mir also ein paar Titel von KISS angehört. Ist teils ganz nett, vieles gar nicht übel. Aber Herrschaftzeiten, in den Achtziger Jahren waren die der Elternschreck schlechthin. Dabei finde ich die Musik streckenweise derart bieder, eine geglättete Mischung aus Queen und Survivor. Trotz Glam und hairmetaltypischem Geplustere ganz sicher nicht die schlimmen Schockerrocker, für die besorgte Eltern sie in den 80er Jahren hielten. Gut, der Lebenswandel und manchmal die Bühnenshow der Herrschaften waren so eine Sache, aber die Musik selbst könnte harmloser kaum sein, oder?

Obwohl, Alive! und Alive II sind nicht schlecht, aus den wilden Anfangsjahren…

Advertisements

One Comment on “Interpretationen”

  1. Wolf Niese sagt:

    🙂

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s