Berufschancen

Wenn man in der Schule Französisch gelernt hat, hatte meine Großmutter manchmal gesagt, kann man damit später, wenn alle Stricke reißen, immer noch in den diplomatischen Dienst. Als Kind hatte ich damit nie was anfangen können, ich hatte den Zusammenhang und die Relevanz nicht gesehen und das ganze darum nicht weiter beachtet. Erwachsene, weiß man, sagen gelegentlich merkwürdige Dinge.

** * **

Intelligente Kinder auf dem Dorf hatten es früher schwer. Ich spreche jetzt von dem Früher, als meine Großeltern noch Kinder waren, oder deren Großeltern. Allgemein gab es auf dem Dorf eher wenig Verständnis für Wissensdrang, und außerdem war sowieso kein Geld übrig für diesen ganzen unnützen Tüddelkram, der beim Melken, Pflügen, Ernten usw. nichts half. Außerdem gab es wenig Ressourcen für den Wissenserwerb – über Bibel, Kochbuch und Almanach hinaus wird es noch bis ins 20. Jahrhundert in vielen Haushalten nicht viel Gedrucktes gegeben haben. Bibliotheken gab es auf dem Dorf auch keine, außer vielleicht dem privaten Bücherschrank des Lehrers oder des Pastors.

Bauernjungen konnten mit ach und krach die Volksschule absolvieren, wenn man sie denn ließ, oft mit langen Ausfallzeiten, wenn sie etwa bei der Ernte aushelfen mussten. In Handwerker- und Arbeiterfamilien sah es grundsätzlich nicht besser aus. Mädchen aus diesen Schichten hatten es in Sachen Bildung noch schwerer, ihre Chance auf den Besuch einer weiterführenden Schule waren praktisch nicht existent, weil sie sowieso verheiratet wurden und man zum Kinderkriegen und Kühemelken Goethe nicht gelesen haben muss.

(In den Städten war es übrigens auch oft nicht besser, da beschränkte sich Bildung für Mädchen im wesentlichen auf das, was sie zu guten, also fleißigen und gehorsamen Ehefrauen und Müttern erzog. Höhere Schule oder gar Universität völlig undenkbar. Davon, dass man Frauen sowieso für intellektuell nicht in der Lage hielt, zu studieren und einen akademischen Beruf auszuüben, haben wir da noch gar nicht angefangen.)

Mancher Dorfschulmeister hat den intelligenteren seiner Schützlinge nebenbei (und natürlich unbezahlt und mit oft bescheidenen Mitteln) noch Sprachen oder Mathematik beigebracht, um das Potenzial dieser Kinder nicht völlig brachliegen zu lassen, auch wenn von vornherein klar war, dass die Schüler das Wissen kaum je anwenden würden können und am Ende doch nur wieder am Pflug stehen würden. Einen wachen Geist verkümmern zu sehen muss – wohl gerade für engagierte Lehrer – ein trauriges Erlebnis sein.

Die Gelegenheit auszubrechen hatten nur wenige. Mancher hatte das Glück, dass die Eltern Verständnis zeigten und ihm den Besuch des Gymnasiums ermöglichten (sofern das finanziell überhaupt ging und etwa ein Bruder als angehender Jungbauer vorhanden war). Andere nutzten das Militär als Sprungbrett nach draußen, auch wenn dort sicher kein intellektuell stimulierender Geist herrschte („Kommmpaniiiie – stiiiii-stannnn! Auch der kleine Rothaarige da am Ende!“ – „Herr Hauptfeldwebel, das ist ein Hydrant!“ – „Egal, bei mir spuren auch Akademiker!“), immerhin sah man mal was anderes.

Vor dem Hintergrund klingt die eingangs zitierte Äußerung meiner Großmutter nicht mehr so befremdlich – für eine Diplomatenlaufbahn musste (und muss) man Französisch können, und wenn man das nicht kann, hat man sowieso keine Chance dort. Wenn man aber Französisch gelernt hat, kann man sich einreden, wenigstens eine Voraussetzung zu erfüllen.

