Ausreden

Auf der Bahn wird viel rumgehackt. Oft genug zu recht, oft auch zu unrecht. Vieles macht die Bahn gut, und für vieles was schiefläuft, kann die Bahn nichts, da müsste „die Politik“ ran, bzw. der Bund als Eigentümer müsste sich mal überlegen, was er eigentlich will. Dazu kann der Bund sich seit Jahrzehnten nicht durchringen, und so werden problematische Weichenstellungen gar nicht erst infragegestellt, und statt offensichtliche Fehlentwicklungen zu korrigieren, lässt man es einfach weiterlaufen, immer tiefer in den Schlamm.

Der Anteil der Bahn am Güterverkehr etwa sinkt seit dem 2. Weltkrieg, die Infrastruktur vergammelt, die einzelnen Sparten der Bahn arbeiten gegeneinander, oft genug zum Schaden der Fahrgäste. Und die Bahn steht auch doof da, wenn etwa Regional- nicht auf Fernverkehrszüge warten.

Die Deutsche Bahn betreibt Bahnlinien und Speditionen in aller Welt (gekauft von Geld, das großenteils besser hierzulande in die zunehmend marode Infrastruktur und die vergammelnden Züge hätte investiert werden sollen) und gräbt mit der Spedition Schenker ihrer eigenen schienengebundenen Gütersparte das Wasser ab und (bis vor kurzem) mit ihren Fernbussen der Personensparte v.a. im Fernverkehr. Da sind so viele Schüsse ins eigene Knie dabei, dass einem schwindelig werden könnte.

Ein anderes heikles Thema ist auch die Informationspolitik. Mir geht es hier um das, was den Fahrgästen zu Pannen und Verspätungen mitgeteilt wird. An den Bahnhöfen hängen Tafeln, auf denen die nächsten Züge aufgeführt sind, mit Abfahrtszeit, Folgebahnhöfen, Fahrtziel, den berüchtigten Angaben zur Wagenreihung und eventuellen Verspätungen. Bei Verspätungen wird oft ein Grund angegeben. Dieselbe Information wird meist auch per Ansage am Bahnsteig und oft auch im Zug mitgeteilt.

Im Prinzip dieselbe Information kann man auch im Internet unter Reiseauskunft finden (gibt es sicher auch als App, weiß ich aber nicht). Das finde ich sehr nützlich, da kann ich nämlich im voraus nachschauen, ob mein Zug Verspätung hat oder – kommt ein- bis zweimal im Jahr vor – ganz ausfällt. Dann bleibe ich u.U. länger im Büro, anstatt mir am Bahnhof sinnlos die Beine in den Leib zu stehen.

Dass diese Informationen nicht immer völlig akkurat sind, geschenkt. Dass die – anders als in den Ansagen am Bahnsteig – online minutengenau genannte Verspätung bisweilen kuriose Sprünge macht, auch geschenkt. (Es kommt beispielsweise vor, dass online 10 Minuten Verspätung genannt werden und der betreffende Zug eine halbe Stunde später völlig pünktlich kommt, dabei ist es auf einer gut ausgelasteten Strecke kaum möglich, in einer halben Stunde mit einer handvoll Halten eine Verspätung von 10 Minuten aufzuholen.)

Was mich aber oft ärgert, sind die Begründungen für Verspätungen. Dass solche Begründungen oft euphemistisch formuliert sind (Notarzteinsatz im Gleis oder Personenschaden) ist verständlich. Dass es sich zumindest teilweise um schön klingende Nichtbegründungen handelt (Wegen Störungen im Betriebsablauf…) ist auch nicht neu. Man will als Fahrgast ja nicht in jedem Fall alle Details wissen. Aber die über die verschiedenen Kanäle ausgegebenen Begründungen sollten wenigstens zusammenpassen und einigermaßen plausibel sein.

Zwei Beispiele:

Erstens: Ich suche in der Reiseauskunft nach einem bestimmten IC. Wenn der meinen Bahnhof erreicht, hat er schon ein paar Hundert Kilometer Fahrt hinter sich. Laut Reiseauskunft ist er zurzeit pünktlich. Eine Viertelstunde später stehen in der Reiseauskunft drei oder vier Minuten Verspätung verzeichnet, Begründung: Verspätete Bereitstellung des Zuges.

Zweitens: Ich schaue nach, wie pünktlich meine Regionalbahn ist. Wenn die meinen Bahnhof erreicht, hat sie gut eine Stunde Fahrt hinter sich. Eine halbe Stunde vor fahrplanmäßiger Abfahrt an meinem Bahnhof wird eine Verspätung von 2 Minuten aufgeführt. Begründung: Anhängen zusätzlicher Wagen.

