Materialermüdung

Es wird immer wieder behauptet, dass die Hersteller aller möglichen technischen Geräte ihre Apparate so bauen, dass sie möglichst bald nach Ablauf der Garantiefrist kaputtgehen. Außerdem wird heute alles aus Billigteilen zusammengeklebt, sodass man oft gar nichts mehr reparieren kann, sondern mindestens große Baugruppen oder gleich das ganze Gerät komplett ersetzen muss.

Beispielsweise sollen bei Fernsehern mancher Marken wärmeempfindliche Bauteile direkt im warmen Abluftstrom oder neben wärmeproduzierenden Komponenten verbaut sein. Dass Drucker oft nach einer bestimmten Seitenzahl den Dienst quittieren und Druckerpatronen leer zu sein vorgeben, wenn sie noch reichlich Tinte haben, ist lange bekannt. Sicher gibt es noch mehr Beispiele.

Wann immer das Thema geplante Obsoleszenz aufgebracht wird, werden die Vorwürfe dementiert. Zumindest natürlich von den betreffenden Herstellern, das würde ja sonst schlecht aussehen. Es gibt verschiedene, einander teils widersprechende Theorien zum Thema. Verbraucherschutzorganisationen und Behörden haben dazu Untersuchungen und Studien durchgeführt, mit durchwachsenen Ergebnissen. Nachweisen kann man nichts, aber durch die Bank weg ausschließen kann man solche Machenschaften eben auch nicht, und es soll manches dafür sprechen, dass geplante Obsoleszenz tatsächlich praktiziert wird.

Wie dem auch sei, grundsätzlich kann ich verstehen, wie man drauf kommt. Mir ist kürzlich meine Kamera* kaputtgegangen, nach nur zweieinhalb Jahren. Gut, ich habe sie sehr viel benutzt. Ein Sonntagsknipser hätte für dieselbe Zahl Aufnahmen vermutlich zehn Jahre gebraucht oder mehr, keine Ahnung. Ich habe auch nicht mitgezählt.

Was mich daran ärgert: Eine Reparatur ist nicht möglich. Also, eigentlich wäre sie durchaus machbar, das ist ja kein Hexenwerk. Aber: Der von mir konsultierte Fachmann vermutet, dass das Kabel gebrochen ist, das die verschiedenen Komponenten des Objektivs miteinander verbindet. Das ist eine schmale Plastikbahn mit aufgedruckten Metallspuren. Jedesmal, wenn das Objektiv ausfährt, einfährt, zoomt oder fokussiert, wird dieses Plastikband gestreckt oder gebogen, und irgendwann bricht entweder das Band oder die leitenden Metallspuren darauf.

Das Teil hat es laut Techniker nie als Ersatzteil gegeben, man müsste schon das ganze Objektiv austauschen, für um die 100 Euro. Gibt es aber nicht mehr. Als ich die Kamera im Herbst 2014 kaufte, war das Nachfolgemodell schon auf dem Markt, es war also schon ein Auslaufmodell, und so lange hält heute kein Hersteller mehr Ersatzteile vor, meinte der Reparaturmensch.

Das Objektiv hätte ich trotz der erheblichen Kosten tatsächlich ersetzen lassen, weil mir die Kamera gefällt. Sie macht tolle Bilder, ist (mit Abstrichen beim manuellen Fokussieren) erstaunlich gut bedienbar und eben schön klein. Aber geärgert hätte ich mich schon – da geht ein kleines Plastikteil kaputt, das vermutlich einen ein- oder höchstens niedrig zweistelligen Centbetrag kostet, und statt das Ersatzteil für ein paar Euro einbauen zu lassen muss ich die ganze Kamera wegtun.

So kann man als Hersteller auch Umsatz machen, und wenn enttäuschte Kunden zu einem anderen Hersteller abwandern, kommen sicher dessen enttäuschte Kunden retour. So wird der Markt aktiv gehalten, und wenn alle Hersteller das so machen, kriegen auch alle vom großen Kuchen was ab**.

(Dieses Szenario erscheint mir durchaus nicht unplausibel und widerlegt meiner Meinung nach die wirtschaftswissenschaftlicherseits gelegentlich vertretene Ansicht, Hersteller könnten die Lebensdauer ihrer Produkte nicht unbegrenzt verkürzen, weil die Kunden dann irgendwann streiken. Das Volk will fotografieren, und dazu braucht es Kameras. Wenn alle Kameras nach zu kurzer Zeit kaputtgehen und mangels Ersatzteilen nicht mehr repariert werden können, müssen die fotografierwilligen Massen eben Neugeräte nachkaufen.

