Das Gespenst der Freiheit

Die hierzulande übliche Toilette mit Wasserspülung ist eine großartige Erfindung, ich will sie eigentlich nicht missen. Trotzdem ist die Benutzung von Toiletten unterwegs nicht unproblematisch. Man weiß nie, was die vorigen Besucher da getrieben haben, und oft genug will man das so genau auch nicht wissen. Wenn sie wenigstens die Spuren beseitigt hätten! Haben sie aber nicht. Kann man sich drauf verlassen, wenn’s am nötigsten gewesen wäre haben sie nicht.

Herkömmliche öffentliche Bedürfnisanstalten und traditionelle Bahnhofstoiletten gehören für mich zu den unangenehmsten Örtchen im Land, dicht gefolgt von dem, was manche Kneipen so als Toilette anbieten. Manches Mal hätte ich einen klassischen Donnerbalken in einem zugigen Schuppen hinterm Stall vorgezogen.

Aber auch in vermeintlich gepflegteren Umgebungen ist die sozialverträgliche Benutzung der Toiletten bei weitem nicht so selbstverständlich, wie man das gern hätte. Viel zu oft hinterlassen Benutzer dort mutmaßliche Kunstwerke oder tatsächliche Schweinereien, was dann bei nachfolgenden Benutzern auf Missbilligung stößt und gelegentlich entsprechende Aufrufe zur Sauberkeit nach sich zieht.

Und auch abseits unangenehmer Hinterlassenschaften kann man im Zusammenhang mit Toilettenbesuchen gelegentlich kuriose oder befremdliche Begebenheiten miterleben. Dass allzuviele Zeitgenossen sich nach dem Geschäft nicht die Hände waschen ist allseits bekannt und für sich allein schon eklig genug. Aber manchmal…

In der Kabine neben mir sitzt einer. Zunächst höre ich die typischen Geräusche reger Darmtätigkeit und eines eher langwierigen großen Geschäfts mit viel starkaromatischem Gasausstoß. Und noch was, ein regelmäßges Geräusch, das da irgendwie nicht hinpasst.

Ich überlege, dann dämmert es: Kaugeräusche, ganz eindeutig Kaugeräusche.

Kurze Pause, dann hörbares Abbeißen von etwas vermutlich gemüsehaltigem. Vielleicht ist das ein belegtes Brötchen, wie es sie in der Cafeteria gibt, mit Salatblatt oder Gurkenscheiben zwischen Butter und Salami. Der beißt also ab, dann kaut er wieder. Derweil rumort und liefert sein Gedärm ratenweise weiter. Abbeißen, Kauen. Kurze Pause, Abbeißen, Kauen. Kurze Pause…

Wenn Luis Buñuel in Das Gespenst der Freiheit die spießige Geregeltheit des bürgerlichen Alltags mit seinen Tabus und Konventionen aufspießt und ihre Absurdität durch Vertauschen einzelner Elemente bloßstellt*, bleibt er doch in den Regeln und Zwängen des Systems gefangen, trotz verkehrter Vorzeichen.

Da ist der Kollege in der Kabine nebenan schon deutlich weiter. Das ist nämlich schon Kulturrevolution, das Einreißen aller Mauern, das Zusammenrühren der Trümmer. Nächstens lässt jemand bei sowas die Tür offen oder setzt sich gleich in der Kaffeeecke mit einer Pizza und einem Bier auf einen Eimer, den Laptop mit Netflix auf den Knien und das Handy am Ohr. Leute gibt’s…

_______

* Die betreffende Stelle im Film fängt hier ungefähr bei Minute 52 an, die Pointe ab Minute 56.

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9 Kommentare on “Das Gespenst der Freiheit”

  1. Yadgar sagt:

    Öffentliche Toiletten: die ekelhafteste, an die ich mich überhaupt erinnern kann, war 1988 die Herrentoilette auf dem Hauptbahnhof von Tunis – ich habe es schätzungsweise eine Dreiviertelsekunde in dem infernalischen Gestank ausgehalten. Ob das im Zuge des „Arabischen Frühlings“ besser geworden ist? Platz zwei in meinen Allzeit-Horrorklo-Charts dürfte die Bahnhofsbedürfnisanstalt in Rom, Stazione Termini (ebenfalls 1988) innehaben.