Diese Regionalbahn verkehrt normalerweise in sogenannter Doppeltraktion, d.h. es sind zwei Zugteile aneinandergekoppelt. (Manchmal fährt – aus Gründen – auch nur ein Zugteil, dann ist es wahnsinnig voll.) Wagen, die man ankoppeln könnte, hat das Ding nicht, und drei Zugteile aneinander habe ich noch nie erlebt. Wäre vielleicht möglich, wer weiß. Die Bahnsteige wären lang genug, und warum auch nicht.

Nun, die Bahn fährt ein, wie üblich mit zwei Zugteilen, und kurz vor dem nächsten Halt kommt die Ansage: Wegen Störungen im Betriebsablauf verkehrt dieser Zug zur Zeit mit einer Verspätung von 5 Minuten.

In beiden Fällen ist die online gebotene Information nicht plausibel. In beiden Fällen passt die online gebotene Information nicht zu den Ansagen im Zug. In beiden Fällen habe ich das Gefühl, man will mich mit irgendwelchen Ausreden abspeisen, und das mag ich nicht.

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10 Kommentare on “Ausreden”

  1. cimddwc sagt:

    Dein Erstens könnte ganz einfach daran liegen, dass der Zug am Anfang tatsächlich wegen verspäteter Bereitstellung zu spät losfuhr, das aufgeholt hat und für die paar Minuten Verspätung bei dir kein neuer Grund eingegeben wurde. Kommt in der einen oder anderen Variante wohl öfters vor… auch in der Variante, dass unnötigerweise vor Anschlussverlust gewarnt wird.

    Wirklich interessant wird’s ja bei gerade erst aufgetretenen Störungen. War bei mir mal so: App (heißt übrigens DB Navigator) meinte, RB war pünktlich und schon einen Bahnhof weiter, alternative Auskunftsseite(*) meinte mehrere Ausfälle, Ansage vom noch vor Ort sitzenden Fdl irgendeine Verspätung. Oder sinngemäß sowas in der Art. Tja, wenn DB Regio, DB Netz, DB StuS und Co. sich erst abstimmen müssen…

    Und wenn’s dann mal zu ’ner Großstörung kommt, fehlt leider schlicht und einfach das Personal, um die ganzen Infos zu aktualisieren, die sind mit der Notverkehrsplanung mehr als ausgelastet. Tja.

    (*) https://dbf.finalrewind.org – bietet auch einen zeitlichen Verlauf der Meldungen pro Zug, manchmal ganz hilfreich.

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  2. Yadgar sagt:

    Also, ich finde die Deutsche Bahn cool – sie nimmt nämlich mittlerweile auch Rücksicht auf zeitreisende Kunden:

    So ein Thalys hat ja auch eine bessere Ökobilanz als ein DeLorean…

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  3. gnaddrig sagt:

    Kann natürlich sein, dass alte und schon „abgearbeitete“ Verspätungsgründe noch im System stecken und bei erneuter Verspätung wieder auftauchen. Und größere Störungen fallen sicher wirklich aus dem Rahmen. Die kommen ja auch meist unverhofft. Ich hatte mehrmals schon den Fall, dass die Reiseauskunft meinen Zug als pünktlich führte und eine halbe Stunde später am Bahnhof dann schon 25 Minuten Verspätung auf der Tafel standen, weil in der Zwischenzeit irgendwas passiert war. Das ist ärgerlich, kann die Bahn aber nichts für.

    Interessante Auskunftsseite, danke für den Link 🙂

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  4. gnaddrig sagt:

    Was Zeitreisen angeht:

    Das Foto ist morgens gegen 8 Uhr entstanden. Die angezeigten 1430 Minuten entsprechen 23 Stunden 50 Minuten, d.h. der Zug müsste seit dem Vortag um ungefähr 8 Uhr dort gestanden haben. Dann stimmt die angezeigte Abfahrtzeit 00:21 nicht, es hätte ungefähr 8 Uhr sein müssen. Und eine S-Bahn so lange Verspätung sammeln zu lassen, statt sie einfach ausfallen zu lassen ist auch nicht wirklich üblich. Bei der Transsibirischen Eisenbahn hätte ich ja nichts gesagt, aber bei so einem Vorortzug?

    War sicher ein Software- oder Bedienfehler…

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  5. Lakritze sagt:

    Neulich Ansage am überfüllten Bahsteig: Achtung Gleis Dings: Der ICSowiesoSowiesozig nach Daundda über Da, Da, Da und Da, Abfahrt X Uhr zwölfundsiebzig, heute etwa fünfzehn Minuten später. Grund dafür ist — knack … rausch … atem … räusper — äh, achja, Verzögerungen im Betriebsablauf. Ich wiederhole …

    Immerhin ein großer Lacherfolg bei denen, die’s nicht eilig hatten.