Wenn dabei immer ein gewisser Anteil der Kunden zwischen Herstellern wechselt, bleibt für die einzelnen konkurrierenden Hersteller das Kundenaufkommen langfristig stabil. Da entspricht es betriebswirtschaftlicher Logik, die Geräte auf sehr kurze Produktzyklen auszulegen und nicht auf Langlebigkeit. Dazu passt auch die Tendenz zu Wegwerfware statt reparierbarer Qualität.

Ich behaupte nicht, dass das so aktiv betrieben wird oder dass es jetzt bei meiner Kamera der Fall ist. Auch dürfte es eine Grauzone zwischen aktiv geplanter Obsoleszenz und der wohlwollenden Inkaufnahme der konstruktionsbedingten Defektanfälligkeit unverzichtbarer Bauteile geben. Aber, wie gesagt, ich verstehe, wie man auf die Idee kommen kann.

Offenbar lohnt sich die Herstellung von Ersatzteilen für die unübersichtliche Zahl von Fabrikaten und Modellen auch nicht für No-Name-Klitschen in Taiwan oder so. Also gibt es keine und wir müssen ständig neue Kameras kaufen. Gebrauchtkameras als Ersatzteillager sind keine Lösung, da bei denen ja mit großer Wahrscheinlichkeit dieselben typischen Defekte auftreten. Und von jedem Gerät gleich zwei zu kaufen, um ein Ersatzteillager zu haben, ist aus Kostengründen auch nicht praktikabel.)

Was mich auch ärgert ist, dass das Problem bei diesem Kameramodell bekannt ist, vom Hersteller aber anscheinend ignoriert wird. Man schaue sich auf Ebay um, da gibt es jederzeit eine handvoll dieser Kameras mit dem berüchtigten Objektivfehler. Bei Amazon gibt es Rezensionen, wo dieser Objektivfehler erwähnt wird. Zwei bis drei Jahre, heißt es, dann komme der Objektivfehler und mit ihm die Notwendigkeit, eine neue Kamera zu kaufen. Derselbe Fehler sei bereits beim Vorgängermodell S100 aufgeten und werde auch beim Nachfolgemodell S120 beobachtet. Der Hersteller wolle von keinem typischen Defekt an dieser Kamera wissen.

** * **

Gut, die Kamera ist hinüber, dank einem defekten Quadratzentimeter bedruckter Plastikfolie. Ein Jammer, ich habe diese Kamera geliebt und mit deutlich mehr Lebensdauer gerechnet. Ist ja nicht so, als würde mir das Geld im Garten auf den Bäumen wachsen. Oder als gäbe es derzeit  eine vergleichbar gute Kamera zu einem vergleichbaren Preis – man muss mindestens doppelt soviel hinlegen, um Ähnliches zu kriegen und hätte als Vielfotografierer die Aussicht, in zwei oder drei Jahren wieder in derselben Situation zu sein. Nicht jeder kann sich etwa eine Leica Q leisten, die überirdisch gut verarbeitet ist und vermutlich hundert Jahre Betrieb und eine Million Fotos locker wegsteckt aber eben auch deutlich über 4’000 Euro kostet.

Ich muss mich jetzt also nach einem neuen Spielzeug umsehen. Mal sehen, was es im für mich finanzierbaren Bereich so gibt und was ich mir dann am Ende kaufe. Eine Kompaktkamera wird es ganz sicher nicht wieder sein – bei einer wie immer gearteten Systemkamera könnte man bei irreparablem Defekt wenigstens das Objektiv separat wechseln, und da scheinen die Produktzyklen auch nicht ganz so eng getaktet zu sein.