Natürlich warten die dort nicht auf irgendeinen hergelaufenen Dorfbengel mit ein paar Jahren Schulfranzösisch, der nicht einmal weiß, wie man bei Tisch die Gabel hält. Aber sie war so überzeugt, es muss ihr wie eine Art Rettungsring vorgekommen sein, ein wenigstens grundsätzlich denkbarer Ausweg aus dem ausweglosen und aufreibenden Bauerndasein am Ende der Welt.

Oder es ist etwas, das sie von ihrem Lehrer gehört hat. Der könnte damit die besseren Schülern zum Französischlernen animiert haben. Nicht etwa weil er glaubte, die hätten mit ein bisschen Schulfranzösisch eine Chance beim Auswärtigen Amt, sondern um ihnen zu zeigen, dass es erstens eine Welt außer Sichtweite des eigenen Kirchturms gibt und es zweitens grundsätzlich möglich ist, dort hinzugelangen, wenn man sich Mühe gibt. Keine Ahnung, ich kann sie nicht mehr fragen. Aber die Vorstellung, man könne sich mit Grundkenntnissen in Französisch für den Diplomatischen Dienst zu qualifizieren, war ihr wichtig.

Sie selbst hatte sich als Krankenschwester in die Kreisstadt gerettet, weil der kleine Hof sowieso nicht alle Geschwister hätte halten können. Und sie wollte, dass ihre Kinder und Enkel noch weiter kommen und ihre Möglichkeiten aussschöpfen konnten. Sie hat meine Mutter darum auch auf die Hochschule geschickt, obwohl das Geld eigentlich nicht wirklich reichte.

Nun habe ich zwar kein Französisch gelernt, Diplomat bin ich auch nicht geworden, aber im Ausland bin ich doch gewesen, und mein Brot verdiene ich durch die Anwendung von Sprachkenntnissen.

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2 Kommentare on “Berufschancen”

  1. Yadgar sagt:

    Nicht nur auf dem Dorf vor hundert Jahren…

    Da wo ich aufgewachsen bin, in Weidenpesch, ging der Krieg erst Ende der 70er Jahre so langsam zu Ende, die meisten Leute waren so arm, dass sie nicht einmal sprechen konnten,
    geschweige denn Namen hatten! Sogar die zwei, drei verdienten Parteigenossen, die Autos hatten (das Benzin mussten sie sich allerdings aus Steckrüben selbst destillieren) waren froh, wenn sie überhaupt etwas unter den Reifen hatten (meistens in den Tagen nach Führers Geburtstag, wenn die Weidenpescher NSDAP-Ortsgruppe etwas Boden zum Fahren
    spendierte), meistens gabe es nämlich nicht einmal das! Die Tage hatten kaum 21 Stunden (für 24 Stunden waren wir alle viel zu arm), in vielen Jahren wurde es selbst im Sommer nicht richtig hell, und die Kinder, die nicht bei -40°C in ihren Betten erfroren, wurden zumeist von Wölfen und bolschewistischen Partisanen gefressen! Selbst 1985, als es auch in Weidenpesch längst einen richtigen Himmel und sogar demokratische Wahlen gab, grüßten sich viele Leute (zumindest die, die sprechen konnten) auf der Straße noch mit „Heil Hitler!“…

    So war das damals!

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  2. Yadgar sagt:

    @gnaddrig: Wahrscheinlich war es noch viel schlimmer, als du es in obigem Text schilderst… über flächendeckenden Analphabetismus, Blutrache und sogar Kannibalismus würde ich mich für rückständige Regionen des Deutschen Reiches (Sauerland, Niederbayern, Hinterpommern, Ostpreußen) bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein nicht wundern! Wer weiß, was alltagshistorische Forschung und Oral History noch alles ans Tageslicht bringen werden…

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