Der Blogger von Stepford

Wir sind ja mittlerweile bei der vierten industriellen Revolution angelangt. Mit der ersten kam die Nutzung der Dampfkraft für Fabriken, mit der zweiten die Nutzung von elektrischem Strom in der Produktion, die dritte, „digitale“, brachte die Nutzung von Computertechnik zur Automatisierung, und jetzt basteln sie an der vierten, die Designer, Ingenieure und Konsumenten überflüssig machen soll, weil in der sogenannten Industrie 4.0 die Maschinen sich in Eigenregie selbst betreiben.

In der Fotografie ist eine vergleichbare Entwicklung zu beobachten. In der ersten fotografischen Revolution wurde die Fotografie erfunden. Man hat anfangs Teerpappe auf einer Glasplatte in einer Camera obscura belichtet, ist dann recht bald auf elegantere Chemikalien und Kameras mit Linsen umgestiegen, hat die Farbfotografie entwickelt, die sperrigen und empfindlichen Glasplatten durch elastisches Trägermaterial ersetzt, aber es blieb umständlich und kompliziert.

Als zweite fotografische Revolution kamen die großen Vereinfachungen – die Erfindung von Filmrolle, Messucher und Wechselobjektiv. Die dritte fotografische Revolution führte zur digitalen Fotografie, und jetzt steht die vierte fotografische Revolution bevor.

Die wird, analog zur vierten industriellen, den Fotografen überflüssig machen. Dabei kommen wie dort künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen zum Einsatz. Wenn ich aus irgendwelchen Gründen keine Zeit mehr zum Fotografieren habe oder keine Lust mehr, stundenlang durch die Gegend zu laufen, bis sich ein lohnenswertes Motiv zeigt, oder wenn die Augen altersbedingt irgendwann nicht mehr mitspielen, dann kann ich eine Fotografie-Vier-Null-Kamera einsetzen. (Meinen Dank an Pfeffermatz für die Inspiration zu diesem Text!)

Ich trainiere die Kamera bzw. den ihr innewohnenden Rechner mit meinem bisherigen fotografischen Œuvre. Vermutlich ist eine konsistente und ausführliche Verschlagwortung und Kategorisierung der Bestände hilfreich. Je mehr Material ich dem Gerät füttere, desto besser kann es meine Vorlieben, Gewohnheiten, Stärken und Schwächen verinnerlichen und anschließend meinen Stil imitieren oder fortführen, vielleicht sogar die Schwächen korrigieren.

Anschließend montiere ich die Kamera auf einen Träger. Das kann ein bodengebundener Roboter sein oder eine Drohne. Es gibt eine Steuerung mit einer Reihe von anpassbaren Programmen, mit denen das Gerät dann selbständig loszieht, Motive identifiziert und Fotos à la gnaddrig macht.

Wenn die Trainingsfotos GPS-Informationen enthalten, könnte das Ding sogar meine bevorzugten Orte zum Fotografieren aufsuchen. Man müsste allerdings aufpassen, was für Bilder man dann zum Training benutzt bzw. wie man die Nutzung der Geodaten definiert, damit das Gerät nicht ständig versucht, in die Dominikanische Republik oder nach Thailand, Ägypten oder Malle zu gelangen. Dabei würde es ja entweder im Meer versinken oder unterwegs mangels Strom liegenbleiben oder sonstwas.

Eine Bildsichtungs-, -auswahl- und -nachbearbeitungssoftware würde aus dem Rohmaterial dann druckfertige Fotos kondensieren und die dann entsprechend meinen Gewohnheiten entsprechend veröffentlichen. Die Bildunterschriften liefert ein entsprechend konfigurierter Social Bot und fertig ist Gnaddrigs Stepford Blog. Fragt sich, ob und gegebenenfalls wann es jemand merken würde…

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15 Kommentare on “Der Blogger von Stepford”

  1. Yadgar sagt:

    …und am Ende errichten die Maschinen das vollautomatische Weltschwitz zur Endlösung der Menschheitsfrage!

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  2. gnaddrig sagt:

    So ungefähr, aber immerhin gut fotografiert…

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  3. Schon jetzt fragt man sich, wer die leichthin und ohne Sinn und Verstand gekippsten Bilder denn anschauen mag? Ich habe mich vor Tagen bei einer frühen Blogkollegin entfolgt, weil sie in letzter Zeit nur noch Bildstrecken von Blüten und Katzen zeigt.
    Das Fotografieren 4.0 ist natürlich toll. Die vollautomatische Kamera braucht als passendes Gegenstück den maschinellen Betrachter, der nur meldet, wenn ein Bild wert ist, betrachtet zu werden.

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  4. Und wer jetzt wohl diesen Text geschrieben hat?

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  5. gnaddrig sagt:

    @ Jules: Katzen und Blüten sind ja nett, aber es gibt Grenzen. Allzu katzen- oder blumenlastig mag ich es auch nicht. Spätestens wenn schon die Tatsache, dass es Katzenbilder sind, als raison d’être ausreichen muss, bin ich weg.

