Torschlusspanik

In Arkansas sitzt eine Reihe Leute in der Todeszelle. Bei vielen sind alle Rechtsmittel ausgeschöpft, alle Strohhalme verbraucht, sie warten auf das Ende. Nun, Ende April läuft die Haltbarkeit der Medikamente ab, die für die Hinrichtungen verwendet werden sollen. Deshalb will der Gouverneur sieben Verurteilte kurz vor ultimo schnell noch totmachen lassen. Egal, ob sie zu Unrecht verurteilt wurden (das passiert trotz erheblichen Aufwandes mit endlosen Berufungsverfahren und Überprüfungen anscheinend erschreckend oft) oder psychisch krank sind (und das u.U. bei der Tat schon waren, wie zwei der Kandidaten).

Bis Ende April muss das über die Bühne gehen, danach dürfen sie nicht mehr hinrichten, wegen abgelaufener Medikamente. Dabei stellt sich die Frage, warum sie sich um sowas überhaupt kümmern. In den USA scheint mir der Bestrafungsaspekt stark im Vordergrund zu stehen, noch vor dem Bemühen, die Gesellschaft vor Straftätern (mit ihrer notorischen Rückfallgefahr) zu schützen. Das Bemühen um Resozialisierung scheint bestenfalls als Nachgedanke vorzukommen. Die Samthandschuhe hat man lange verbrannt, sofern man überhaupt je welche hatte, und wenn Haft und Hinrichtung den Verbrechern keinen Spaß machen ist das eher erwünschte als unerwünschte Nebenwirkung (oder, in den Augen vieler, gerade keine Nebenwirkung).

Vor dem Hintergrund wundert es mich, dass so viel Gewese um das Haltbarkeitsdatum der zu verwendenden Mittel gemacht wird. Was soll denn schiefgehen? Man wird kaum befürchten, dass die Delinquenten die Mittel nicht vertragen. Im Gegenteil, dass die Mittel nicht verträglich sind ist ja Sinn und Zweck der Übung. Vermutlich gibt es irgendeine gesetzliche Bestimmung für die Verwendung, bei deren Missachtung man sich juristisch angreifbar macht.

Das stümperhafte Gestochere eher mäßig qualifizierten Personals bei dem Versuch, beim Todeskandidaten irgendwo eine Vene für die Injektion zu treffen, scheint kein Klagegrund zu sein, die Verwendung irgendwie zusammengesuchter Kombinationen von Wirkstoffen und die dadurch immer wieder verursachten längeren Todeskämpfe ebenfalls nicht. Deshalb mogeln sich die Behörden bei der Vollstreckung der Todesstrafe fast ungehindert weiter durch.

Auch wenn „grausame oder ungewöhnliche Strafen“ laut US-Recht verboten sind, hat man sich in der Vergangenheit wenig drum gekümmert, wie die Leute dann tatsächlich zu Tode kamen. Da konnte jemand schonmal über 20 Minuten lang unter starken Schmerzen bei vollem Bewusstsein ersticken, oder nach einer qualvollen Dreiviertelstunde an einem Herzschlag verrecken. Egal, Hauptsache totgekriegt.

War halt ein Experiment, damals. Man hatte notgedrungen ungetestete Giftmischungen ausprobiert. Proteste hatten nicht interessiert, geändert hatte sich in der Folge auch nichts. Wen muss da heute ein vielleicht verdorbenes Mittel stören? Die Todeskandidaten werden ja nicht gefragt. Man setzt denen einfach den goldenen Schuss aus einem irgendwie zusammengesuchten Giftcocktail und wartet, bis sie daran irgendwie verrecken. Hauptsache, die Spritzen waren sauber und das Haltbarkeitsdatum noch nicht verstrichen.

Es hat in den letzten Wochen noch Proteste und juristisches Geplänkel gegeben – Demos, Mahnwachen, internationale Kritik; die Verurteilten sind gegen die Verwendung irgendwie zusammengestellter Giftmischungen vorgegangen, Pharmafirmen wollten ihre Mittel nicht für Hinrichtungen verwendet sehen, mehrere der Hinrichtungen waren von Gerichten dann auch zunächst ausgesetzt worden. Am Ende hat es aber nicht viel geholfen, gestern abend sind zwei der sieben Todeskandidaten in Arkansas hingerichtet worden. Bei einem ging es anscheinend kurz und schmerzlos,bei dem anderen hat man 40 Minuten lang gebraucht, den Zugang zu legen.

Egal, was die Leute getan haben, egal, wofür sie verurteilt wurden, die Todesstrafe ist meiner Meinung nach unrecht und gehört abgeschafft, aus einer Reihe von Gründen. Erst recht wenn man bei den Hinrichtungen derart erbärmlich stümpert, wie das in den USA derzeit immer wieder passiert. Und auch wenn man Verurteilten – wie in den USA – alle nur denkbaren Möglichkeiten gewährt, die Urteile überprüfen und gegebenenfalls revidieren zu lassen, dass die Verfahren sich oft Jahrzehnte hinziehen und ein Todesurteil für viele einer lebenslangen Freiheitsstrafe unter besonders schweren Bedingungen gleichkommt.

Nachtrag (28.04.2017): Der Hinrichtungsmarathon in Arkansas ist vorbei, gestern abend wurde mit Kenneth Williams der vierte und letzte Häftling hingerichtet. Die übrigen vier Dosen Midazolam müssen die Behörden wohl verfallen lassen, weil die vorgesehenen Hinrichtungen gerichtlich ausgesetzt wurden.

Diese letzte Hinrichtung ist übrigens ein trauriges Beispiel dafür, wie Hinrichtungen unnötigerweise zusätzliches Leid verursachen und mehr Schaden anrichten können als sie bestenfalls nützen. Näheres steht in dem Brief, den die Tochter des von Williams umgebrachten Gefängnisaufsehers an den Gouverneur von Arkansas geschrieben hat, um die Hinrichtung zu verhindern. Leider hat man nicht auf sie gehört.

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4 Kommentare on “Torschlusspanik”

  1. Lo sagt:

    Ja, Du hast recht: es ist wirklich pervers – oder gibt es eine treffendere Bezeichnung dafür?
    Vor wenigen Tagen las ich „Das Geständnis“ von John Grisham.
    Das passt genau zu dem Thema.

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  2. gnaddrig sagt:

    Grisham ist ja auch ein aktiver Gegner der Todesstrafe, das kommt in mehreren seiner Bücher vor.

    Zeit Online hat noch einen guten Artikel zum Thema: Hauptsache Hinrichten.

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  3. Es ist ja leider nicht egal, was die Leute getan haben. Viele sind zu Unrecht zum Tod verurteilt, weil sie in Wahrheit nichts getan haben. Allein die Unumkehrbarkeit eines Justizirrtums nach vollzogener Todesstrafe spricht schon gegen sie. Todesstrafe ist eigentlich nur der juristisch legitimierte Mord aus Rache, also niederen Motiven.

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  4. gnaddrig sagt:

    Hier gibt es eine Beschreibung der drei in Arkansas verwendeten Mittel und ihrer Wirkungsweise (auf Englisch).

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