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  6. Lakritze sagt:

    (Mir fällt ein: viel mehr ärgere ich mich über eine andere Behauptung der Bahn, nämlich, daß man mit der BC50 zum halben Preis fahre. Das stimmt nur, wenn man auf den Hauptstrecken der Bahn unterwegs ist; in irgendwelchen Verkehrsverbünden (sieht aus wie Bahn, riecht wie Bahn, fährt wie Bahn …) wird die BC dann gar nicht nur sehr geringfügig angerechnet. Dann fahre ich nach Hintertupfingen für zwölfachtzig, muß aber für den Rückweg einundzwanzig berappen. Oder so. Ärgerlich; zumal man darüber nur sehr schwer Auskunft bekommt.)

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  7. gnaddrig sagt:

    Das mit den Preisen in irgendwelchen Verkehrsverbünden stimmt und ist ärgerlich. Da muss man dann schon eine BC100 haben, da fährt man in allem, was die Bahn fährt, umsonst, auch in den Verbünden. Aber das kostet natürlich auch einen Batzen, wer leistet sich sowas schon…

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  8. Yadgar sagt:

    @gnaddrig, Lakritze, cimddwc:

    Wenn ich erst Weltdiktator bin, bekommt ihr alle lebenslängliche Freifahrt auf der transeurasischen Zehnmeterspurbahnstrecke Köln-Neudelhi-Peking! Im Gala-Panoramawagen, oberste Etage! Mit persönlichem Robo-Butler! Und Freikarten für alle Theaterorgel-Konzerte an Bord!

    Dann möchte ich aber auch kein Gejammer über den schlechten Service mehr hören…

    Gefällt 2 Personen

  9. Yadgar sagt:

    Stellt euch vor: 20 Kilometer lange Züge, die von 200 Meter langen und 40 Meter hohen Monsterloks gezogen werden, das Ganze bei 250 km/h! Als Antriebstechnologie kommt natürlich nur die Kernfusion in Frage, und zwar mit Reaktoren in den Lokomotiven, nicht etwa via Oberleitung! Güterzüge wären in der Lage, jeweils mehrere Millionen Tonnen Fracht zu transportieren, und Passagierzüge wären nichts weniger als rollende Städte, mit allen Annehmlichkeiten einer Hightech-Zivilisation! Als Design-Grundthema würde ich Art Déco bevorzugen, eventuell auch Bauhaus, so dass sich ein »Dieselpunk-Look« ergeben würde… die Lokomotiven wären dann ins Gigantische vergrößerte Versionen der »Mallard« (schnellste Dampflokomotive der Welt, 1930er Jahre), die Passagierwaggons riesige »Airstream«-Wohnwagen.

    An Bord gäbe es wie bereits angedeutet alles, was zu einer modernen Stadt gehört: Einkaufspassagen, Krankenhäuser, Sportanlagen (bis hin zu Indoor-Surfseen und -Skipisten!), Kinos, Konzerthallen, vollautomatisierte Fabriken… aufgrund der enormen Länge der Züge müsste an Bord ein (normalspuriger) »Zug im Zug« verkehren, der die Passagiere (oder besser Bewohner – viele Menschen würden einen großen Teil ihres Lebens in einem solchen Hyperbreitspurzug verbringen!) innerhalb des Zuges befördert.

    Bei einer Wagenbreite von 20 Metern kann von herkömmlichen Eisenbahnabteilen auch nicht mehr die Rede sein… die Wagen der 3. Klasse wären einfach wie gehabt Großraumwagen mit mehrfach durchbrochenen Sitzreihen, ähnlich wie in der Boeing 747, nur breiter, dazu Schlafräume mit Etagenbetten; in der 2. Klasse gäbe es jeweils 15 Quadratmeter große 2-Personen-Zimmer mit Kochgelegenheit (sofern man nicht ohnehin eines der zahlreichen Bordrestaurants in Anspruch nimmt) und abgetrennten Duschkabinen; in der 1. Klasse wären es dann luxuriöse Hotelsuiten mit persönlichem Roboterbutler-Service. Zusätzlich gäbe es VIP-Wagen in Privatbesitz, die von den entsprechend vermögenden Auftraggebern individuell gestaltet werden – der »Zug im Zug« würde diese Wagen zum Schutz der Privatsphäre der VIPs in Tunneln durchfahren. Selbstverständlich gäbe es in allen Klassen Internetzugang in Petabit/s-Geschwindigkeit.

    »Snowpiercer« war gestern!

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  10. gnaddrig sagt:

    Das ist doch mal ne Vision. Den Freifahrschein nehme ich gern 🙂

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In den Wald hineinrufen

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