    Hände waschen nach dem Klogang: der durchschnittsdeutsche Mann, vor allem wohl in, ähm, einfacheren Milieus, hält so etwas offensichtlich für Mädchenkram – zumindest erklärt das den ranzig miefenden Schmierfilm, mit dem alle Haltegriffe und sonstigen glatten Oberflächen in öffentlichen Verkehrsmitteln überzogen sind und der einem anschließend ausdauernd an den Händen klebt. Igittigitt!!!

    Essen auf dem Klo? Sorry, wäre mir zu eklig… aber der Gipfel der Prollerei ist natürlich der Toilettenraucher! Da kann es dann schon einmal passieren, dass ich energisch protestiere: „KIPPE AUS, ABER DALLI!!!“

    Also, am liebsten würde ich mich ja für meine Verdauungsangelegenheiten jedes Mal nach Tokio beamen… in Japan versteht man etwas von Toilettenkultur! Jawohl!!!

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  2. gnaddrig sagt:

    Lieber rauchen als essen. Ganz unmöglich finde ich auch die Unterhalterei. Und telefonieren.

    Für japanische Hi-Tech-Toiletten braucht man als normaler Westler aber eine einwöchige Einführung, habe ich gehört, sonst wird es peinlich…

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  3. Handy ist glaube ich nicht so abwegig wie Du hoffst.

    Mit dem Zustand und der Verfügbarkeit öffentlicher Toiletten ist es in manchem Ausland tatsächlich besser. Mein persönlicher Spitzenreiter diesbezüglich ist Singapur, aber Skandinavien ist auch nicht schlecht, um etwas näher zu bleiben.

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  4. Lakritze sagt:

    Günter Grass hat im „Butt“ den neolithischen Hordenschiß erfunden, gegessen wurde schamvoll und heimlich, ganz für sich. Der Herr in der Nachbarkabine scheint irgendwie beides gleichzeitig zu schaffen. (schauder)
    Ach, aber diese japanischen Hightechtoiletten sind mir zu überkandidelt. Herrje, Musik, um alle Geräusche zu übertönen? Brauch ich nicht. Dafür bin ich Menschs genug.

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  5. gnaddrig sagt:

    Stimmt, Tanja, Handy höre ich auch oft. Meistens spielen oder texten sie aber nur, telefonieren ist seltener (und völlig unmöglich).

    An der Kunstgeräuschkulisse würde ich mich auf japanischen Toiletten wohl noch am wenigsten stören, Lakritze, obwohl ich die auch überflüssig finde. Es sind eher die Spielereien mit Wasserdruck und Strahlgeometrie, die Potenzial für peinliche Resultate bergen.

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  6. Lo sagt:

    Ich war vor wenigen Wochen in Indien.
    Was ich dort alles zu sehen und zu riechen bekam….
    Ich mag es besser nicht beschreiben.

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  7. gnaddrig sagt:

    Tja, andere Länder andere Üblichkeiten und Toleranzgrenzen.

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  8. Yadgar sagt:

    @Lakridze 😉
    Aber sicher Musik! Vielleicht nicht gerade von Vangelis (das wäre zuviel des Guten), aber Klaus Schulze oder Larry „Synergy“ Fast würden sich perfekt auf meinem Designer-Traumklo machen! Außerdem Bodenstrahler mit individuell einstellbarer Lichtintensität und -farbe, hirnstromsensitive Kacheln mit Eigenintelligenz, die je nach Stimmung des Benutzers das Muster ändern… die Schüssel nicht etwa von Keramag (prollerolleroll!), sondern natürlich von Villeroy & Boch, intuitive Raumbeduftung mit Premiumdüften von Fendi oder Yves Saint Laurent (mein klarer Favorit: Kouros! Dann könnte es aber eigentlich doch auch Vangelis im Soundmodul sein…), die Bedienelemente aus farbigem Acryl in Kristall-Optik (wie bei Lowrey-Orgeln der 80er Jahre), schließlich beheizbare Sitz- und Rückenlehnenpolster, schließlich ist so ein Ultraklo viel zu schade bloß zum schnöden Exkrementeablegen, nein, da will man durchaus mal die eine oder andere Stunde verbringen! Also, in der Zehnmeterspurbahn wird es jedenfalls zum Standard in der 1. Klasse gehören…

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  9. Yadgar sagt:

    @Lo:

    …ein Inferno aus Schlamm und Scheiße! Am besten im Monsun, wenn man hüfttief in der ganzen Jauche versinkt! Unter erfahrenden Globetrottern kursiert ja das Gerücht, dass man Indien bereits im Landeanflug aus 5000 Metern Höhe riechen könne…

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