Und was mache ich, bis ich zu einer Entscheidung gekommen bin? Handyknipse? Ungern. Ging zwar früher auch, aber der Schritt zurück wirkt unschöner als der Schritt zur echten Kamera damals. Einen Scanner kann ich auch nicht ständig mitschleppen. Und meine ganz alte AE1 Program mag ich zwar, und sie tut auch nach 30 Jahren noch zuverlässig ihren Job, aber analoge Fotografie ist mir erstens zu umständlich und, vor allem, zweitens zu teuer. Immerhin kann ich gelegentlich mit der EOS 1100D meiner Frau*** losziehen…

________

*: Eine Canon Powershot S110. Das war 2014 eine der besten Kompaktkameras auf dem Markt, für um die 300 Euro klarer Sieger in Sachen Preis-Leistungs-Verhältnis, den dreimal so teuren Cybershots von Sony in den für mich wichtigen Kriterien weitestgehend ebenbürtig, stellenweise sogar überlegen. Nur vergleichsweise langsam, was aber bei meinem Fotografiestil kaum je zum Tragen kommt – die wenigsten meiner Motive zappeln aus dem Bild, während die Kamera noch den Fokus oder die Belichtung berechnet.

**: Das Phänomen ist nicht neu und beschränkt sich nicht auf die Elektronik. Reinhard Mey hat in den 70er Jahren schon über eine Spielart davon gesungen.

>***: Danke 🙂

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18 Kommentare on “Materialermüdung”

  1. Lo sagt:

    Schade, das man als Konsument keine Sollbruchstelle in sein Geld einbauen kann.

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  2. Yadgar sagt:

    Raus aus der Zuvielisation, alle Brücken abbrechen, ab nach Sibirien in die Taiga und nie, nie, nie mehr Technologiefrust schieben! Wenn man es intelligenter als Alexander Supertramp alias Christopher McCandless anstellt funktioniert das sogar – und mehr Platz für Luchsdomestikations-Experimente als im metropolitanen Internet-Wohnklo gibt es da auch!

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  3. Achim sagt:

    Man kann auch durch die große Politik zu so etwas beitragen. In meiner Elektroschrottkiste warten derzeit zwei (100% funktionstüchtige) DVBT-Receiver auf den Weg zum Recyclinghof. Da sammeln sich derzeit wahrscheinlich hunderttausende solcher Geräte. Bisher traut man sich noch nicht, UKW-Radios auf die gleiche Reise zu schicken, aber mehr als „frühestens in fünf bis acht Jahren“ mochte der Radiofachmann mir auch nicht zusichern, als ich in fragte, ob eine Reparatur des alten, aber bis auf die oxidierten Kontakte sehr guten Marantz-Tuners sich noch lohnen würde.

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  4. gnaddrig sagt:

    @ Yadgar: Meinste? Technologiefrust gibt es ganz sicher auch auf Faustkeilniveau. Nur das Problem mit den überhasteten Produktzyklen hat man da nicht…

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  5. Yadgar sagt:

    @gnaddrig: Sicherlich… aber dafür tröstet mich dabei der selbstgezähmte weil handaufgezogene sibirische Schmuseluchs (Lynx lynx wrangeli), wenn er mir mit seiner Schmirgelpapier-Zunge durchs Gesicht schrubbt, wie das Luchse auch untereinander gerne tun! Während ich in meinem metropolitanen Internet-Wohnklo nicht mal Platz für eine konventionelle Hauskatze habe…

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  6. gnaddrig sagt:

    Ha, siehst Du, in der zivilisierten Welt hätte der einen akkugetriebenen Motor, dessen Akku drahtlos automatisch aufgeladen würde und du müsstest dich um nichts kümmern. So musst Du die handgedengelte Spannfeder jeden Morgen von Hand aufziehen. Steampunkroboter statt Softwarekatze als Bildschirmschoner 😉

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  7. Lakritze sagt:

    Geschlossene Systeme? Schwierig, schwierig. (Der Niedergang ist natürlich durch geplante Obsoleszenz zu beschleunigen …)
    Kamera: Zeichnen müßte man; und so ein Aquarellkasten geht sicher nicht vor der Zeit kaputt. Höchstens komische Kometen produziert man dabei. .))

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  8. Lakritze sagt:

    (Der halbe Kommentar, übrigens, gehört da hin.)

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  9. gnaddrig sagt:

    Bei Biosphere 2 war das Problem wohl auch, dass das Ding zu klein war, zu knapp bemessen. Da war ja kein Spielraum für irgendetwas. Ein Tautropfen auf dem falschen Blatt kondensiert und schon fährt der Treibhauseffekt das Ding an die Wand oder so. In unserer Miniaturwelt hätte man genug Puffer, dass die Systeme einigermaßen robust wären. Platz genug wäre ja, bei der Skalierung…

    Zeichnen statt fotografieren, hm, dafür hätte ich nicht die Geduld. Vielleicht könnte ich gut genug zeichnen lernen, habe aber keine Lust dazu, und als Naturtalent bin ich bislang auch nicht in Erscheinung getreten. Zumal sogar meine überwiegend statischen, aber bezüglich der Lichtverhältnisse dann doch oft recht flüchtigen Motive nicht ewig stehenbleiben und ich das allermeiste dann doch aus dem Gedächtnis aufs Papier bringen müsste.