    Was den vollautomatischen maschinellen Betrachter angeht: Genau dahin führt der Weg. Man muss nur aufpassen, wie man diese Dinger programmiert, sonst wird es in kurzer Zeit nur genau eine Sorte Bild geben. Oder auf die Spitze geschrieben: Genau ein Bild, nämlich das mit der höchsten Bewertung, das wird dann alle anderen verdrängen und überdecken. Außer man programmiert den Kisten Langeweilefähigkeit ein…

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  6. gnaddrig sagt:

    @ Tanja: Das werdet Ihr nie wissen, muahahahaaa!!!

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  7. Letztlich geht es um die Frage, wozu ein Foto gut sein soll. Wenn es mir etwas zeigt, was ich noch nicht gesehen habe, muss bei mir noch das Interesse an dieser Bildinformation vorliegen. Das Problem ist die leichte Verfügbarkeit. Sie entwertet und banalisiert alles.

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  8. gnaddrig sagt:

    Stimmt, wenn die Bilder Selbstzweck sind, ist es nicht mehr interessant. Und wenn es zuviele Bilder gibt, kann das entmutigen – wer will bei den 29’487 Sonnenuntergangsfotos im Internet noch was Neues, Originelles, noch nicht tausendmal Gesehenes zeigen? Jedenfalls etwas, as über „Kuck mal, was meine neue Kamera alles Tolles kann!“ hinausgeht. Wenn man gegen die vielen Profifotos antreten will, hat man kaum eine Chance.

    Wenn überhaupt geht es über persönlichen Bezug der Bilder, die dadurch einem natürlich begrenzten Personenkreis interessant werden und für den Rest bestenfalls noch mehr von dem sind, was es eh schon im Überfluss gibt. Ein Sonnenuntergang mag egal und beliebig sein, aber ein Sonnenuntergang an der einen bestimmten Stelle, wo wir nach einer langen Wanderung Rast gemacht hatten, kann dadurch besonders werden.

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  9. Achim sagt:

    Das Feature „Motivklingel“ haben wir schon in den 80ern als echtes Desiderat beschrieben. Endlich ist die Technik so weit bzw. noch weiter: Der Apparat klingelt nicht nur, um den Bediener auf das knipswürdige Motiv hinzuweisen, sondern löst selber aus.
    Und glaubt wirklich jemand, im Internet gäbe es lediglich 29.487 Sonnenuntergangsfotos?

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  10. gnaddrig sagt:

    Natürlich nicht, ich habe nur irgendwann aufgehört, die Ziffern weiter abzutippen 😉

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  11. Yadgar sagt:

    @gnaddrig:
    „Katzen und Blüten sind ja nett, aber es gibt Grenzen.“

    Stimmt! Luchse (Lynx lynx, Lynx canadiensis, Lynx pardinus, wenns gar nicht anders geht auch noch Lynx rufus – auf amerikanisch Bobcat, der Redneck unter den Luchsen) sind noch viel schöner anzusehen als 08/15-Hauskatzen!

    Die Steigerung: Luchs in Afghanistan! Da kommen sie nämlich auch vor, und zwar in der Unterart Lynx lynx isabellinus…

    Die ultimative Steigerung: Traditioneller Afghane (schwarzbärtig mit Turban oder Pakol) kuschelt mit zahmem Luchs!

    Ich gebe zu, letzteres ist mir noch nicht im Netz begegnet… und ich wäre auch bereit Abstriche zu machen, der Afghane könnte z. B. auch ein Berlin-Mitte-Hipster mit entsprechender Gesichtsbehaarung sein sein… aber wie hält man mitten in Berlin einen Luchs? Könnte schwierig werden…

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  12. Yadgar sagt:

    @Jules van der Ley:
    „Schon jetzt fragt man sich, wer die leichthin und ohne Sinn und Verstand gekippsten Bilder denn anschauen mag?“

    Man kann den ganzen Bildermüll (natürlich computergesteuert) im Netz sammeln, dann mit raffiniertesten Algorithmen bearbeiten und zu einem gigantischen Mosaik im Petapixel-Format zusammenstellen, das eine Karte der gesamten Erdoberfläche darstellt… und die dann auf quadratkilometergroße Folien drucken, so als Lasersegel für zukünftige interstellare Raumsonden, damit eventuelle Aliens auch gleich schon einmal einen Eindruck von der Heimatwelt des robotischen Besuchers bekommen!

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  13. Pfeffermatz sagt:

    Eine Landkarte aus Katzenfotos, das wäre was! Obwohl… dann würden die Aliens glauben, Katzen wären die intelligente Spezies hier. Hmm, vielleicht sind sie es auch?

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  14. Pfeffermatz sagt:

    Ich glaube, deine Idee ist mit bestehender Technik schon fast umsetzbar. Nur das Verschönern nach algorithmisch ermitteltem persönlichen Geschmack könnte noch schwierig sein. Aber eigentlich könnte das Gerät superhochauflösende Fotos der ganzen Landschaft mit variablem Fokus machen, so dass man nachträglich nur Ausschnitt und Brennpunkt bestimmen muss. Die Kamera müsste allerdings den richtigen Blickwinkel treffen. Oder sie schießt im Vorbeifliegen gleich einen ganzen Film solcher Fotos.

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  15. gnaddrig sagt:

    Landkarte ist jedenfalls besser als ein ein Mol Maulwürfe Katzenplanet…

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