    Nichts gegen Zeichnen, Malen usw., wem’s liegt – bitteschön, und ich weiß gute Bilder durchaus zu schätzen! Meins ist es aber nicht so. Das Elegante an der Fotografie ist ja, dass man das Motiv – klick – im Kasten hat, wenn man denn kann. Das will ich nicht missen.

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  10. Achim sagt:

    Irgendwie habe ich den Faden verloren. Wie kommt ihr auf Biospere???

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  11. gnaddrig sagt:

    Eigentlich ganz einfach, da ist nur ein Sprung aus einer anderen Kommentarspalte passiert: Yadgar und ich hatten hier über die Verkleinerung einzelner Teile der Welt und deren Unterbringung in irgendwelchen Containern fantasiert. Darauf bezog sich Lakritze um 22:13 (Link auf Biosphere 2, Verknüpfung mit geplanter Obsoleszenz).

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  12. Hm, Systemkamera wäre was. Wenn ich mal viel Zeit hab *hust*, mach ich da ein wenig Marktforschung, ob das was für mich wäre. Leider muss ich aber jetzt erst mal Drucker-Marktforschung betreiben, weil mich der Hersteller des vor Jahren gekauften mittlerweile derartig mit der von Dir erwähnten Masche veralbert, dass die Grenze der Zumutbarkeit schon lange überschritten ist. Wenn ich das Ding nämlich irgendwann aus dem dritten Stock werfe, ist mit Reparieren ganz sicher nichts mehr ;-). Dann kann ich ganz entpsannt mit dem Kehrblech hinterherlaufen. Jetzt hast Du mich aber mit Deinen Ausführungen zum Herstellerwechsel reichlich desillusioniert. Gerade weil Du damit sicher recht hast, dass sich das in einem stabil aufgeteilten Markt nichts geben wird. Ich werd’s trotzdem tun.

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  13. gnaddrig sagt:

    Dann wünsche ich viel Glück…

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  14. Du solltest Dich im DSLR-Forum mal an den User „Nightshot“ wenden. Der gilt als eine Arzt Zauberer vor dem Herrn bei Reparaturproblemen von Canon-Kameras (auch wenn er sich m.W.n. normalerweise auf DSLR und EF(S)-Objektive stürzt), Fragen kost (fast) nix, und eventuell hilft er Dir für nen kleinen Obulus…

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  15. gnaddrig sagt:

    Danke, mal sehen. Ich weiß nicht, ob ich in das Gerät noch viel Aufwand (und Geld) stecken will, wenn das Risiko groß ist, dass das gleiche Teil bald wieder abraucht.

    Außerdem fände ich den Schritt zu einer Systemkamera jetzt auch nicht so unattraktiv. Nachteil ist dabei neben dem Preis die Größe – die Powershot konnte ich wirklich fast immer problemlos dabeihaben, so klein geht das „mit System“ natürlich nicht mehr. Naja, findet sich.

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  16. Och, ne EOS100D zusammen mit einer EF-40mm Pencake Festbrennweite (was eine Brennweitenäquivalent von 64mm FB entspricht) ist nicht SO groß und nicht SO schwer ( Schärfentiefe“ sowie mit der oft nötigen digitalen Nachbearbeitung (Nachschärfen, Kontrastumfang bearbeiten usw.) nur begrenzt klar. Da liest man die meisten Unzufriedenheitserklärungen, denn es ist eben mitnichten eine „Pocket für Profis“, so wie ein Bohrhammer mitnichten ein „Akkubohrer für Profis“ ist… 😉

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  17. […] Kamera ist wieder da. Neulich hatte sie ja nach nur zweieinhalb Jahren unverhofft schlappgemacht. Nachdem der von mir konsultierte Reparaturmensch den Daumen gesenkt hatte, stand also die […]

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  18. Yadgar sagt:

    @gnaddrig:
    „Ha, siehst Du, in der zivilisierten Welt hätte der einen akkugetriebenen Motor“

    Nein, nicht per Schraube, sondern mit der Flasche aufgezogen! Lebendiger Naturluchs, keine Roboterkatze!

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